Brain Drain und Brain Gain: MIGRATIONSFORSCHUNG mit Dr. Kathleen Beger

Shownotes

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Dr. Kathleen Beger ist Slawistin und Historikerin. Zusammen mit ihren Kolleg*innen am IOS, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, beschäftigt sie sich im EU-Projekt TalentMagnet damit, warum so viele gut ausgebildete junge Menschen aus dem osteuropäischen Raum ihre Heimat verlassen und woanders Arbeit suchen. Was bedeutet das für diese Länder? Kann man versuchen, das zu ändern? Und was haben wir hier in Deutschland eigentlich damit zu tun?

Beim Thema Migration aus Osteuropa nimmt die Ukraine momentan natürlich eine Sonderrolle ein. Deshalb geht es in dieser Folge auch um die Situation von geflüchteten Ukrainerinnen in Regensburg. Auch mit diesem Aspekt von Migration hat sich Kathleen Beger im vergangenen Jahr beschäftigt. Sie und ihre Kolleginnen haben untersucht, wie es Ukrainern und Ukrainerinnen geht, die auf der Flucht vor dem Krieg hier bei uns in Regensburg eine neue Heimat gefunden haben - vorübergehend oder vielleicht auch längerfristig.

Um das auch aus erster Hand zu erfahren, haben wir in dieser Folge des Gasthörer neben Kathleen Beger noch einen zweiten Gast im Studio: Iryna Bebekh ist vor gut einem Jahr zusammen mit ihrer Familie aus Kiew geflohen und wohnt seitdem in Graßlfing, einem kleinen Dorf in der Nähe von Regensburg. Sie lässt uns an ihrer Geschichte und ihrer momentanen Situation teilhaben.

Wer mehr zum Projekt TalentMagnet erfahren möchte, findet alle Informationen dazu in dieser Pressemeldung.

Der Podcast Gasthörer ist eine Produktion des Bereichs Kommunikation & Marketing der UR. Ihr findet alle Folgen des Gasthörer mit den zugehörigen Infos auch direkt auf der Homepage der UR.

Habt Ihr Feedback, Anregungen oder Fragen zu dieser Folge oder zum Gasthörer allgemein? Schreibt uns gerne an kontakt@ur.de

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Transkript anzeigen

00:00:04: Seit letztem Jahr im Frühling ist Realität, was einige befürchtet und doch kaum jemand für möglich gehalten hätte.

00:00:10: Es gibt wieder einen Krieg in Europa.

00:00:13: Seitdem haben Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer ihre Heimat verlassen, viele sind in Deutschland gelandet, einige auch hier bei uns in Regensburg.

00:00:21: Aber diese Menschen, die vor dem Krieg auf der Flucht sind, sind nicht die einzigen, die aus Ost- und Südosteuropa zu uns kommen.

00:00:28: Aus Ländern wie Bulgarien, Kroatien oder Bosnien-Herzegowina zum Beispiel kommen Menschen zum Glück nicht auf der Flucht vor Bomben zu uns, sondern auf der Suche nach besseren Arbeitsmöglichkeiten.

00:00:39: Um beide Bevölkerungsgruppen geht es heute bei uns im Gasthörer um Brain Drain und Brain Gain und beide untersucht die Slawistin und Historikerin Dr. Kathleen Beger.

00:00:50: Herzlich willkommen an dich, Kathleen, und herzlich willkommen an euch alle hier bei uns beim Gasthörer, dem Wissenschaftspodcast der Uni Regensburg.

00:00:59: Ich bin Katharina Herkommer und ich freue mich, dass ihr dabei seid.

00:01:05: Gasthörer

00:01:11: Kathleen, ich habe es gerade gesagt, du hast Slavistik und osteuropäische Geschichte in Leipzig, in Kiew und Wien studiert.

00:01:17: Dann hast du hier bei uns in Regensburg an der graduierten Schule für Ost- und Südosteuropa Studien promoviert.

00:01:24: Danach warst du für einige Jahre in Bonn.

00:01:26: Seit letztem Jahr bist du wieder hier zurück bei uns in Regensburg.

00:01:29: Du bist als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit einer halben Stelle am Institut für Geschichte angestellt und mit einer anderen halben Stelle am IOS, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung.

00:01:40: Das ist ein Forschungsinstitut, das eng mit der Uni Regensburg kooperiert und deutschlandweit und darüber hinaus eine wichtige Rolle spielt, eben in der wissenschaftlichen Arbeit, die sich mit Ost- und Südosteuropa beschäftigt.

00:01:53: Kannst du das für uns ein bisschen mit Leben füllen, Kathleen?

00:01:56: Was macht das IOS? Womit beschäftigt ihr Forschenden euch da?

00:01:59: Ja, sehr gerne.

00:02:00: Also am IOS arbeiten Historikerinnen, Ökonominnen und Politikwissenschaftlerinnen zusammen, und zwar multidisziplinär, transnational und vergleichend.

00:02:10: Das ist so die Besonderheit bei uns und es unterstützt damit natürlich die Ost-

00:02:14: und Südosteuropaforschung und informiert auch die breite Öffentlichkeit, also macht immer wieder Veranstaltungen.

00:02:20: Und das machen wir auch ganz oft in Verbindung mit anderen Institutionen oder Zentren, die in Regensburg ansässig sind und die sich ebenfalls mit dem östlichen Europa beschäftigen.

00:02:29: Du wurdest ursprünglich angestellt am IOS für ein ganz bestimmtes Forschungsprojekt und zwar für das Interreg Danube Transnational Programme Talentmagnet.

00:02:39: Verantwortlich dafür am IOS war und ist Professor Ulf Brunnbauer. Kathleen, Interreg Danube Transnational Program Talentmagnet -

00:02:48: das ist ein sehr langer Titel, klingt ein bisschen kompliziert.

00:02:51: Worum geht es in dem Projekt?

00:02:52: Also ganz allgemein gesagt, Talentmagnet ist ein EU-finanziertes Projekt gewesen,

00:02:57: ein Projekt, an dem insgesamt 29 Partner aus elf Ländern mitgewirkt haben.

00:03:03: Und das sich in erster Linie mit dem Problem der Abwanderung von hoch qualifizierten jungen Menschen aus kleinen und mittelgroßen Städten oder Gemeinden im Donauraum beschäftigt hat.

00:03:15: Und warum wandern die ab?

00:03:16: Was ist das Problem für die zu Hause?

00:03:19: Das Problem ist, denke ich, vor allem wirtschaftlicher Natur.

00:03:21: Also das heißt, dass Menschen versuchen, anderswo eine besser bezahlte Arbeit zu finden.

00:03:27: Teilweise vielleicht auch politischer Natur,

00:03:29: in Ländern zum Beispiel mit hoher Korruption. Das sind meistens so die Hauptgründe.

00:03:33: Oder vielleicht auch in Bezug auf bessere Gesundheitsversorgung, bessere Bildungsmöglichkeiten und so weiter.

00:03:38: Und wenn wir jetzt sagen Migration, von wo nach wo sprechen wir da?

00:03:43: Naja, wir sprechen jetzt von einer Migration donauaufwärts gesehen.

00:03:47: Das heißt, von jungen Menschen aus Südosteuropa, also Bulgarien, Rumänien, Serbien, Bosnien Herzegowina, Kroatien war dabei, Slowakei, Slowenien. Österreich war auch dabei,

00:03:57: aber natürlich in gewisser Weise mit einer anderen Rolle, weil Österreich natürlich genauso wie Deutschland so ein Brain Gain, ja, also so ein Gewinnerland ist.

00:04:07: Und sind dort die Lebensbedingungen tatsächlich niedriger als in anderen Teilen von Europa?

00:04:13: Oder woher kommt dieser Migrationswunsch?

00:04:16: Ja, also ich denke, die größten Bewegungen hat es ja schon Anfang der 90er gegeben, also mit dem Zusammenbruch des Ostblocks.

00:04:22: Wenn wir jetzt nach Ex-Jugoslawien schauen, dann haben wir da noch die Kriege gehabt in den 90er Jahren.

00:04:26: Das heißt, da hat es natürlich auch sehr, sehr große Migrations- und Fluchtbewegungen gegeben zu dieser Zeit.

00:04:31: Inzwischen muss man sagen, sind aber diese Länder in Südosteuropa wirtschaftlich eigentlich relativ stark.

00:04:36: Also die haben jetzt in den letzten drei Jahren auch ziemlich hohe, sagen wir mal, Wachstumsraten verzeichnet.

00:04:41: Ja, also das Bruttoinlandsprodukt bei einigen Ländern lag wirklich so zwischen 5 und 8 Prozent, was ziemlich hoch ist.

00:04:47: Aber die Löhne und Gehälter sind natürlich trotzdem noch niedriger als bei uns.

00:04:50: Der Lebensstandard ist vielleicht auch noch ein anderer.

00:04:53: Zum Teil, je nachdem, wo man sich gerade befindet, ob man jetzt eher auf dem Land lebt oder vielleicht in der Hauptstadt.

00:04:58: Also es macht einen Unterschied, ob ich in Bulgarien in Sofia bin oder irgendwo in einer peripher gelegenen Gegend.

00:05:05: Aber nichtsdestotrotz, also auch diese Länder fangen an, sich aktuell wirtschaftlich weiterzuentwickeln und auch zu wachsen und stehen dann quasi vor dem Teufelskreis, dass nicht mehr genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, weil viele Menschen eben abgewandert sind.

00:05:19: Okay, und dann sind wir jetzt an dem Punkt, wo euer Projekt greifen sollte.

00:05:23: Worum geht es da?

00:05:24: Genau, also Aufgabe von Talentmagnet war es, diesem Brain Drain zu begegnen und Instrumentarien zu schaffen, die diesem Brain Drain, also dieser Abwanderung von jungen Talenten, von jungen, qualifizierten Menschen entgegenzuwirken.

00:05:40: Du hast gesagt, ihr hattet viele verschiedene Partner, unter anderem verschiedene Städte, aber auch Institutionen, denke ich mal.

00:05:46: Und dass das IOS als deutscher Partner ein bisschen eine Sonderrolle hatte.

00:05:51: Fangen wir mal mit euch an. Was war eure Rolle dabei?

00:05:54: Ja, die Hauptaufgabe des IOS bestand eigentlich darin, Umfragen zu erstellen unter jungen Menschen, die aktuell noch in den einzelnen Ländern Südosteuropas leben.

00:06:05: Das waren meistens noch Schüler, Schülerinnen oder auch vielleicht junge Studentinnen, die dann befragt wurden zunächst zu ihren Abwanderungsabsichten.

00:06:15: Inwiefern haben diese jungen Menschen, die jetzt vielleicht kurz vor dem Schulabschluss stehen oder vielleicht gerade ein Studium begonnen haben, die Absicht, ihr Land oder ihre Heimatregionen in den vielleicht nächsten paar Jahren zu verlassen?

00:06:26: Was sind die Gründe dafür?

00:06:27: Also wir haben diese Umfragen erstellt und die Partner vor Ort haben sie dann durchgeführt mit unterschiedlichen Zielgruppen.

00:06:34: Das ist die eine Sache.

00:06:35: Aber wir haben natürlich zum Ende des Projekts dann auch versucht herauszufinden, was denn junge Menschen aus dieser Region, aus der Donauregion, die bereits in Regensburg sind, dazu bewogen hat, hier überhaupt herzukommen.

00:06:47: Und auch in einem zweiten Schritt zu fragen, unter welchen Voraussetzungen sie denn bereit wären, in ihr Herkunftsland oder in ihrer Herkunftsregion, Stadt, Heimatgemeinde, wie auch immer, zurückzukehren.

00:06:58: Was kam denn raus, sowohl bei euren Umfragen bei den Menschen, die noch dort leben, als auch bei denen, die jetzt inzwischen hier sind?

00:07:05: Ganz interessante Dinge.

00:07:06: Da hat man eben gesehen, dass nicht nur Faktoren wie jetzt ein hohes Gehalt und ein sehr guter Job, in dem man sich jetzt vielleicht sehr gut selbst realisieren kann, eine Rolle spielen.

00:07:16: Also das spielt natürlich eine Rolle, aber das ist nicht der einzige Grund.

00:07:19: Also genauso wichtig sind für junge Menschen im Grunde auch vielfältige und hochwertige Freizeit- und Kulturangebote, gute Schulen, gute Kindergärten.

00:07:28: Gibt es da Bildungsangebote für Kinder oder gibt es da auch bezahlbaren Wohnraum?

00:07:32: Kriege ich da vielleicht einen günstigen Baukredit und so weiter?

00:07:34: Das sind ebenfalls Gründe, die Menschen dazu bewegen, ihr Land irgendwann vielleicht zu verlassen.

00:07:41: Ökologische Faktoren, Umweltschutz, gepflegte Grünanlagen und so weiter.

00:07:45: Ja, also auch sowas sind Punkte, die einkalkuliert werden müssen.

00:07:49: Und sind es Faktoren, die die Partner so erwartet haben oder waren das auch Überraschungen für die?

00:07:55: Ich denke schon, dass sie den Großteil davon erwartet haben.

00:07:57: Ja, wenn man jetzt, sagen wir mal, aus einem kleineren Ort, aus einer peripheren Gegend in Bulgarien oder in Serbien kommt, dann weiß man, dass man da jetzt vielleicht gerade kein Kino mehr hat oder kein Theater oder andere Formen von Kultur- und Freizeitmöglichkeiten, ja.

00:08:09: Aber es gab schon andere Punkte, die die Leute auch wirklich überrascht haben.

00:08:15: Das waren dann zum Beispiel auch Ergebnisse, die wir so in dem Projekt von Beginn an gar nicht intendiert hatten.

00:08:20: Also in Serbien zum Beispiel gab es eine Gemeinde, die hat die Jugend ganz stark einbezogen.

00:08:25: Die hat dann Schüler und Schülerinnen zu Veranstaltungen eingeladen und sich auch wirklich mal angehört, was die eigentlich für Vorstellungen von ihrer Gemeinde oder von ihrer Stadt haben, was sie gerne verändern wollen würden.

00:08:38: Und haben dann festgestellt, dass die wirklich ganz tolle Ideen haben.

00:08:41: Und man hat dann daraufhin auch angefangen, ein eigenes Jugendparlament einzuführen.

00:08:45: Weil man gesagt hat, die jungen Leute, wir brauchen die hier, wir wollen die hier behalten.

00:08:48: Und es ist wichtig, dass wir die einbeziehen in politische Entscheidungsprozesse.

00:08:51: Dass wir denen auch zeigen, wir hören denen zu.

00:08:54: Und ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt auch gewesen.

00:08:58: Das heißt, dass jeder Ort, der da mitgemacht hat in diesem Talentmagnet-Programm, im Endeffekt mit den Ergebnissen aus den Studien, dann seine ganz eigenen konkreten Projekte ins Leben gerufen hat?

00:09:10: Sagen wir mal, die Veranstaltungsarten waren immer ähnlich.

00:09:13: Aber von Stadt zu Stadt, von Gemeinde zu Gemeinde, in den jeweiligen Ländern mögen ganz unterschiedliche strukturelle Voraussetzungen auch vorgelegen haben, ja.

00:09:21: Aber im Großen und Ganzen kann man, denke ich, schon sagen, dass die meisten mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten.

00:09:27: Hast du noch andere Beispiele außer jetzt diesem Jugendparlament, was sich da entwickelt hat?

00:09:31: Es gab zum Beispiel einen Partner in Ungarn, der die Idee hatte, so eine Art Datenbank anzulegen, in der sich junge Menschen registrieren können.

00:09:39: Also vor allem Abiturienten, Abiturientinnen, die jetzt gerade ihren Schulabschluss gemacht haben, die jetzt anfangen, irgendwo zu studieren.

00:09:45: Der Gedanke dahinter war, dass man Kontakt mit diesen jungen Leuten halten will.

00:09:50: Dass man als Gemeinde oder als Stadt die jungen Menschen regelmäßig informieren möchte, beispielsweise in Form eines Newsletters. Über bestimmte Angebote, über bestimmte Entwicklungen in der Stadt, in der Hoffnung, dass man sie, wenn sie ihr Studium dann abschließen, sie dazu bewegen kann, vielleicht zurückzukehren.

00:10:06: Die jungen Leute zu fragen, was sie möchten und was sie bräuchten, ist bestimmt keine blöde Idee.

00:10:11: Aber jetzt kann man jungen Leuten ja auch nicht verbieten, da hinzuziehen, wo sie hinziehen möchten.

00:10:15: Und man kann ihnen auch nicht vorschreiben, wo sie studieren sollen.

00:10:18: Warum ist es so wichtig für die Länder, da einzugreifen und inwiefern ist das gerechtfertigt?

00:10:27: Also vielleicht ganz grundlegend vorneweg:

00:10:29: Es war nie Absicht des Projekts, junge Menschen am Studieren in anderen Städten oder im Ausland zu hindern.

00:10:35: Ganz im Gegenteil, ja, also dass Bildung wichtig ist, das ist etwas, das uns allen klar ist.

00:10:39: Das war auch den ganzen Partnern klar.

00:10:42: Und das war auch nicht Ziel des Projektes.

00:10:44: Aber man wollte versuchen, dass trotzdem einige dieser Menschen, die ihre Heimatregionen irgendwann verlassen haben, letzten Endes vielleicht sich doch zu einer Rückkehr motivieren lassen.

00:10:55: Gerade vielleicht auch seit Corona hat sich auch sehr viel verändert im Berufsleben.

00:10:59: Die Allermeisten können Homeoffice machen.

00:11:01: Es ist ganz normal, Zoom-Meetings zu machen, anstatt lange Dienstreisen und so.

00:11:05: Hat sich da vielleicht auch eine Chance ergeben für diese Länder?

00:11:09: Das ist eine schwierige Frage.

00:11:10: Also ich denke schon, dass das eine sehr große Chance sein könnte.

00:11:13: Aber ich denke auch, dass unsere Gesetzesregelungen dafür überhaupt nicht bereit sind.

00:11:18: Also wir haben ja beispielsweise auch eine Umfrage in Regensburg durchführen lassen mit Menschen aus Südosteuropa, die schon längere Zeit hier sind.

00:11:26: Und wir hatten einen IT-ler dabei, der gesagt hat, er könnte sich auch sehr gut vorstellen, vielleicht im Jahr drei Monate am Stück in Regensburg, also in Deutschland zu arbeiten, aber genauso gut auch mal drei Monate in Bulgarien.

00:11:37: Weil er sagt, dass es für seine Arbeit überhaupt keine Bedingung ist, dass er physisch an einem konkreten Ort arbeitet.

00:11:44: Er kann ja als IT-ler überall arbeiten.

00:11:46: Und das sind natürlich Sachen, die jetzt, wenn man sich so sozialversicherungsrechtliche Bedingungen anschaut, so überhaupt noch nicht funktionieren oder auch noch nicht durchdacht sind.

00:11:56: Also das sind dann auch innerhalb der EU-Regelungen, die wirklich erst getroffen und entwickelt werden müssen.

00:12:02: Was sonst könnten wir machen in der EU, dass dieser Brain Drain aus den osteuropäischen Ländern aufhört?

00:12:09: Das ist eine sehr sehr schwierige Frage.

00:12:12: Was ich schlimm finde, ist, dass dieses gezielte Abwerben von Fachkräften aus Südosteuropa, was auch Deutschland betreibt, natürlich die Situation in den südosteuropäischen Ländern noch zusätzlich verschlimmert.

00:12:23: Also man könnte tatsächlich überlegen, wie wir das gerade eben angesprochen hatten, wenn Menschen mal drei Monate vielleicht in Deutschland drei Monate in Bulgarien oder in Serbien arbeiten, ob man Arbeitgeber nicht dazu verpflichtet, einen Teil der Steuerleistung oder der Sozialabgaben in das jeweils andere Land auch zu überweisen und auch dort die Abgaben zu leisten.

00:12:40: Also ich denke schon, dass das für die Zukunft ein durchaus faires Modell wäre.

00:12:45: Du hast gesagt, ihr habt die Umfrage ja nicht nur in den Partnerländern gemacht, sondern ihr habt auch hier in Regensburg Menschen gefragt, die jetzt eben aus anderen Ländern hier in Regensburg leben.

00:12:55: Welche Schwierigkeiten wurden dort aufgezeigt? Was haben die gesagt? Woran hakt's?

00:13:01: Ich glaube, für die meisten problematisch ist vor allem dieses Maß an Bürokratie in Deutschland oder auch in Regensburg, da ist ja Regensburg auch keine Ausnahme -

00:13:10: fehlende Digitalisierung, da sind andere Länder deutlich weiter zum Teil als wir das sind,

00:13:16: lange Bearbeitungszeiten und eben auch das Problem mit der Anerkennung von ausländischen Abschlüssen.

00:13:23: Also das hat viele wirklich getroffen.

00:13:26: Im Großen und Ganzen muss man aber sagen, dass die MigrantInnen aus Südosteuropa ihr Leben oder ihr Arbeiten hier in Regensburg ähnlich einschätzen, wie das Menschen tun, die schon immer hier leben oder schon länger hier leben, deutschen Pass haben, wie auch immer.

00:13:40: Also es ist für alle problematisch, hier an günstigen Wohnraum zu kommen oder überhaupt an Wohnraum.

00:13:46: Der Mangel an Kita-Plätzen ist auch ein Problem.

00:13:49: Das deckt sich sehr, sehr stark mit der hiesigen Bevölkerung.

00:13:52: Und dann natürlich auch die Frage nach der entsprechenden Willkommenskultur mit bestimmten, sagen wir mal Dienstleistungen, die man vielleicht auch auf Englisch dann durchführen könnte.

00:14:01: Also gerade wenn wir jetzt von hoch qualifizierten Menschen sprechen, die hierher kommen wollen zum Arbeiten bei den großen Regensburger Arbeitgebern, da ist Englisch eigentlich ja auch die normale Umgangssprache dann schon.

00:14:11: Und dann bei Behörden ist das für viele mit Deutsch dann doch auch nochmal ein Problem.

00:14:17: Also nicht jeder, der hierher kommt, spricht ja automatisch schon perfekt Deutsch.

00:14:20: Und macht ihr mit diesen Ergebnissen aus dieser Studie jetzt irgendwas?

00:14:26: Wir haben diese Ergebnisse zum Beispiel schon beim Integrationsbeirat der Stadt Regensburg vorgestellt und da auch schon diskutiert und der Integrationsbeirat hat ja vor kurzem auch ein neues Integrationskonzept vorgestellt und verabschiedet.

00:14:39: Wenn wir bei den Ergebnissen und beim Ausblick in die Zukunft sind, ist die Podcast-Folge normalerweise schon kurz vorm Ende, diesmal aber gar nicht,

00:14:48: denn wir kommen jetzt zu unserem zweiten und, wie ich finde, besonders wichtigen und interessanten Teil von eurer Arbeit.

00:14:54: Und der hat sich für euch ziemlich logisch aus dem ersten Teil, aus diesem Talentmagnet Programm ergeben.

00:15:00: Denn ein Land, das Anfang 2020 noch wie alle anderen zu den Donauländern eures Projekts gehört hat, ist die Ukraine.

00:15:08: Und dort hat sich die Situation in den letzten anderthalb Jahren natürlich so dramatisch verändert, dass die Leute nicht mehr einfach nur wegziehen, weil sie hoffen, dass sie irgendwo anders einen besseren Job finden oder bessere Zukunftschancen haben, sondern die sind auf der Flucht vor einem Krieg.

00:15:24: Wie habt ihr auf diese besondere Situation reagiert?

00:15:26: Konntet ihr die Projekte, die ihr eigentlich fürs Talentmagnet Programm in der Ukraine geplant habt, überhaupt durchziehen?

00:15:32: Wie war das?

00:15:33: Das war natürlich ein Riesenschock für alle und auch ein Problem, dass die Arbeit mit dem Projektpartner in der Ukraine, in Uschhorod, in dem Fall zum Erliegen gebracht hat.

00:15:44: Also das wäre auch anders nicht möglich gewesen, weil man kann keine Projekte mit einem Land, in dem Krieg herrscht, durchführen.

00:15:51: Was wir gemacht haben als Reaktion auf diesen Krieg, war, dass wir gesagt haben, okay, wir haben jetzt eine unglaubliche Zahl auch an Geflüchteten aus der Ukraine hier in Regensburg und uns interessiert, wie die hier ankommen, wie die hier aufgenommen werden,

00:16:04: wie die integriert werden, vielleicht auch, wie sie überhaupt hierher gekommen sind, warum sie sich auch für Regensburg vielleicht entschieden haben und wie es ihnen hier ergeht.

00:16:11: Daraufhin haben wir uns überlegt, eine quantitative Online-Umfrage zu starten.

00:16:17: Wir haben die auf Ukrainisch gemacht, sodass die Geflüchteten auch die Möglichkeit hatten, sprachlich an dieser Umfrage auch teilzunehmen.

00:16:24: Genau, also das war unser Anliegen, herauszufinden, was in Regensburg eigentlich in Bezug auf größere Flüchtlingsströme in dem Fall gut läuft, was weniger gut läuft, ob wirklich der Krieg auch der Hauptgrund war, weswegen die Menschen jetzt hierher gekommen sind,

00:16:38: oder ob es vielleicht nicht doch auch ökonomische oder vielleicht auch soziale Erwägungen waren, die eine Rolle bei dieser Entscheidung gespielt haben.

00:16:45: Weil das eine muss das andere ja nicht unbedingt ausschließen.

00:16:49: Über die Ergebnisse, was bei dieser Umfrage dann rauskam, sprechen wir gleich.

00:16:52: Aber damit wir nicht nur über Menschen sprechen, sondern auch mit Menschen sprechen, habe ich vor ein paar Tagen hier ins Studio Iryna Bebekh eingeladen.

00:17:02: Sie ist 30 und kommt ursprünglich aus Kyjiw.

00:17:05: Und dafür, dass Iryna erst seit einem guten Jahr in Deutschland ist, spricht sie schon wahnsinnig gut Deutsch.

00:17:10: Trotzdem war zusätzlich meine Kollegin Julia Dragan dabei, die uns als Übersetzerin unterstützt hat.

00:17:15: Julia kommt ursprünglich auch aus der Ukraine, ist aber schon vor ein paar Jahren für ihr Masterstudium nach Deutschland gekommen und arbeitet inzwischen bei uns an der Uni im Team der Kommunikation.

00:17:24: In unserem Gespräch habe ich Iryna zuerst mal gefragt, wie sie nach Deutschland gekommen ist, ob sie allein oder mit ihrer Familie kam.

00:17:30: Ich habe drei Kinder und meinen Mann.

00:17:33: Wir sind nach Deutschland zusammen gekommen.

00:17:37: Und dein Mann durfte mitkommen, weil ihr drei Kinder habt?

00:17:40: Ja.

00:17:41: Wie alt sind deine Kinder?

00:17:42: Ich habe drei Jungen.

00:17:44: Drei Buben?

00:17:45: Ja, zwei, sieben und zehn Jahre alt.

00:17:48: Und wo lebt ihr jetzt? Wie lebt ihr jetzt?

00:17:51: Sehr gut. Wir haben keine Bombe auf unserem Dach.

00:17:58: Und deutsche Menschen - sehr, sehr nett und freundlich.

00:18:03: Wir bedanken uns sehr für alle Hilfen.

00:18:08: Darf ich dich fragen, wann war der Moment, als ihr gesagt habt, ihr könnt nicht in Kyjiw bleiben, ihr müsst gehen?

00:18:19: Am Anfang haben wir gedacht, der Krieg wird nur so zwei, drei Wochen dauern.

00:18:25: In die Medien wurde uns auch gesagt, dass es wird schnell vorbei.

00:18:30: Deswegen blieben wir zuerst.

00:18:33: Wir haben zu fünft in einem Zimmer gewohnt, mit geschlossenen Fenstern und haben auf jede Attacke und auf jeden Luftalarm gewartet und haben ganz viel Angst gehabt um unser Leben.

00:18:46: Und dann, nach einem Monat, habe ich mit meiner Patin gesprochen.

00:18:50: Die wohnt in München und die hat zu uns gesagt, jetzt reicht es, jetzt kommt ihr einfach zu mir.

00:18:55: Und wenn der Krieg in zwei Wochen oder drei Wochen endet, dann geht ihr einfach zurück.

00:19:01: Aber ich kann es einfach nicht mehr so zusehen, wie ihr leidet.

00:19:05: Kommt bitte zu mir.

00:19:12: Das heißt, ihr hattet einen persönlichen Kontakt nach München.

00:19:14: Warum seid ihr dann jetzt in Regensburg?

00:19:17: Eine Freundin von meiner Patin hat gesagt, ich hab eine Wohnung in Regensburg und ich kann helfen.

00:19:28: Ihr habt privat Unterstützung bekommen, aber habt ihr auch von Deutschland, vom Staat Angebote, Sprachkurs, Wohnungsangebote, irgendetwas bekommen?

00:19:41: Auf dem Weg nach Deutschland hatten wir schon ein Angebot für Wohnung bekommen, vom Regensburger Stadt, aber dann, als es bekannt gegeben wurde, dass wir fünf sind, haben wir eine Absage bekommen, weil die Wohnung zu klein war.

00:19:55: Und dann, im Endeffekt, sind wir bei meiner Taufpatin gelandet, aber zum Glück haben die ein Angebot von einer Familie bekommen, die die ganze freie Wohnung im Haus hatten.

00:20:06: Und diese Familie ist jetzt auch zu unserer Familie geworden.

00:20:10: Wir sind jetzt sehr nah.

00:20:12: Und dann, danach hat die ganze Bürokratie angefangen.

00:20:15: Wir mussten uns natürlich anmelden und bei ganzen Behörden vorbeischauen.

00:20:20: Und die Julia, die Tochter von der Familie, hat uns ganz viel damit geholfen.

00:20:26: Natürlich war alles superschwierig, auf Deutsch zu machen, aber dann hat es geklappt irgendwann.

00:20:31: Und auch wir haben ein Angebot vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bekommen, für einen Deutschkurs.

00:20:38: Und dann haben zu zweit angefangen, Deutsch zu lernen, genau.

00:20:44: Konntet ihr vorher schon ein bisschen Deutsch?

00:20:46: Hattet ihr in der Ukraine schon Deutschkenntnisse?

00:20:49: Nein, nie, nie. Nur Englisch.

00:20:53: Wenn ich bin nach Deutschland gekommen, ich habe Platz ab Juni auf Deutschkurs.

00:21:00: Aber ich habe im März angefangen, auf YouTube, auf anderen Internet zu surfen und lerne Deutsch.

00:21:11: Wahnsinn. Respekt.

00:21:14: Ich stelle mir das gar nicht leicht vor, eine Sprache zu lernen, wenn man nicht weiß, wie lange man wirklich da bleibt.

00:21:20: Also sich zu engagieren, zu sagen: So, ich hänge mich da jetzt voll rein -

00:21:24: wie ist das denn bei euch?

00:21:25: Wie sind eure Zukunftspläne und eure Wünsche?

00:21:28: Möchtet ihr gerne in die Ukraine zurück?

00:21:32: Ich weiß nicht.

00:21:37: Also es ist jetzt schwierig zu sagen, weil ich hab richtig, richtig Angst.

00:21:41: Ich meine, der Krieg ist noch nicht am Ende.

00:21:44: Und selbst wenn das am Ende schon bald wäre, wir haben jetzt noch keine Garantien, dass das sich nicht wiederholen würde in zwei oder drei Jahren zum Beispiel.

00:21:53: Deswegen, bis jetzt bleiben wir hier und schauen, was da alles später kommt.

00:21:59: Und meine persönliche Meinung ist, dass wir haben uns ganz gut integriert.

00:22:03: Wir lernen die Sprache, wir arbeiten und zahlen Steuern.

00:22:07: Und bis jetzt leben wir jetzt unser Leben in Deutschland und dann schauen, was später kommt.

00:22:20: Kathleen, du hast jetzt gerade Irynas Geschichte ein bisschen gehört.

00:22:24: Kannst du uns vielleicht ein bisschen Hintergrund geben? Hast du ein paar Fakten für uns?

00:22:28: Weißt du, wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer überhaupt auf der Flucht sind und wie viele in Regensburg sind? Weißt du da was?

00:22:35: Die letzte Statistik, die ich für das Projekt gelesen hatte, bezog sich auf Februar 2023.

00:22:40: Und ich glaube, da war von der UN, also UNHCR, das Flüchtlingswerk, die Rede von ungefähr acht Millionen Menschen aus der Ukraine, die auf der Flucht waren, die das Land verlassen hatten.

00:22:51: Ich glaube, in Deutschland waren es ungefähr eine Million dann, die registriert waren zum Februar 2023.

00:22:58: In Regensburg sind es ungefähr 2.800.

00:23:01: Man muss bei diesen Zahlen aber etwas vorsichtig sein, weil diese Zahlen ja immer nur die Registrierungen erfassen.

00:23:08: Das heißt, es gibt natürlich einerseits Menschen, die sich möglicherweise nie registrieren haben lassen, die aber trotzdem vielleicht hier leben.

00:23:16: Und es gibt andererseits auch Menschen, die vielleicht hier registriert wurden, die dann aber die Entscheidung getroffen haben, in eine andere Stadt in Deutschland zu ziehen oder vielleicht auch weiter in ein anderes Land zu gehen.

00:23:27: Ja, und die sind eben dann nicht mehr erfasst.

00:23:29: Das heißt, die Zahlen spiegeln eben nur die Registrierungen ab.

00:23:32: Jetzt ist Iryna ja mit ihrem Mann und ihren drei Kindern gekommen.

00:23:35: Das ist ziemlich untypisch, oder?

00:23:37: Dass eine ganze Familie zusammen hierher kommen kann.

00:23:40: Ja, also Männer im wehrpflichtigen Alter dürfen aus der Ukraine normalerweise nicht ausreisen.

00:23:44: Und ab drei Kindern gilt dann wohl eine Ausnahme.

00:23:47: Was ist dir sonst aufgefallen bei dem, was Iryna erzählt hat?

00:23:50: Ist es für dich ähnlich wie das, was ihr in den Umfragen so mitbekommen habt?

00:23:55: Oder ist es eher untypisch?

00:23:57: Ich hatte den Eindruck, dass Iryna sehr, sehr positiv gestimmt war.

00:24:00: Bei uns in den Umfragen konnte man auch eher negative Dinge auch kundtun, wenn man das wollte.

00:24:06: Wobei auch da, würde ich sagen, der Großteil sehr zufrieden war, einfach mit der Tatsache aus diesem Kriegsland raus zu sein und hier in Sicherheit zu sein.

00:24:13: Also das ist so der Hauptgrund, womit die Leute natürlich in erster Linie zufrieden, logischerweise, sind.

00:24:20: Bei Iryna denke ich, dass sie aber sehr, sehr viel Glück gehabt hat und auch sehr, sehr viel private Unterstützung erfahren hat.

00:24:27: Sie erwähnt die staatliche Seite eigentlich so gut wie gar nicht, die es natürlich auch irgendwo mit Sicherheit gibt.

00:24:33: Aber das deckt sich so mit unseren Beobachtungen, dass die unmittelbaren Hilfsangebote in erster Linie aus privaten Initiativen kommen.

00:24:39: Ich meine, es spricht natürlich für die Bevölkerung, aber sollte ja eigentlich so nicht sein, oder?

00:24:45: Natürlich nicht. Und aus anderen Flüchtlingskrisen, wenn man es denn so nennen will, wie zum Beispiel 2015, als der Krieg in Syrien eine große Welle von syrischen Flüchtlingen zu uns geführt hat, man hätte aus solchen Erfahrungen eigentlich auch lernen können.

00:25:00: Was waren sonst so Ergebnisse aus der Umfrage?

00:25:03: Vielleicht Sachen, die ihr so nicht erwartet hättet, Sachen, die euch verblüfft haben?

00:25:07: Also für mich, muss ich sagen, war relativ wenig überraschend.

00:25:10: Ein Punkt, muss man auch wissen, viele kommen halt auch aus Großstädten, ja.

00:25:13: Also Charkiw, Kyjiw, Odessa, das sind Großstädte.

00:25:17: Und wenn die dann natürlich nach Regensburg kommen, Regensburg ist keine Großstadt.

00:25:20: Das ist natürlich schon mal der erste große Unterschied und das ist für die Leute durchaus auch gewöhnungsbedürftig.

00:25:27: Ihr habt aber auch zum Beispiel nach der Arbeitssituation gefragt, ne?

00:25:30: Kannst du da was sagen? Finden die Menschen hier eine Arbeit? Finden die eine adäquate Arbeit?

00:25:36: Ich glaube, bei den meisten waren immer noch die Sprachkenntnisse das Problem, weil man ja trotzdem irgendwie ein Mindestmaß an Deutschkenntnissen haben muss, wenn man hier auf den Arbeitsmarkt treten will.

00:25:44: Also das trifft vielleicht nicht für alle Berufsfelder zu, aber für die meisten wahrscheinlich dann schon.

00:25:49: Und die Ukrainer, Ukrainerinnen, die hier sind, haben eben in den meisten Fällen entweder keine oder so gut wie keine Vorkenntnisse des Deutschen.

00:25:59: Das heißt, die sind auch wirklich zwingend auf diese ganzen Sprachkurse, die von den Volkshochschulen dann meistens angeboten werden, angewiesen.

00:26:06: In Bezug auf Arbeit finden, ist für viele auch nicht ganz leicht.

00:26:11: Ich habe auch Iryna gefragt, wie es bei ihnen mit der Arbeitssituation aussieht, ob sie und ihr Mann Arbeit gesucht und gefunden haben.

00:26:19: In der Ukraine, mein Mann hat als Manager im Supermarkt gearbeitet.

00:26:26: Er hat sehr gute Arbeit und viel Geld. Ich habe als Nägeldesigner gearbeitet.

00:26:33: Und wenn wir sind nach Deutschland gekommen, mein Mann hat eine Arbeit bekommen hier.

00:26:42: Diese Arbeit war bei DHL, der Deutschen Post. Und diese Arbeit war sehr schwierig.

00:26:49: Er hat immer im Nachtdienst gearbeitet. Ich war mit meinen Kindern zu Hause.

00:26:58: Es war sehr schwierig. Und dann seinen Arbeitsvertrag beendet.

00:27:04: Mein Mann hat neue Arbeit gesucht. Ja, ohne sehr gute Deutschkenntnis.

00:27:11: Er hat sehr schwierig Arbeit bekommen. Er hat sehr lange gesucht.

00:27:16: Und gerade er wieder arbeitet. Diese Firma macht Geräte für Autos.

00:27:26: Das ist 80 Kilometer von Neutraubling. Ja, sehr lange. Aber diese Arbeit ist sehr gut.

00:27:34: Ich habe auch Arbeit auf Minijob in der Firma von meinem Mann.

00:27:41: Ich arbeite mit Dokumenten. Aber diese Arbeit ich kann zu Hause machen. Und mit meinen Kindern bleiben zu Hause.

00:27:52: Und die Arbeit, die dein Mann jetzt macht, entspricht dir vom Niveau her ein bisschen dem, was er früher gemacht hat?

00:27:59: Oder, ich mein, wenn er Manager war...?

00:28:03: Ja, natürlich. In der Ukraine hat er besseres Job gehabt.

00:28:06: Und er war ein Markt-Leiter. Er hatte unter sich 30 Mitarbeiter.

00:28:12: Und natürlich ohne gute Sprachkenntnisse und Erfahrung hier in Deutschland arbeitet er jetzt einfach als Arbeiter in dieser Firma.

00:28:21: Die Hauptsache ist, dass jetzt sind wir alle sicher und haben Arbeit, haben was zu tun.

00:28:27: Und dann in der Zukunft schauen wir mal.

00:28:34: Iryna, ich danke dir ganz herzlich, dass du so offen mit uns gesprochen hast und uns so viel über deine Situation und die Situation von deiner Familie hier erzählt hast.

00:28:42: Julia, ich danke dir ganz herzlich, dass du für uns übersetzt hast.

00:28:46: Und ich wünsche euch alles Glück und alles Gute.

00:28:49: Vielen Dank!

00:28:50: Iryna kann sich im Moment ja überhaupt nicht vorstellen in näherer Zukunft zurückzugehen in die Ukraine -

00:28:59: Kathleen, wir haben vorher darüber gesprochen, wie man den Menschen hier die Situation erleichtern könnte.

00:29:05: Nicht nur den ukrainischen Geflüchteten, sondern auch den anderen Menschen, die ihr befragt habt, die aus den osteuropäischen Ländern kommen.

00:29:13: Widerspricht es nicht dem, was ihr im Talentmagnet Programm zu schaffen versucht habt?

00:29:18: Also was wollen wir denn jetzt, dass die Leute bleiben oder dass sie wieder heimkehren können?

00:29:22: Ja, ich würde natürlich auch den Geflüchteten aus der Ukraine wünschen, so schnell wie möglich heimkehren zu können, wenn sie das denn wollen.

00:29:28: Ja, also das steht ja außer Frage. Das ist natürlich ein sehr schwieriger Punkt.

00:29:34: Bei Talentmagnet muss man sagen, hat es einfach sehr große wirtschaftliche, politische und auch soziale Auswirkungen, dass eben eine Vielzahl von jungen Menschen ihre Heimatländer verlässt.

00:29:45: Ja, also vor allem die Länder in Südosteuropa und dann sich auf den Weg Richtung Österreich oder Deutschland macht.

00:29:50: Das sind massive demografische Probleme, vor denen die jeweiligen Herkunftsländer stehen dadurch.

00:29:56: In der Ukraine ist das mit dem Krieg natürlich eine ganz andere Situation.

00:30:00: Man würde den Leuten natürlich sofort wünschen, dass der Krieg aufhört und sie zurückkehren können, wenn sie das möchten.

00:30:06: Aber solange, denke ich, sollten wir es für diese Leute einfach so angenehm wie möglich hier gestalten, denen bei der Integration helfen, Deutschkurse anbieten, versuchen, denen einen leichteren Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

00:30:18: Die Umfrage, die ihr gemacht habt, ist längst nicht das einzige, wie das IOS den Krieg in der Ukraine wissenschaftlich begleitet.

00:30:24: Schon seit Jahren habt ihr am Institut einen besonderen Schwerpunkt auf die Ukraine gelegt, denn der Konflikt in der Region hat ja nicht erst mit den kriegerischen Angriffen durch Russland im letzten Jahr begonnen, sondern schwelt schon viel, viel länger in der Region.

00:30:38: Als Reaktion auf die Eskalation habt ihr diese Aktivitäten aber noch weiter ausgebaut.

00:30:43: Was sind denn das für Aktivitäten? Was macht das IOS mit Blick auf die Ukraine jetzt und auch schon länger?

00:30:48: Also ich glaube aktuell am wichtigsten denke ich ist, dass das IOS Forschende, also WissenschaftlerInnen aus der Ukraine aufgenommen hat.

00:30:56: Die sind meistens mit Stipendien hier.

00:30:59: Das heißt, die werden finanziell unterstützt, sodass sie ihre Forschungstätigkeit im Ausland fortführen können.

00:31:05: Es gibt auch zwei Forschungsgruppen zur Beobachtung des Krieges.

00:31:08: Das ist einerseits eine rechts- und politikwissenschaftliche, zur Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen, die auch interdisziplinär zusammengesetzt ist.

00:31:17: Und es gibt eine Gruppe von HistorikerInnen, die sich mit der Geschichte der ukrainischen Staatlichkeit im Spannungsfeld mit Russland beschäftigt.

00:31:26: Wie du aber auch schon gesagt hast, beschäftigt sich das IOS mit der Ukraine auch nicht erst seit Februar letzten Jahres, sondern schon länger.

00:31:34: Es gibt zum Beispiel schon seit 2016 eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe Ukraine, die von Katrin Böck und Guido Hausmann geleitet wird.

00:31:42: Außerdem veranstaltet das IOS natürlich auch Diskussionen, Buchvorstellungen.

00:31:46: Es versucht, öffentliche Veranstaltungen abzuhalten.

00:31:49: Das heißt, auch wirklich Erkenntnisse aus der Wissenschaft in die breite Öffentlichkeit zu transferieren, die Leute zu informieren.

00:31:57: WissenschaftlerInnen des IOS geben Interviews in den Medien zum Beispiel.

00:32:03: Außerdem hat das IOS auch noch, das kann man auch noch erwähnen, ein eigenes Blog ins Leben gerufen, das sogenannte OstBLOG Spezial mit dem Titel Russlands Krieg gegen die Ukraine.

00:32:12: Als GeisteswissenschaftlerInnen hat man ja öfters mal so diesen Rechtfertigungsdruck, dass die Leute sagen: Ihr forscht da vielleicht im Elfenbeinturm und für was ist das alles gut?

00:32:24: Ist für dich so diese Relevanz und dieser Realitätsbezug, sage ich jetzt mal, was, was dich jetzt besonders antreibt oder was ist es, was dich an deiner Arbeit fasziniert?

00:32:35: Was mich eigentlich am meisten fasziniert ist, wenn man merkt, dass man wissenschaftliche Ergebnisse wirklich in einer breiteren Öffentlichkeit platzieren kann.

00:32:44: Also wenn man merkt, dass man die Erkenntnisse, die man sonst, wie du gesagt hast, eher für den Elfenbeinturm produziert, letzten Endes auch so nutzen kann oder auch so aufbereiten kann, dass sie für Menschen, die jetzt nicht aus dem eigenen Feld, aus der eigenen Disziplin kommen, interessant sind, wenn man merkt, dass Menschen irgendwie vielleicht was Neues lernen, sich daraus irgendetwas mitnehmen.

00:33:04: Es geht ja nicht darum, denen meine Sicht der Dinge oder unsere Sicht der Dinge darzulegen, sondern die Menschen sollen einfach in der Lage sein, aufgrund von verschiedenen Informationen ihre eigenen Schlüsse daraus zu ziehen.

00:33:15: Und ich finde das immer sehr schön, wenn man sieht, dass das auch irgendwo gelingt.

00:33:17: Also dass man in eine breitere Öffentlichkeit geht, dass man eine Veranstaltung macht für eine breitere Öffentlichkeit.

00:33:23: Und wenn man sieht, dass die Leute das auch wirklich interessiert oder dass sie vielleicht auch mal andere Statements hören, als das, was sie sonst aus den normalen Tagesmedien hören.

00:33:33: Ich finde eine ganz wichtige Rolle von euch Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ist es auch Situationen und Sachgebiete einzuordnen für Leute, die nicht so vom Fach sind.

00:33:43: Und da geht es mir in dem Punkt jetzt gerade auch so ein bisschen so über das, was wir jetzt alles gesprochen haben.

00:33:48: Und zwar einerseits die Migration von Ukrainerinnen und Ukrainern nach Deutschland, andererseits die Migration von Menschen aus Ost- und Südosteuropa nach Deutschland.

00:33:58: Denn als Außenstehender kann man doch eigentlich auch sagen, ja mein Gott, schön, wenn du dich dafür so interessierst und schlimm für die Länder da -

00:34:04: jetzt mal ganz ignorant gesprochen - aber was hat das mit mir zu tun?

00:34:08: Und was bedeutet das vielleicht auch für uns hier in Deutschland?

00:34:10: Kannst du uns vielleicht zum Schluss das nochmal versuchen, klar zu machen -

00:34:14: gibt es Auswirkungen, wenn sich die Situation in den Ländern nicht ändert, die vielleicht auch hier uns betreffen?

00:34:20: Ich denke, auf alle Fälle ist diese soziale Ungleichheit, die dadurch entsteht, ein großes Problem.

00:34:26: Ja, also man sieht das ja auch innerhalb der EU.

00:34:29: Man hat das zum Beispiel in der Corona-Zeit gesehen, als man festgestellt hat, dass in den ost- oder auch südosteuropäischen Ländern massiv einfach Ärzte und Pflegepersonal gefehlt haben.

00:34:39: Das war ja ganz, ganz eklatant.

00:34:40: Und das liegt natürlich auch daran, dass die durch Deutschland abgeworben werden, dass die hier natürlich bessere Gehälter haben.

00:34:48: Aber da müsste es ganz andere Maßnahmen, Instrumentarien innerhalb der EU geben, um so was zu verhindern.

00:34:55: Und ich denke, da ist auch Deutschland als das Gewinnerland am Zug und müsste da eigentlich ganz anders auftreten.

00:35:01: Und für ganz andere, ja für ganz andere Politiken eigentlich auch eintreten.

00:35:07: Das demografische Problem in diesen Ländern wird dadurch natürlich auch nicht einfacher.

00:35:11: Ganz im Gegenteil, es sind wirklich Gesellschaften, die überaltern, weil natürlich in erster Linie junge Menschen weggehen und ältere Menschen zurückbleiben.

00:35:19: Das hat auch massive Probleme.

00:35:22: Es fehlen einerseits kreative Köpfe, die das Land vielleicht wirtschaftlich auch weiter voranbringen könnten.

00:35:26: Aber es verursacht auch enorm hohe Kosten.

00:35:30: Je mehr ältere Menschen ich habe, desto mehr muss ich an Gesundheitsvorsorgeaufwendungen aufbringen und so weiter.

00:35:37: Also das hat immense Konsequenzen.

00:35:39: Man sieht das, denke ich, nicht zuletzt auch an dem stärkeren Aufkommen dann von populistischen Bewegungen, von rechtsnationalen oder auch nationalistischen Bewegungen, wie auch immer, die dann letzten Endes natürlich auch irgendwo eine Bedrohung für die Stabilität der EU sind.

00:35:55: Ja also siehe Ungarn, also ob das jetzt immer mit den demografischen Problemen, mit Abwanderung zu tun hat, aber es ist zumindest ein Teil des Ganzen.

00:36:04: Wie geht es für dich jetzt weiter nach diesem Projekt und für euch am IOS?

00:36:09: Wir am IOS widmen uns jetzt einer anderen Gruppe, einer anderen Altersgruppe.

00:36:14: Wir hatten uns ja vorher im Talentmagnet mit jungen Menschen, mit jungen qualifizierten Fachkräften auseinandergesetzt und jetzt haben wir ein neues Projekt, dessen Titel Transforming Anxieties of Aging in Southeastern Europe heißt.

00:36:28: Und das nimmt sich jetzt genau dieses Problems des Überalterns der Gesellschaften in Südosteuropa an.

00:36:34: Warum denn gerade auch in den politischen Diskursen, in den Medien-Diskursen in Südosteuropa demografische Probleme so eine große Rolle spielen und immer von der Überalterung als einer Bedrohung oder als einer Gefahr ausgegangen wird.

00:36:49: Es geht also spannend weiter in deinem Job und in deinem Forschungsgebiet.

00:36:54: Vielen Dank Kathleen Beger, dass du hier bei mir im Studio warst.

00:36:58: Ganz herzlichen Dank auch nochmal an Iryna Bebekh, dass sie so offen erzählt hat, wie es ihr und ihrer Familie gerade hier bei uns in Deutschland geht und an Julia Dragan für die Unterstützung beim Übersetzen.

00:37:09: Ich hoffe es hat dir, Kathleen, Spaß gemacht.

00:37:11: Ich hoffe es hat euch Spaß gemacht, liebe Hörerinnen und Hörer und war auch interessant für euch.

00:37:16: Wenn ja, dann abonniert den Gasthörer doch einfach und empfehlt uns gerne weiter.

00:37:20: Wir freuen uns auch immer über Feedback unter kontakt@ur.de.

00:37:24: Ich bin Katharina Herkommer und ich sage bis zum nächsten Mal mit einem neuen, spannenden Gast und seiner oder ihrer Forschung hier an der Uni Regensburg.

00:37:32: Tschüss, liebe Gasthörerinnen und Gasthörer.

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