Lesen hilft! – DIE UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK mit Dr. André Schüller-Zwierlein

Shownotes

Was macht eine Bibliothek heute aus – jenseits von Regalreihen und Ausleihkarte? In dieser Folge des Gasthörer gehen wir zuammen mit Dr. André Schüller-Zwierlein, dem Leiter der Universitätsbibliothek Regensburg, auf einen Streifzug durch einen Ort, der viel mehr ist als eine Bücherburg: ein Raum für gemeinsames Lernen und Forschen, ein Kursportal für Schlüsselkompetenzen, eine Ausstellungsbühne und Schatzkammer historischer Kostbarkeiten. Wir sprechen darüber, welche Rolle Bibliotheken in unserer Gesellschaft einnehmen, wie unsere UB moderne Services und verlässliche Wissenschaft vereint, und warum das Lesen selbst ein Fundament für kritisches Denken und demokratische Teilhabe ist – gerade in unserer heutigen, digitalen Zeit.

Links zu Themen der Folge:

Transkript anzeigen

00:00:03: Neulich hatte ich meine drei kleinen Nichten und Neffen zu Besuch. Als Programmpunkt hatte ich was Schönes gefunden. Ein Kinderbuchautor sollte in meiner Stadtteilbücherei seine Bücher vorstellen. Mit Lesung, Theatereinlagen und Mitmachprogramm für die Kinder. Klang perfekt. Unser Weg dorthin ging durchs Einkaufszentrum, neben dem die Bücherei liegt. Dort war gleichzeitig auch Kinderprogramm. Mitten im Foyer zwischen dem ganzen Gewusel war eine Kasperltheateraufführung in vollem Gang. Zig lange Stuhlreihen, Hunderte von Kindern, zum Teil völlig überdreht. Das Ganze extrem laut beschallt, quietschig, schrill und offensichtlich vor allem dafür da, damit Eltern ihre Kinder eine gute Weile parken konnten, um so lange in Ruhe möglichst viel Geld im Einkaufszentrum zu lassen. Ich habe meine kleine Herde da möglichst schnell vorbei bugsiert und dann in der Bücherei: eine andere Welt. Ruhige Atmosphäre mitten zwischen den Büchern, Eintritt kostenlos, drei Stuhlreihen, etwa 20 Kinder, ein toller junger Autor, der den Kindern intelligent und zugewandt seine Arbeit vorgestellt hat, der ihre ganzen neugierigen Fragen ernst genommen und beantwortet hat und der alle bestens unterhalten und zum Mitfiebern und Lachen gebracht hat. Der Kontrast zwischen den beiden Veranstaltungen, die da Tür an Tür liefen, hätte echt nicht größer sein können. Und ich habe mal wieder gedacht: Wie toll, dass es Bibliotheken gibt! Grund genug und höchste Zeit, dass wir uns hier im Podcast auch mal unserer eigenen Bibliothek widmen, der Universitätsbibliothek der Uni Regensburg. Ich freue mich, dass wir dafür heute deren Leiter hier zu Gast im Studio haben. Herzlich willkommen, Dr. André Schüller-Zwierlein. Schön, dass Sie da sind.

00:01:39: Ich freue mich sehr, hier zu sein, grüß Sie.

00:01:41: Wir freuen uns auch. Ich bin Katharina Herkommer und ihr hört den Gasthörer, den Wissenschaftspodcast der Uni Regensburg.

00:01:50: Gasthörer

00:01:57: Wir wollen euch in dieser Folge die UB zusammen vorstellen. Und zwar die Bibliothek als echten physischen Raum, mit allen Angeboten vor Ort, genauso wie als virtuellen Raum, denn auch im digitalen Bereich hat die UB extrem viel zu bieten, wovon euch das eine oder andere bestimmt überraschen wird. Außerdem machen wir uns Gedanken über die Bedeutung von Bibliotheken für uns alle, über das Lesen, über KI, Fake News und und und. Wir haben also viel vor, aber bevor wir richtig loslegen, Herr Schüller-Zwierlein, waren sie, bevor sie ihren Berufsweg eingeschlagen haben, auch schon gern und viel in Bibliotheken? Haben sie vielleicht auch so eine schöne Bibliothekserinnerung, wie ich sie neulich gemacht habe?

00:02:36: Die habe ich auf jeden Fall, allerdings vielleicht etwas später als der eine oder die andere. Bei mir ist es so, dass ich während meiner Promotion in Cambridge war für ein Jahr. Und wer die Bibliothek in Cambridge kennt, die besteht nicht nur aus größeren Lesesälen, sondern aus großen Magazintürmen. Und in diesen Türmen können sie sitzen, weil die hat Freihand-Magazine. Sie können also an alle Bücher, an zwei Millionen Bücher direkt zu ihrer Verfügung. Und ich kann mich sehr gut erinnern, wie ich in dieser Bibliothek saß, im Winter, tief vertieft in meine Dissertation, mit einer Hand auf dem Heizkörper, weil es war natürlich tierisch kalt. Und das ist genau das, worum es auch in meiner Bibliothek gehen soll. Es muss möglich sein, sich den ganzen Tag in einer Bibliothek aufzuhalten. Dazu braucht es einen Heizkörper direkt neben einem, aber auch eine herausragende Kantine, wo man Apple Crumble mit warmer Vanillesauce essen kann.

00:03:32: Also ein Sehnsuchtsort für Sie, die Uni Bibliothek in Cambridge?

00:03:36: Definitiv, ja. Wie so viele andere Bibliotheken auch.

00:03:40: Super. Wie immer am Anfang stelle ich Sie unseren Hörerinnen und Hörern noch kurz richtig vor. Sie sind in Münster in Westfalen geboren und nahe der niederländischen Grenze aufgewachsen. In Münster haben Sie Anglistik, Romanistik und Publizistik studiert und anschließend in der Anglistik auch dort promoviert. Während ihrer Promotion haben Sie, Sie haben es gerade schon gesagt, ein Jahr in Cambridge verbracht und dort zu T.S. Eliot geforscht. Parallel dazu waren sie von 1993 bis 2001 am Handbuch der historischen Buchbestände beteiligt. Sie haben also an der Erfassung deutscher Buchbestände in ganz Europa mitgearbeitet. Dafür ist dieses Handbuch das Nachschlagewerk. Ab 2001 haben sie ihr Bibliotheksreferendariat in Speyer und Frankfurt am Main absolviert und gleichzeitig an einem Projekt der Bertelsmann Stiftung zum Einsatz elektronischer Medien in der Lehre mitgearbeitet. Sie haben immer viel gleichzeitig gemacht, offensichtlich. Danach waren sie zuerst Fachreferent für europäische Philologie an der Uni Bibliothek der LMU München, wo sie die Fachbibliothek Philologikum an der Ludwigstraße mit aufgebaut haben. Anschließend waren sie dort an der LMU Abteilungsleiter für die dezentralen Bibliotheken und schließlich stellvertretender Direktor. Seit März 2016 sind sie Direktor der Universitätsbibliothek hier bei uns in Regensburg. Diese Stelle hier bei uns, habe ich mir sagen lassen, war für sie nicht nur beruflich attraktiv.

00:05:01: Nicht nur das, es hat mir auch ermöglicht, nach 15 Jahren des Pendelns meine Familie zusammenzuführen.

00:05:07: Also mehrere gute Gründe für Sie nach Regensburg zu kommen, wie schön. Ich habe es gerade schon gesagt, wir sprechen über die Bibliothek als physischen Raum und als digitalen Raum. Fangen wir mit dem physischen Raum an. Man kann über die Architektur unserer Uni ja denken, was man will, aber ich liebe den Eingangsbereich der Zentralbibliothek. Der ist weit und luftig mit extrem hohen Decken, mit Säulen und dem vielen Glas und einladend mit einem Café und vielen Pflanzen dort. Zusammen mit der Lage direkt am Forum steckt da viel Überlegung dahinter, richtig?

00:05:41: Das stimmt. Unser Architekt Alexander von Branca, der ja auch zum Beispiel die neue Pinakothek in München gebaut hat und auch die U-Bahn-Station Marienplatz, hat sich viele Gedanken gemacht, als er unsere UB gebaut hat. Er hat sich sehr viel mit Kirchen und Burgen beschäftigt. Und das muss man sich mal vorstellen. In Beton eine Kirche oder eine Burg bauen zu wollen, das ist schon ein sehr interessanter Ansatz und das hat er in unserer Bibliothek realisiert. Nicht umsonst ist sie jetzt mittlerweile denkmalgeschützt. Er hat aber auch darüber nachgedacht, wo eine solche Bibliothek zu positionieren wäre. Und nicht umsonst hat Branka die Bibliothek im Zentrum der Universität gebaut. Und es ist nach wie vor unser Anspruch, dass das auch in digitalen Zeiten durchaus seine Berechtigung hat.

00:06:30: Warum sehen Sie die UB im Zentrum der Uni?

00:06:33: Wir bieten den zentralen Lernort, den zentralen Kommunikationsort und Konzentrationsort in der Universität. Konzentrationsort ist ganz wichtig. Texte erschließen sich nicht von alleine. Ein Text lesen ist meistens nicht einfach. Dazu brauchen Sie Konzentrationsbedingungen, Stille, entsprechende Beleuchtung. Vielleicht sogar weitere Leserinnen und Leser, die exakt dasselbe tun. Bibliotheken sind der einzige Ort, wo wir gemeinsam still sind in dieser Gesellschaft. Das ist ein ganz wichtiger Ort. Diesen Ort bieten wir an. Genauso aber einen wichtigen Kommunikationsort mit all unseren Gruppenarbeitsmöglichkeiten.

00:07:14: Die Gruppenarbeitsmöglichkeiten haben wir uns, bevor wir uns hier im Studio getroffen haben, zusammen schon mal angesehen. Sie haben mich nämlich auf einen kleinen Rundgang durch die UB eingeladen heute Morgen schon. Und da nehmen wir euch jetzt auch mal direkt mit hin. Wir sind jetzt hier schon im Foyer und stehen im ersten Stock vor bunten Glasarbeitsräumen. Da ist links einer grün, in der Mitte einer rot und rechts einer blau. Und da drin sind mehrere Gruppentische. Ich sehe immer mehrere junge Leute an einem Gruppentisch sitzen. Wofür sind diese Räume gedacht?

00:07:53: Naja, Bibliotheken sind halt nicht nur ein Konzentrationsort, sondern auch ein Lernort, ein Kommunikationsort. Man muss über die Dinge, die man gelesen hat in der Bibliothek, auch gemeinsam sprechen können, damit sie sich einem besser erschließen. Das Lesen als solches reicht da nicht aus. Und dazu sind diese Gruppenarbeitsmöglichkeiten da. Zum gemeinsamen Lesen, zum Diskutieren, zur Bildung von Referatsgruppen, zum Erarbeiten von wissenschaftlichen Ergebnissen. Und das ist eine ganz, ganz wichtige Funktion für die Universität.

00:08:22: In der normalen Bib ist es ja nicht so gern gesehen, wenn man da vor sich hin plaudert, ne?

00:08:26: Genau so, das ist die klassische Legebatterie, wie ich das immer bezeichne. So hat man früher ein Lesesaal konzipiert. Man macht einfach tausend Plätze nebeneinander und man liest dort nur. In einer modernen Bibliothek ist das anders, weil man eben klarer realisiert hat, dass man sich Wissen auch gemeinsam erschließt.

00:08:41: Also eine super wichtige Aufgabe, die sie hier übernehmen. Wenn ich mich jetzt hier nach rechts wende, dann sehe ich da ein Laufband. Und noch - ich glaube, das ist ein Fahrradtrainer. Warum stehen die hier?

00:08:54: Ja, als ich hier angetreten bin, bin ich mit einem Grundsatz angetreten. Ich wollte alles tun, damit sich die Studierenden und auch natürlich die Forschenden hier den ganzen Tag aufhalten können. Versuchen sie mal acht Stunden am Stück zu sitzen und ein Buch zu lesen. Das ist nicht nur für die Konzentration schwierig, das ist auch ungesund. Seit ich da bin, fahren wir ein Ergonomie-Programm. Wir versuchen, den Studierenden zu ermöglichen, die Stellung zwischendrin zu wechseln. Sitzend, stehend, liegen. Wir versuchen, auch die Möglichkeit zur Bewegung zu bieten. Deshalb eben die Fahrrad- und die Laufschreibtische, sodass man den Kreislauf anregt, den Fokus neu setzt und die Ströme fließen lässt.

00:09:33: Und da kann man einfach hingehen oder muss man sich da irgendwie vorher anmelden?

00:09:35: Nein, da muss man sich nicht anmelden. Das steht frei zur Verfügung, sowohl hier oben als auch unten im Infozentrum.

00:09:46: Jetzt sind wir wieder zurück hier im Studio. Herr Schüller-Zwierlein, wir waren jetzt also bei den Gruppenarbeitsplätzen und den ergonomischen Angeboten in der Zentralbibliothek. Aber die Zentralbibliothek ist ja nicht der einzige Ort, wo die UB am Campus vertreten ist. Können Sie uns weiter erklären, wo ist die UB überall?

00:10:04: Die UB ist auf dem ganzen Campus vertreten. Wir bieten über 3000 Arbeitsplätze. Das ist eines der größten Arbeitsplatzangebote in ganz Deutschland. Das muss man ganz klar sagen, das sind wir unter den Top 5 in Deutschland. Und das erstreckt sich über elf Lesesäle jenseits der Zentralbibliothek. In jeder Fakultät sind entsprechende Lesesäle vorhanden. Teilweise sind sie zentriert in Recht/Wirtschaft und in PT, also Philosophie/Theologie, in den Geisteswissenschaften, haben wir sehr große Konzentrationen von Lesesälen. Der PT-Lesesaal hat 1000 Plätze. Und wir haben in den Naturwissenschaften kleinere Lesesäle. Noch, wenn ich das hinzufügen darf, denn ich halte es für ein ganz wichtiges Desiderat, dass wir auch da die Lesesäle zusammenfassen.

00:10:48: Also sie möchten aus mehreren kleinen Teilbereichen in der Mathematik, Physik und so weiter auch einen größeren machen, so wie es in den Geisteswissenschaften ist?

00:10:55: Das ist ganz wichtig, um erstens moderne Bedingungen anbieten zu können, für die Gruppenarbeit, für viel andere moderne Bibliotheks-Services, um eine gute Ausstattung ermöglichen zu können, aber auch, um maximale Öffnungszeiten bieten zu können. Denn je mehr Eingänge sie zu besetzen haben, desto mehr wird sie das kosten. Und in Zeiten der knappen Haushalte werden sie verstehen, warum wir diese Überlegungen anstellen.

00:11:19: Und gibt es da schon konkrete Pläne?

00:11:21: Wir haben ein entsprechendes Konzept vorgelegt. Im Moment arbeiten wir erst einmal mit Plänen, um Bibliotheken und Lesesäle zu gewissen Zeiten ohne Aufsichten anbieten zu können. Also mit einer entsprechenden Selbstverbuchung, sodass sie Bücher selbst eigenständig ausleihen können, mit Videoüberwachung und entsprechenden Sicherungsmechanismen.

00:11:40: Also noch ein bisschen Zukunftsmusik, der größere naturwissenschaftliche Lesesaal. Aber, apropos Bücher selber ausleihen, wie viele Bücher sind denn eigentlich im Bestand der Uni Bibliothek? Kann man das so sagen?

00:11:53: Das hängt davon ab, was sie unter Buch verstehen. Wenn ich die Frage aber pauschal beantworten soll, dann 4 Millionen Medien. Das involviert aber alles Mögliche. Das sind physische Bücher, Zeitschriften, das sind sämtliche gedruckte Subformen, das sind aber auch ganz andere Medien, Wachswalzen, Tonkassetten und viele andere Medien. Das ist auch ein ganz wichtiger Punkt für uns, dass wir nicht nur einfach das Buch, die Zeitschrift anbieten, sondern eine entsprechende Multimedialität zur Verfügung stellen und auch bewahren. Denn das ist auch ein Thema. Wir leben in einem Zeitalter, wo sämtliche Medien, jegliche Sondermedien überführt werden in das Digitale, in ein einziges Medium. Wir erleben aber auch, dass dieses Medium manipulierbar ist. Und da erkennen sie schon die wichtige, die zentrale Bedeutung einer kritischen Multimedialität und des Erhalts verschiedenster Medien, einer vielstimmigen Medienlandschaft.

00:12:50: Manipulierbar, also Sie meinen, wenn man Sachen digitalisiert und das dann ins Netz stellt, dann könnten im Prinzip Leute das manipulieren. Und deswegen ist es so wichtig, dass man die Dinge in mehreren verschiedenen Formen aufbewahrt, dass man jetzt nicht sagt, ich habe das Buch eingescannt, dann kann ich das Buch ja wegschmeißen, weil ich habe es ja jetzt digital, sondern dass man die verschiedenen Medien noch aufbewahrt?

00:13:07: Definitiv. Es gibt die verschiedensten Formen. Es gibt natürlich generell das Verbreiten falscher Nachrichten. Es gibt aber auch das Verändern von Daten beispielsweise. Es gibt falsche Darstellungen von Sachverhalten, die auch historische Analysen vorgeben zu bieten, die es aber in Wahrheit gar nicht tun. Und eine KI ist natürlich sowieso in der Lage, in aller möglichen Verdrehungen, leichten Umfärbungen oder gänzlichen Umdefinitionen zu liefern. Und das gilt es immer wieder richtigzustellen anhand historischer Analysen an physischen Medien.

00:13:42: Sie sagen vier Millionen Medien. Das ist ja wirklich eine Zahl, die man sich auf der Zunge zergehen lassen kann. Wer entscheidet denn, was in die Bestände der UB aufgenommen wird? Sind das Sie oder sind das Teilbereichsleiter oder wie funktioniert das?

00:13:56: Es wäre sehr unterhaltsam, wenn ich das wäre. Wir haben dafür ausgebildete Fachreferentinnen und Fachreferenten. Das sind Menschen, die das jeweilige Wissenschaftsfach, für das sie zuständig sind, mindestens studiert haben, gerne auch in diesem Fach promoviert haben, die in engem Kontakt mit den Fakultäten, mit den Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftlern sind und natürlich im Rahmen dieses Dialoges genau wissen, welche Bücher, welche Medien zu beschaffen sind und da sehr proaktiv auch auf dem Markt unterwegs sind.

00:14:26: Ich finde ja, die Bibliothek ist ein sehr demokratischer Ort. Also jeder kann dahin kommen, sich Wissen aneignen. Wenn man zu Hause kein extra Büro hat zum Beispiel, hat man dort einen Lernplatz. Man muss nicht total viel Geld haben, um sich alle Bücher selber anzuschaffen, sondern man kann die eben leihen. Hat sich in dieser Bedeutung der Bibliothek in den letzten Jahren was verändert? Also ist das immer gleich gewesen oder...?

00:14:52: Das hat sich natürlich dahingehend verändert, als früher sie nur physische Bücher hatten. Da hatte es noch höhere Bedeutung, dass ein Großteil der Bücher für sie privat nicht anschaffbar war. Deshalb war es ganz wichtig, die Bibliotheken dafür zu nutzen. Das hat sich natürlich in gewissem Maße geändert, da sehr viel Information in den digitalen Medien sich befindet. Das heißt aber nicht, dass die Bedeutung der Bibliothek in irgendeiner Form abnimmt. Erstens nicht mit Bezug auf das Thema Lernort. Die Bibliothek ist der zentrale Lernort. Zweitens aber ist es so, nun ja, nicht alle digitalen Medien stehen frei zur Verfügung. Zum Hauptgeschäft der Bibliotheken gehört, dass wir auch digital wissenschaftliche Literatur zur Verfügung stellen.

00:15:36: Also das heißt, man kann auch heute bei aller Digitalisierung keine Hausarbeiten rein mit Wikipedia schreiben, sondern braucht die UB genauso wie früher.

00:15:45: Wissenschaft ist auf valide, detaillierte, akribische Arbeit angewiesen. Auf Genauigkeit, auf Verlässlichkeit, auf Methodik. Und all das können sie nur leisten, wenn sie, das gilt für jede wissenschaftliche Untersuchung, die Datenlage komplett erheben. Sie müssen also letztlich alles gelesen haben, was über ihren Wissenschaftsgegenstand veröffentlicht worden ist. Und das können sie nicht frei im Internet, bei weitem nicht. Zudem haben sie natürlich im Internet auch sehr viel oberflächliche Information bis hin zu falscher Information. Sie kennen sicherlich das Thema KI, Chatbots etc. mit erfundenen Quellen oder gar verzerrten oder erfundenen Informationen. Also da müssen wir schon ganz gründlich arbeiten. Und das ist eine der Aufgaben von Bibliotheken, vertrauenswürdige Informationen zusammenzustellen.

00:16:37: Es geht aber nicht nur darum, diese vertrauenswürdigen Informationen in der Bibliothek bereitzuhalten, sondern sie sehen die Bibliothek auch als einen Vermittlungsort von Kompetenzen. Welche Kompetenzen sind das?

00:16:51: Naja, es wussten schon die alten Griechen, dass ein Buch von alleine nicht sprechen kann. Sprache benötigt Hilfe. Diesen Spruch habe nicht ich erfunden, sondern Platon. Das ist ganz wichtig, wenn man über das Lesen nachdenkt. Es kommt nicht nur darauf an, welches Objekt man zur Verfügung hat, ob ein Buch da ist oder nicht, sondern was mit unseren Köpfen passiert, in unseren Köpfen passiert. Und damit müssen wir uns als Bibliotheken beschäftigen. Denn wenn nicht Menschen klar ist, was man mit Büchern eigentlich alles machen kann, dann verlieren auch die Bibliotheken und Bücher und die komplette kulturelle Überlieferung verliert an Bedeutung. Das können wir so nicht zulassen. Es geht darum, dass Menschen über ausreichende Informationskompetenz, Medienkompetenz und auch Lesekompetenz verfügen, um den optimalen Umgang mit wissenschaftlicher Information zu gewährleisten.

00:17:40: Aber das lernen die Studierenden im ersten Semester zum Beispiel ja jetzt nicht, einfach dadurch, dass sie zum ersten Mal allein in die UB gehen und sich da durchwühlen, durcharbeiten. Wie versuchen sie da Hilfestellungen zu geben?

00:17:52: Es hat sich schon seit den 2000ern etabliert, dass Bibliotheken ihre Schulungsangebote massiv erweitert haben, oft als Teil von akademischen Kursen. Also wir kommen auch sehr gerne in entsprechende Unterrichtsveranstaltungen. Wir gehen bis in die Schulen hinein. Wir bieten aber auch selber Kurse und entsprechende Schulungen an, um Informationskompetenz insbesondere zu vermitteln. Und zur Informationskompetenz gehört natürlich ganz viel. Dazu gehört der richtige Umgang mit verschiedensten Medienformen. Dazu gehört insbesondere natürlich das richtige Recherchieren. Das ist eine Kunst für sich. Aber auch das Weiterverarbeiten von Informationen. Und schließlich natürlich mittlerweile auch eine ganze Reihe von Spezialgebieten. Das Urheberrecht, der Umgang mit Forschungsdaten und vieles andere mehr.

00:18:39: Also wer sich da interessiert, wir stellen auf jeden Fall einen Link auch hier in die Show Notes dazu. Tolles Angebot. Eine der Zukunftskompetenzen, die Ihnen ganz wichtig sind, Sie haben sie vorher schon genannt, ist die Kompetenz des Lesens. Und Sie waren da an der Entwicklung eines Manifests beteiligt, zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus Slowenien, Norwegen und den Niederlanden. Das ist das Ljubljana Reading Manifesto aus dem Jahr 2023 zur Bedeutung des höheren Lesens. Wie kam es dazu, dass Sie sich da zusammengetan haben und sowas aufgesetzt haben?

00:19:14: Es kam dadurch dazu, dass wir eine gemeinsame Konferenz hier in Regensburg über das Lesen in einer digitalen Umgebung veranstaltet haben. Dort sind wir intensiver ins Gespräch gekommen. Die beteiligten Forscherinnen und Forscher. Und wir haben immer klarer gesehen, dass es gilt, auch in einer ganz breiten Öffentlichkeit klarer zu machen, was Lesen eigentlich ist und welche gesellschaftliche Bedeutung das Lesen hat. Auch in einem digitalen Zeitalter, vielleicht sogar besonders in einem digitalen Zeitalter. Es geht zunächst einmal darum, die Vorstellung des Lesens, die viel zu oft vorherrscht, ein wenig zu korrigieren. Sie müssen sich selbst einmal überlegen, wenn sie Lesen sagen, was genau meinen sie dann eigentlich? Wenn sie durch die Gesellschaft gehen, dann merken sie erstens, dass viele verschiedene Bedeutungen des Begriffs Lesen miteinander vermischt werden. Insbesondere herrscht aber die Vorstellung vor, Lesen sei ein einziger Prozess und ein einfacher Prozess. Und auch dadurch eine ganz einfache Fähigkeit, die man in der Grundschule einmal lernt, so wie Fahrradfahren, und dann nie wieder verlernt. Das ist eine höchst primitive Vorstellung des Lesens. Lesen ist nicht ein Vorgang, sondern Lesen sind ganz viele verschiedene, hunderte, tausende verschiedene Vorgänge. Wenn sie etwas zum ersten Mal lesen oder zum zweiten Mal, dann unterscheidet sich das. Wenn sie etwas lesen, um die wichtigsten Informationen rauszuholen oder um es zu memorieren im Wortlaut, oder um ein paar Punkte zusammenzufassen, das sind gänzlich unterschiedliche Leseprozesse.

00:20:52: Vorlesen gibt es ja auch noch.

00:20:54: Es gibt das Vorlesen. Also die Liste ist lang. Wirklich hunderte verschiedene Prozesse. Jeden dieser Prozesse können sie natürlich besser oder schlechter ausführen. Sie können es auch in eigenem Stil ausführen. Insbesondere kommen wir aber wieder zurück zu der Frage, wie gehen sie denn eigentlich mit einem Text um? Stellen sie sich mal vor, sie lesen jetzt ein Buch. Verstehen sie sofort jedes einzelne Wort und jede einzelne Idee? Und wenn sie das Buch gelesen haben, können sie sich an alles erinnern? Was genau heißt also Lesen? Wenn sie in die Gesellschaft gucken, herrscht immer wieder die Idee vor, ein Text beinhaltet wie so eine Paketstation, ein Paket mit einer Information oder mehreren. Wenn sie das einmal durchlesen, das ist so, als wenn sie mit dem Fahrrad vorbeifahren, das Paket abholen und dann haben sie es. Sie haben das verstanden, was da drinsteht. Diese höchst primitive Vorstellung des Lesens kommt allenthalben vor, selbst bei Diskussionen auch in der Politik über Lesekompetenz. Und das ist natürlich definitiv nicht der Fall. Sie müssen die allermeisten Texte zwei, drei, vier, fünf oder hundertmal oder ein ganzes Leben lang lesen, um der Bedeutung näher zu kommen. Und sie müssen sich natürlich auch mal überlegen, ein Text erschließt ihnen Komplexität. Dazu müssen sie aber auch offen sein. Sie müssen Zeit investieren. Sie müssen in einen Dialog treten, verschiedene Verständnisse, verschiedene Interpretationen ausprobieren. Stellen sie sich mal vor, sie würden mit einem Menschen so umgehen, wie ich das eben von Texten skizziert habe. Sie gehen einmal vorbei, schauen ihn an und wissen Bescheid und beurteilen ihn. Zu was führt das? Und über genau diese Fragen sprechen wir. Wenn sie ein 300-seitiges Buch lesen, auch nur einmal am Stück durchlesen, brauchen sie acht bis zehn Stunden. Mit welchem Menschen haben sie in den letzten Tagen en bloc acht bis zehn Stunden verbracht, um ihn zu verstehen? Und das ist genau die Fragestellung. Wir müssen Zeit aufwenden, wiederholtes, fragendes, testendes, Lesen. Analysierendes Lesen, die verschiedensten Perspektiven abklopfen, Texte miteinander vergleichen, verschiedene Verständnisse miteinander vergleichen und viele, viele andere Dinge mehr, um dem nahe zu treten, was in einem Text steht oder stehen kann. Und das meinen wir mit fortgeschrittenem Lesen.

00:23:23: Und in dem Text fordern sie also, dass man diese verschiedensten Kunstfertigkeiten des Lesens und die verschiedenen Bedeutungen nicht aus den Augen verlieren darf, hinter diesem, naja, ich kann Buchstaben in Wörter umsetzen und die in meinem Gehirn aneinander reihen.

00:23:39: Genau. Lesen lernen ist ein lebenslanger Prozess. Wir lernen jeden Tag weiter Lesen und besser Lesen. Und wer diesen Prozess aufgibt oder ihn erst gar nicht erlernt, hat wirklich ein Problem. Und wir sehen das auch eben im Manifest, wird das auch mit der Bedeutung für die Demokratie begründet. Wenn wir von sogenannten informierten Bürgerinnen und Bürgern sprechen, dann sind das nicht solche, die einmal informiert worden sind, beispielsweise über ein journalistisches Medium, sondern das sind Menschen, die selber kritisch denken können und damit auch kritisch lesen können.

00:24:15: Und was haben Sie dann mit diesem Manifest gemacht?

00:24:19: Das basiert auch durchaus auf einem Zufall, einem gewissen. Mein lieber Kollege Mija Kovac hat den kompletten Gastlandauftritt des Landes Slowenien auf der Frankfurter Buchmesse 2023 organisiert. Und da ihm das Thema Lesen sehr am Herzen liegt, hat er unser Thema zu einem der zentralen Themen dieses Gastlandauftritts gemacht. Das hat auch dazu geführt, dass wir eben europaweit wahrgenommen wurden, dass wir weltweit wahrgenommen wurden, dass wir Autorinnen und Autoren wie Margaret Atwood zur Unterzeichnung des Manifests bekommen haben, dass eine lange Reihe von Kulturstaatsministern und Wissenschaftsminister:innen etc. unser Manifest unterzeichnet haben. Das hat für weltweite Wahrnehmung gesorgt. Und so ist es auch weitergegangen. Also wir haben die Inhalte dieses Manifests auf vielen weiteren Veranstaltungen europaweit präsentiert. Ich war in der europäischen Kulturhauptstadt Nova Gorica in Slowenien bzw. Gorizia in Italien. Das ist eine Doppelstadt. Und ich war in Riga, um ein weiteres Manifest zu promoten. Das Riga-Manifest, wo dieselbe Botschaft sozusagen präsentiert wird, dass es sich bei Lesen um eine ganz wichtige Kompetenz für unsere Demokratien handelt, ergänzt aber, um eine ganz wichtige These für den lettischen und den baltischen Raum: Das Recht darauf, in der Nationalsprache zu lesen und nicht in einer von außen auf oktroyierten Sprache.

00:25:46: Das heißt, sehen Sie sich in Ihrer Rolle auch als politischer Mensch?

00:25:52: Das hängt davon ab, was Sie darunter verstehen. Wenn Sie darunter verstehen, dass ich in irgendeiner Form parteipolitisch oder für ein Lager Partei ergreifen würde - nein. Nein, das tue ich nicht nur nicht, das darf ich auch gar nicht als Beamter. Wenn es aber darum geht, im Dienste der Wissenschaft Menschen deutlich zu machen, wie man gut liest, gut lebt, gute Wissenschaft betreibt, dann ja. Und das kann immer wieder natürlich politische Konsequenzen haben.

00:26:25: Was Sie auf jeden Fall sind, ist aber auch ein bisschen ein Kurator. Denn in der Bibliothek finden ja nicht nur zum Beispiel Schulungen statt, sondern auch Veranstaltungen wie Lesungen, Filmvorführungen und und und. Was ich besonders toll finde, ist aber, dass wir auch einen Museumsraum haben, einen eigenen in der Bibliothek. Und dahin haben Sie mich vorher auch mitgenommen. Wir durchqueren jetzt das Foyer auf die andere Seite. Und da ist der Ausstellungsraum der Bibliothek. Die Tür ist weit offen. Sie ist sehr einladend. The German Room steht hier schon.

00:27:07: Herzlich willkommen.

00:27:08: Der Raum ist groß, länglich, offen, frei. Die Wände sind mit grauen Wandverkleidungen behängt, die viel Informationen bieten. Was wird hier gerade ausgestellt?

00:27:21: Zunächst mal muss ich sagen, dieser große lange Raum ist unser Schaufenster. Das Schaufenster dient dazu, wissenschaftliche Inhalte einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Und dazu stellen wir eben nicht nur Bücher und einzelne Medien zur Verfügung, sondern kuratieren wirklich im Dialog mit der Wissenschaft entsprechende Ausstellungen. Eine davon ist unsere Ausstellung Samuel Beckett, The German Room. Das spielt auf einer Erzählung von Beckett an, in der eine Sprachschule vorkommt. Und der Erzähler erzählt, wo genau der Hörsaal für Französisch, wo der sich befand. Und dann sagte er, also wo der deutsche Raum eigentlich war, das wusste keiner. Das Konzept dieser Ausstellung ist also, dass wir diesen Raum gefunden haben und ihn öffnen und dann deutlich machen, welche Beziehungen Samuel Beckett, der ja eigentlich als irischer und auch neben Englisch Französisch-sprachiger Autor gilt, welche Beziehungen er eigentlich zu Deutschland, zu deutscher Literatur, Kultur und Sprache hat.

00:28:20: Und die Exponate, die sie jetzt hier haben, stammen die aus der Bibliothek oder haben sie die geliehen für die Ausstellung oder wie?

00:28:26: Beides. Uns war ganz wichtig, dass wir ein verstecktes Archiv in Deutschland sichtbarer machen. Das ist das Archiv des Ehepaars Tophoven. Das sind die beiden deutschen Übersetzer von Samuel Beckett. Ganz, ganz wichtig. Und die haben ein großes Archiv in ihrem Haus in Straelen in Nordrhein-Westfalen. Und wir konnten mit Erika Tophoven sehr intensiv kooperieren. Und deshalb haben wir aus ihrem Archiv entsprechende Objekte entleihen dürfen. Wir haben aber auch Bestände aus der Universitätsbibliothek hier ausgestellt. Denn wir sammeln in unserem Museum moderne Handschriften, auch selber Autografen, Handschriften, Briefe. Und dazu zählt die deutschlandweit größte Sammlung an Briefen von Samuel Beckett.

00:29:09: Haben Sie ein Lieblingsstück in dieser Ausstellung?

00:29:12: Lieblingsstück ist natürlich immer ganz, ganz schwierig. Ich kann Ihnen eine Sache zeigen, die sehr schön ist. Da gehen wir mal kurz hin.

00:29:23: Wir gehen an mehreren Vitrinen vorbei, in denen viele Papiere und Drucke ausgestellt sind und stehen jetzt vor einer Vitrine, etwa hüfthoch, in der Briefe ausgestellt sind, so wie das aussieht. Also jedenfalls sehe ich hier einen Luftpostbriefumschlag. Und von wem an wen sind diese Briefe?

00:29:42: Das ist etwas, was wir freundlicherweise der Karl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung in diesem Jahr kaufen konnten. Das ist die Korrespondenz zwischen Samuel Beckett und dem deutschen Verleger, Stuttgarter Verleger Roland Hänßel. Und diese Korrespondenz ist sehr interessant. Es wurden hier nicht nur Briefe ausgetauscht, sondern es wurden auch Manuskripte ausgetauscht. Und in dieser Korrespondenz war ein Manuskript bzw. in diesem Falle, wie sie sehen, ein Typoskript.

00:30:09: Also mit Schreibmaschine geschrieben?

00:30:11: Genau, ein maschinenschriftliches Stück enthalten. Und sie sehen die Überschrift Breath. Das ist Becketts kürzestes Stück. Es ist vielleicht eine Minute lang. Zudem er auch in dieser Korrespondenz ganz klar kommentiert, es ist eigentlich gar kein Stück. Was es genau ist, können sie für sich selber definieren. Das Stück besteht aus einem einzigen tiefen, langen Einatmen und wieder ausatmen. Und währenddessen passiert etwas. Das kann ich nur empfehlen, sich einmal mit diesem Text zu beschäftigen.

00:30:44: Wie lange kann man die Ausstellung hier noch anschauen?

00:30:46: Die läuft noch bis zum nächsten Sommer, etwa bis Ende Juno.

00:30:49: Kann man jedem empfehlen, hierherzukommen. Die haben jetzt Sie kuratiert, also die Uni Bibliothek. Es kommen aber auch Gastausstellungen hierher, oder? Wer stellt hier sonst aus?

00:30:58: Es kommen auch Wanderausstellungen hierher, insbesondere inszenieren und kuratieren wir aber Ausstellungen von unseren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hier an der Universität. Das geht querbeet. Wir hatten eine wunderbare Ausstellung über Kristalle. Und nach dem Beckett wird eine theologische Ausstellung zum Thema Shame kommen.

00:31:15: Sehr spannend. Also das sind auch die Fakultäten, die hier dann mit Ideen ankommen und Sachen reinbringen?

00:31:19: Das ist uns ganz wichtig. Wir wollen die Bücher zum Leben bringen.

00:31:29: Sie wollten noch eine Sache ergänzen zur Ausstellung. Wir sind wieder hier im Studio, Herr Schüller-Zwierlein.

00:31:34: Ja, natürlich. Wir bieten nicht nur diese Ausstellung an. Wir führen auch gerne durch diese Ausstellung hindurch. Es gibt ein halbstündiges Format der Führung durch den German Room. Und hierzu laden wir natürlich alle Hörerinnen und Hörer des Podcasts sehr gern ein. Melden sie sich einfach bei uns und wir machen eine entsprechende Führung.

00:31:51: Wir setzen den Link zur Ausstellung auf jeden Fall auch wieder in die Show Notes. Es ist, glaube ich, ein allgemein Platz, dass man sagt, Bibliotheken sind die Ware unseres kulturellen Erbes. Aber können Sie das für uns vielleicht ein bisschen mit Leben füllen? Was verstehen Sie darunter? Warum sind die so wichtig für unser kulturelles Erbe?

00:32:11: Naja, das gilt sicherlich in verschiedener Hinsicht. Zunächst einmal sind wir diejenigen, die dieses kulturelle Erbe, und das selbst ist schon ein schwieriger Begriff, der in der Wissenschaft kontrovers diskutiert wird. Dieses kulturelle Erbe, diese Medien physisch erhalten, damit man überhaupt mit ihnen wissenschaftlich arbeiten kann. Und auch Fragestellungen an sie herantragen kann, wie unsere eigene kulturelle Identität, die ja bekanntlich nicht aus der Gegenwart nur besteht, sondern aus all dem, was wir wissen und aus all dem, was wir erlebt haben. Und ich habe das Konzept der kritischen Multimedialität schon eingebaut. Es geht natürlich darum, dieses vielstimmig und möglichst in der historischen Komplexität erlebbar zu machen. Und erlebbar ist ein ganz wichtiges Wort. Das versuchen wir auch in unseren Ausstellungen durch eine Vielzahl von den verschiedensten Medien deutlich zu machen, welche wichtigen Informationen oder auch Erlebnisse - Bibliotheken sind Erlebnisräume - hier in diesen historischen Texten zur Verfügung stehen. Und natürlich auch in den Texten der Gegenwart. Welche Tiefendimensionen da sind. Dazu sind wir da, Tiefendimensionen zu erschließen. Und dazu müssen wir zuallererst erhalten.

00:33:29: Wenn Sie sagen erhalten, heißt es, dass Sie auch hier vor Ort restaurieren?

00:33:33: Wir restaurieren in Teilen vor Ort da, wo wir es können. Komplexere Restaurierungsaufträge geben wir natürlich an professionelle Restaurateure.

00:33:44: Sie haben eine Schatzkammer mit besonderen Gegenständen und besonderen Medien. Und dahin durfte ich Sie vorher auch begleiten auf unserem kleinen Rundgang. Und natürlich nehmen wir euch dahin auch noch einmal mit.

00:34:05: So, jetzt gehen wir in einen Bereich, wo nur drei Menschen Zugang haben. Das ist das Magazin der Sondersammlung der Universitätsbibliothek. Und jetzt schauen wir mal.

00:34:15: Was für eine Ehre, dass ich mit rein darf. Es ist abgeschlossen. Eine große Gittertür. Wer hat da außer Ihnen noch Zugang?

00:34:21: Die Kollegen von den Sondersammlungen. Also wir haben ein kleines Referat, eine kleine Abteilung, die sich damit befasst. Die haben einzig und allein Zugriff darauf.

00:34:31: Also hier sind die wirklichen Schätze. Genau. Vielen Dank.

00:34:39: Kommen Sie rein.

00:34:42: Ah ja, und hier sind eng an eng rote Regale. Und Sie haben jetzt hier einen Wagen für uns bereitgestellt, wo Sie was für uns vorbereitet haben, Herr Schüller-Zwierlein. Was haben Sie hier für uns rausgesucht?

00:34:54: Wir sind jetzt beim französischen Autor Michel Butor. Warum sammeln wir Michel Butor und was ist das eigentlich genau, was Sie hier vor sich sehen, was sehr ungewöhnlich aussieht, glaube ich.

00:35:05: Es sieht aus wie eine Collage, da ist eine Postkarte oder so ein kleines Mobile sozusagen. An der Postkarte, da ist ein Loch reingestanzt und dann mit so Paketpackfaden sind Papierzettel, ein Dreieck und eine Raute unten dran und hier ist eine Eintrittskarte oder so was oder ein Scheck. Ich kenne das gar nicht mehr, ein Scheck und links und rechts sind kleine Fotos oder auch Mini-Postkarten drangeklebt mit einem grünen Klebeband. Was ist das? Ist das Kunst, Herr Schüller-Zwierlein?

00:35:35: Das kann man sicherlich so bezeichnen. Was das breite Publikum nicht weiß, ist, dass Michel Butor, einer der prägenden Autoren des Nouveau-Roman, dass er in den 60ern nach einigen großen Romanen aufgehört hat, Romane zu schreiben und über 40 Jahre hinweg erstens Lyrik verfasst hat, also wirklich Gedichte geschrieben hat, sehr, sehr viele, über 40 Jahre hinweg, und zweitens intensiv mit bildenden Künstlern zusammengearbeitet hat, Malern, Grafikern und ganz, ganz viele Bände in Kleinstauflagen produziert hat, mit sehr, sehr interessanten Werken von Gegenwartskünstlern und spannenden Gedichten. Und diese Nähe zur visuellen Kunst hat er auch in seiner privaten Korrespondenz gepflegt. Er hat also, und das muss man sich im Zeitalter der E-Mail mal vorstellen, Menschen nicht nur Postkarten geschrieben oder Briefe, sondern er hat jeden einzelnen Brief zu einem Kunstwerk gestaltet. Es handelt sich also hier um Briefkunst.

00:36:33: Wahnsinn. Und das hat er verschickt. Hier ist auch so was wie, ist das ein Trotten-Untersatz oder ist das was, was man ins Poesiealbum reinklebt, so was Verziertes aus Papier?

00:36:42: Das ist eine Serviette.

00:36:42: Eine Serviette. Und da also ein breiter Rahmen aus so kreisartigen Mustern. Und in der Mitte steht dann was. Also das ist dann der Brief. Handschriftlich. Cher Robert hat er seinem Freund Robert geschrieben.

00:36:56: Genau. Das hat er kombiniert mit Gedichten, mit Collagen und vielen anderen Dingen mehr. Und das ist ein eigenes Genre. Und ein unerforschtes Genre. Und darum geht es uns. Warum sammeln wir Butor? Um zu der Frage zurückzukommen. Wir möchten natürlich Dinge sammeln, zu denen noch sehr wenig geforscht worden ist. Das ist eine solche unentdeckte Sammlung, wenn Sie so mögen. Und zum anderen interessiert uns natürlich interdisziplinäre, multimediale Kunst, die nicht nur von einem Literaturwissenschaftler, einer Literaturwissenschaftlerin, sondern von Medienwissenschaftlern, Kunstgeschichtlern etc. erforscht werden können.

00:37:28: Und was ist jetzt hier auf der rechten Seite daneben? Ein Buch in ungefähr DIN A5, sieht aus vom Format her ein bisschen wie ein sehr dickes Fotoalbum, Querformat, in Leder eingeschlagen, zumindest die Ecken und der Rücken.

00:37:41: Wir schlagen das Ganze mal sehr vorsichtig auf.

00:37:44: Oh, das ist sehr alt. Da ist eine Tabelle drin, handschriftlich, da sind Daten verzeichnet, ungefähr sieben Spalten, würde ich mal sagen, und so zehn Zeilen auf. Geht das ganze Buch so? Ja, es sieht so aus.

00:37:57: Das ganze Buch geht so und nicht nur dieser Band, sondern zig solche Bände.

00:38:01: Und was ist das?

00:38:02: Hier sind über 40 Jahre hinweg, zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert, in einem Regensburger Kloster, dem Kloster St. Emmeram, Wetterdaten erfasst worden. Ein Mönch saß hier jeden Tag, jeden Morgen, jeden Abend, und hat zu den verschiedenen Tageszeiten Wetterdaten notiert. Dazu gehört der Wind, dazu gehört die Bewölkung, die Sonneneinstrahlung, die Temperatur und vieles andere mehr. Und in einem heutigen Zeitalter, wo wir über den Klimawandel sprechen, sind natürlich solche historischen Daten von enormer Bedeutung, weil wir analysieren können, wie sich das Wetter verändert hat, wie sich das Klima verändert hat, die Temperatur beispielsweise. Insofern, wir sind hier in einem der vielen Bereiche, wo historische Forschungsdaten enorm wichtig sind, und zwar eben nicht nur für Historiker, sondern für Naturwissenschaftler.

00:38:52: Also, dieses Buch ist ungefähr 300 Jahre alt. Sie haben das mit Buchkeilen geöffnet. Das heißt, wir haben hier links und rechts so keilförmige Schaumstoffteile, sodass das Buch nicht flach liegt, dass der Rücken geschont wird. Und können jetzt aktuell Forschende dieses Buch sich anschauen? Darf man das nutzen?

00:39:11: Das ist zugänglich, aber wir ziehen es natürlich vor, dass die digitale Version genutzt wird. Wir haben dieses Buch, wie viele andere auch, digitalisiert und haben hier sogar noch etwas ganz Besonderes damit gemacht. Die Auswertung der Daten in Digitalisaten. Also wir bezeichnen das auch als digitalisieren in der zweiten Welle. Die erste Welle war: Sie haben alles nur unter einen Scanner gehalten und hatten dann ein Bild. Das ist gut so. Was machen sie aber mit numerischen Daten oder eben auch schriftlichen Daten? Sie können sie ja in der Form als Bild nicht auswerten. Das heißt, sie müssen diese Daten maschinenlesbar machen und diese Tabellen reproduzieren, sodass sie dann die Daten analysieren können, zusammenfassen, damit sie sie mit anderen Daten vergleichen können. Erst dann haben sie eine wissenschaftliche Erkenntnis. Und das haben wir in einem entsprechenden Projekt auch möglich gemacht.

00:39:58: Sie haben sozusagen die Vorarbeit schon geschaffen, dass nicht jeder Forscher das aufs Neue machen muss, sondern die können dann schon direkt auf den durchsuchbaren Datensatz zugreifen, der in diesen Wetterbüchern vorhanden ist. Heißt das Wetterbuch oder wie nennt man das richtig?

00:40:09: Wir nennen das Wetterbücher, ja. Aber hier sind natürlich modernste Techniken reingeflossen, also eine automatische Handschriftenerkennung, OCR-Technik, inklusive künstlicher Intelligenz ist da reingeflossen.

00:40:24: So, und jetzt sind wir wieder hier zurück im Studio. Herr Schüller-Zwierlein, haben Sie in Ihrem Arbeitsalltag mit diesen Schätzen denn überhaupt noch selbst zu tun? Oder wie sieht so Ihr normaler Arbeitsalltag aus?

00:40:35: Das ist natürlich eine ganz schwierige Frage. Bibliothekar ist ein Beruf, der tausend verschiedene Dinge sein kann. Sie können Spezialist sein für alte Drucke und die Restauration. Sie können aber auch Spezialist sein für digitale Medien in verschiedenster Hinsicht. Insofern ist das ein sehr vielfältiger Beruf. Und als Direktor muss ich alle diese Bereiche komplett abdecken. Ich muss in jedem Meeting - mein Tag besteht zu beträchtlichen Teilen aus Meetings und aus E-Mails - einen Beitrag zur Diskussion der jeweiligen Expertinnen und Experten liefern können. Und ganz wichtig ist es natürlich, die entsprechenden Menschen für diese große Bibliothek, wir haben ja bis zu 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hause, die richtigen Menschen in die Bibliothek zu bringen, Talente zu sammeln, Menschen zu motivieren. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben. Und ein bisschen Geld gehört natürlich auch noch dazu. Denn es gilt ja auch, entsprechende Mittel einzuwerben. Es gilt, entsprechende Anträge zu stellen bei Drittmitteleinrichtungen. Aus einem normalen Medienetat können sie natürlich keine Sondersammlungen erwerben. Ansonsten habe ich natürlich mit einer Vielzahl von Fragen zu tun. Das sind oft auch bauliche Fragen, aber nicht nur Fragen der baulichen Gestaltung, sondern auch Fragen des baulichen Erhalts. In einem denkmalgeschützten Gebäude gibt es eine Vielzahl von Problemen, von Wasser bis hin zu Elektroleitungen. Und all diese Dinge beschäftigen mich natürlich auch. Am Ende des Tages muss ich den Laden am Laufen erhalten.

00:42:09: Und gibt es irgendwas, was sie besonders gern machen in ihrem Job und was sie gar nicht mögen?

00:42:15: Was ich in der Tat besonders gern mag, ist erstens natürlich, wenn ich Dinge überhaupt zum Gelingen bringen kann. Jede Sache, die gelingt, ist gut. Das ist für jeden Direktor, glaube ich, das Wichtigste. Das, was mir am meisten Spaß macht, ist, wenn ich Menschen, die sich für ihren Beruf begeistern, auch entsprechend fördern kann. Wenn ich sehe, wie junge Menschen die entsprechende Karriereleiter raufklimmen, wenn ich sehe, wie sie sich entwickeln, mit welcher Begeisterung sie sich einbringen, das macht mir den allermeisten Spaß. Das gebe ich ganz offen zu.

00:42:47: Sehr schön. Kommen wir weg von der Bibliothek als physischen Raum hin zur Bibliothek im digitalen Raum. Wir haben vorher schon darüber gesprochen, man kann heute den Bestand der Bibliothek nicht nur anhand der Regale sehen, sondern man kann das natürlich auch alles digital durchsuchen. Von zu Hause aus kann man schon recherchieren, welche Bücher, dafür gibt es einen Katalog, der heißt seit neuestem Folio, also das ist eine ganz neue Umstellung. Warum haben Sie da das System umgestellt auf diesen neuen Katalog? Warum war das notwendig?

00:43:23: Das Stichwort lautet End of Life. Das vorherige Produkt für unser Bibliotheksystem hatte das Ende seiner Lebensdauer im technischen Sinne erreicht. Es war nicht mehr sicher zu betreiben. Dieses System wurde ja landesweit betrieben. Und man muss sich das so vorstellen, dass man in laufender Fahrt den kompletten Motor eines Autos auswechselt. Das macht man nicht jedes Jahr, sondern wie das bei uns jetzt so war, alle 30 Jahre einmal. Insofern war das ein Riesenprojekt, an dem quasi alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der UB beteiligt waren. Es waren alle Geschäftsgänge betroffen, alle Prozesse, die nach außen gehen an unsere Nutzerinnen und Nutzer. Die mussten alle komplett neu umgearbeitet werden. In einem bayernweiten Projekt, wo wir Pilotbibliothek waren, also Vorreiter in Bayern, gemeinsam mit der TU München und der Hochschule Würzburg-Schweinfurt.

00:44:16: Und alle Kinderkrankheiten mitgekriegt haben als Pilothochschule?

00:44:19: Das haben wir. Wir haben das Projekt auch politisch vorangetrieben. Es galt auch hier eine Förderung durch das Ministerium einzuwerben. Auch nicht immer ohne den einen oder anderen Konflikt, auch innerhalb Bayerns. Das haben wir geschafft. Und wir haben damit deutschlandweit ein Projekt mit Strahlkraft geschaffen. Das ist ein großer, großer Erfolg, dass wir das in Regensburg und in München und in Würzburg-Schweinfurt jetzt eingeführt haben. In Regensburg übrigens inklusive der OTH. Also wir haben das gemeinsam eingeführt. Und das hat Strahlkraft erst mal für Bayern. Das wird in den Folgejahren mit Unterstützung des Ministeriums in allen bayerischen Universitätsbibliotheken und Hochschulen entsprechend eingeführt. Und andere Bundesländer sind auf uns neidisch.

00:45:07: Hatten sie da, bevor der Schalter umgestellt wurde, sozusagen vom alten zum neuen System, Muffensausen? Also was hätte passieren können oder wie hat es geklappt?

00:45:16: Ein Bibliotheksdirektor hat niemals Muffensausen. Aber ich weiß natürlich, was sie meinen. Insbesondere, weil es sich um ein Open-Source-System handelt. Wir kaufen also nicht ein fertiges Produkt von einer Firma, sondern wir haben über Jahre hinweg in engem Dialog mit einer internationalen Community dieses Produkt gestaltet und gestalten es auch weiterhin. Und das ist natürlich ein sehr, sehr herausfordernder Prozess. Eine ganze Generation von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren hat sich an diesem Prozess beteiligt. Und es war begeisternd zu sehen, wie man in einem solchen koordinierten Massenprozess ein hervorragendes Produkt kreieren kann. Also ich denke, das hat auch jenseits der Bibliothek und auch mit der Punktgenauigkeit, wie wir das terminlich geschafft haben, durchaus Vorbildcharakter.

00:46:01: Also großer Respekt für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich da auch darauf eingelassen haben, auf sowas Neues. Das ist ja auch immer nicht selbstverständlich, wenn man 30 Jahre mit einem System gearbeitet hat, dann zu sagen, okay, dann machen wir das jetzt halt ohne Murren mit. Also da liegt ein großer Meilenstein hinter Ihnen, dass Sie das umsetzen konnten. Aber der digitale Katalog ist ja bei weitem nicht das einzige digitale Angebot, das die Uni Regensburg hat. Ich war total verblüfft, was es da alles gibt. Ich wusste ganz viel nicht. Liegt vielleicht auch daran, dass ich nicht hier in Regensburg studiert habe. Aber es gibt etwas, das heißt EZB. Das ist die Elektronische Zeitschriftenbibliothek. Und die kommt für ganz Deutschland hier aus Regensburg. Habe ich das richtig verstanden?

00:46:45: Das ist genau so. Die Elektronische Zeitschriftenbibliothek ist das zentrale Zugangssystem für elektronische Zeitschriften für unsere Nutzerinnen und Nutzer. Und auch das zentrale Verwaltungssystem. Sie müssen denken, bei elektronischen Zeitschriften gilt es ja eine Vielzahl von Daten zu verwalten. Die Zugangsdaten, die Rechte-Information, die Publikationskosten und vieles andere mehr. Und all das geschieht in der Elektronischen Zeitschriftenbibliothek. Wir bieten hier seit 1997 - das muss man sich mal vorstellen, solange gibt es kaum ein anderes elektronisches System - seit 1997 einen Service für mittlerweile über 670 Bibliotheken an. Nicht nur deutschlandweit, sondern auch im gesamten deutschsprachigen Raum und auch im internationalen nicht deutschsprachigen Raum.

00:47:33: Und das sind Fachzeitschriften - entschuldigung wenn ich einhake - das sind Fachzeitschriften, also jetzt nicht Die Bunte oder Für Sie oder sowas, sondern für Medizin oder Physiker oder verschiedene Fachbereiche.

00:47:43: Genau, wissenschaftliche Zeitschriften jeglicher Couleur. Sowohl offen zugängliche Zeitschriften, also Open Access Zeitschriften, als auch lizensierte Zeitschriften.

00:47:53: Und wie kommt es, dass dieses System, auf das über 600 Unis zugreifen oder 600 Bibliotheken, dass das von Regensburg aus kommt, dass das hier gelandet ist?

00:48:03: Das ist eine sehr spannende Frage, die Sie da stellen. In den 90ern wurde immer klarer, dass es ein solches System braucht. In den 90ern haben sich die ersten digitalen Zeitschriften entwickelt. Die ersten größeren Verlagsangebote kamen raus. Und wenn Sie irgendwann mal anfangen, jenseits von drei oder vier Zeitschriften, plötzlich Hunderte und Tausende zu verwalten, und jeder Standort für sich und die Informationen werden immer komplexer, dann brauchen Sie irgendwann ein Verwaltungssystem. Und wir hatten hier einen Bibliotheksdirektor, Friedrich Geißelmann, der in diesem Bereich ein Visionär war und der gesagt hat, wir bauen jetzt hier im Rahmen eines entsprechenden Drittmittelprojektes die EZB auf. Und die hat sich so bewährt durch die Mitarbeit vieler hochkompetenter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass sie in ganz Deutschland und darüber hinaus entsprechend angenommen wurde und seit 1997 überlebt und sehr gut weiterlebt, sich im Moment auch weiterentwickelt, beispielsweise in den Bereich der Verwaltung von Publikationskosten, im Bereich Open Access. Und wir sind extrem intensiv im Dialog mit allen bundesweiten Einrichtungen, die sich mit der Verwaltung elektronischer Ressourcen beschäftigen. Da gibt es gerade seit 2022 eine bundesweite AG namens AG-Systemlandschaft E-Ressourcen, wo sich alle relevanten Players regelmäßig treffen, um die Datenflüsse zwischen diesen Systemen, also die bundesweite Informationsinfrastruktur für die Wissenschaft, zu optimieren.

00:49:30: Also das ist kein fertiges in sich geschlossenes System, sondern entwickelt sich immer weiter. Es gibt da ein Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die DFG finanziert auch, sie haben gerade schon en passant erwähnt, openCost heißt das, also ein Open Access Projekt, wo diese Zeitschriften-Datenbank weiter ausgebaut wird. Was ist das genau, worum geht es da?

00:49:54: Das Projekt openCost tut eine ganze Reihe von verschiedenen Dingen. Es stellt zunächst mal ein normiertes Metadatenformat zur Verwaltung von Publikationskosten bereit. Dazu muss man den Hintergrund kennen, die Open Access-Transformation. Das muss man vielleicht etwas erläutern. Im digitalen Zeitalter war es zunächst so, dass man für sogenannte Lizenzen bezahlt hat. Jede Universität zahlt an einen bestimmten Verlag, damit für die Nutzerinnen und Nutzer der Universität - und nur für diese - entsprechende elektronische Medien zum Lesen bereitgestellt werden. Das ist das klassische Modell. Man zahlt für das Lesen. In den letzten Jahren, seit etwa 2019, dreht sich dieser Finanzfluss um. Man zahlt zunehmend nicht mehr für das Lesen, sondern für das Publizieren in den Zeitschriften. Man zahlt also für jeden einzelnen Artikel. Die Kosten werden auf die Artikel umgelegt und damit eigentlich zunächst mal auf die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das klingt kompliziert, ist es in vielem auch, führt aber dazu in der Konsequenz, dass die entsprechenden Artikel weltweit frei zur Verfügung stehen. Das ist der sogenannte Open Access.

00:51:07: Und wer hat das entschieden, dass es umgedreht wurde?

00:51:10: Das ist ein Projekt insbesondere der Hochschulrektorenkonferenz und der Allianz der Deutschen Wissenschaftsorganisation zusammen mit der Max-Planck-Gesellschaft, die in einem großen, einmaligen, bundesweit koordinierten Prozess beschlossen haben, solche Verhandlungen mit den Verlagen zu führen. Das ist das sogenannte Projekt Deal, das ist aber nicht das einzige. Auch alle anderen großen Verlage bieten mittlerweile solche sogenannten Transformationsverträge an, wo von Lesekosten sozusagen, Lizenzkosten auf Publikationskosten umgestellt werden.

00:51:44: Und dadurch wird die Wissensnutzung, sage ich jetzt mal, für die Leserinnen und Leser noch demokratischer, richtig?

00:51:51: Genau so. Das heißt auch, Forscherinnen und Forscher an Universitäten mit geringen Finanzmitteln können sich das Lesen leisten. Sie können also zunächst einmal forschen. Das heißt auch, dass Firmen, das ist auch durchaus eine Wirtschaftsförderung, frei an diese Informationen herankommen. Wir haben eine globale Verfügbarkeit wissenschaftlicher Informationen. Das ist zunächst einmal, jenseits von politischen Fragen, die man natürlich adressieren kann, etwas Positives. Die Wissenschaft ist eine weltweite Gemeinschaft.

00:52:20: Also das heißt eben auch in Bibliotheken, die nicht so fantastisch ausgestattet sind wie die in Cambridge, von der sie vorher geschwärmt haben, sondern vielleicht auch in Staaten, wo zum Beispiel weniger Finanzmittel von der Regierung zur Verfügung gestellt werden, können junge Leute oder alle Forschenden dann direkt darauf zugreifen?

00:52:35: Genauso ist das. Umgekehrt heißt natürlich eine solche Umstellung der Finanzflüsse und der Berechnungsarten auch eine Umstellung von Etats. Und das führt bundesweit derzeit gerade zu vielen Diskussionen und Herausforderungen.

00:52:49: Und da kommen wir jetzt wieder zurück auf dieses openCost Projekt, sodass man eben diese Finanzmittel klarer auffächert, dass Leute besser sehen, was kostet es für mich, wenn ich publizieren möchte in dieser oder jener Zeitschrift.

00:53:02: Genau. Dieses Projekt macht sowohl intern diese Kosten besser verwaltbar, als auch es fügt Informationen über die entstehenden Kosten in die elektronische Zeitschriftenbibliothek mit ein, sodass sich auch Forscherinnen und Forscher entsprechend orientieren können.

00:53:17: Super. Es gibt nicht nur die Zeitschriften, wo aus Regensburg etwas nach ganz Deutschland oder sogar noch viel weiter rausgepustet wird, sage ich jetzt mal, sondern es gibt die RVK, die Regensburger Verbundklassifikation. Was ist denn das?

00:53:37: Ja, das ist ein Regensburger Kernprodukt, das aus Gründungszeiten stammt. Viele Hörerinnen und Hörer werden wissen, dass in den 70er Jahren und Ende der 60er, Anfang der 70er in Bayern eine ganze Reihe von Universitäten neu gegründet worden sind. Die haben natürlich alle Bibliotheken etabliert und die haben sich dann gefragt, naja, nach welchen Ordnungskriterien können wir diese Bücher eigentlich aufstellen? Und die Universitätsbibliothek Regensburg war unter den ersten, die vor dieser Herausforderung stand. Und dort wurde eine eigene Ordnung, eine Klassifikation, sagt der Bibliothekar, ein Ordnungssystem für diese Bücher erdacht.

00:54:14: Aber jetzt gibt es ja Bibliotheken schon sehr, sehr lange. Und die haben ja ihre Bücher wahrscheinlich auch irgendwie sortiert. Warum hat man nicht einfach andere Sortierungen übernommen, sondern sind sich da was Neues ausgedacht?

00:54:24: Nun, es gab keine nationsweite Klassifikation zuvor in Deutschland. Es gab die verschiedensten Fachsystematiken. Es gab immer wieder Versuche, es national zu normieren. Das ist immer wieder misslungen. Und natürlich muss man auch sagen, es geht um ein System, das wissenschaftsnah ist, das also die Ordnungserfordernisse der Wissenschaft abbildet. Die Fragestellungen, aber auch die Fachunterteilungen, und die müssen auch aktuell gehalten werden. Das heißt, es lohnt sich, eine neue Klassifikation aufzustellen und sie dann so zu schaffen, dass sie auch aktuell gehalten werden kann. Wir haben entsprechende Fachgruppen, die in engem Kontakt mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sind, um diese Klassifikation aktuell zu halten. Und mittlerweile dient sie eben nicht nur der physischen Ordnung von Büchern am Regal, sodass man sich schnell zurechtfinden kann. Das ist natürlich ein ganz wichtiger Prozess. Sie schnappen sich ein Buch, das sie interessiert, und sehen dann plötzlich, da stehen ja noch drei, vier andere, die für mich genauso interessant sind. Das ist natürlich ein ganz wichtiger Prozess. Aber mittlerweile werden diese Ordnungskategorien auch digital eingesetzt. Beim Information Retrieval, bei der Informationsrecherche online, sind das auch ganz wichtige sachliche Ordnungskriterien.

00:55:36: Damit ich das auch richtig verstanden habe: Wenn ich früher in verschiedenen Städten in die Bibliothek gegangen bin, dann musste ich jedes Mal komplett neu kapieren, wie ist denn jetzt hier eigentlich die Bibliothek sortiert. Also bei dem einen ist es vielleicht alphabetisch, ich sage jetzt mal blöd in der nächsten nach Farben und in der übernächsten nach Größe der Bücher sortiert. Und diese Verbundklassifikation ist ein einheitliches System. Und das ist jetzt nicht mehr nur in Regensburg, sondern das haben auch andere übernommen, richtig?

00:56:06: Sehr verbreitet, eine der zwei hauptsächlichen Klassifikationen in Deutschland. Und das ist die Ordnung in quasi allen großen Bibliotheken in Deutschland. Sie können sich also immer wieder nach derselben Art und Weise orientieren.

00:56:20: Und sich zurechtfinden nach dem gleichen System, das in Regensburg erfunden wurde. Wusste ich vorher nicht. Und wie funktioniert das dann in der digitalen Welt? Also warum ist es ein Digitalisierungsprojekt?

00:56:33: Naja, es geht ja auch im Online-Katalog darum, dass sie nicht nur irgendwie nach Stichworten suchen, also nach Wörtern aus dem Titel eines Buches, sondern sie wollen ja auch die Frage an diesen Katalog stellen können, welche Bücher zum Teilfachgebiet x, zum Beispiel zur forensischen Linguistik, gibt es. Gib mir doch mal eine Liste aller Bücher zur forensischen Linguistik. Das kann ich nur machen, wenn ich diese Bücher vorher in Kategorien einordne. Und auch das tun unsere Fachreferentinnen und Fachreferenten. Es werden entsprechende Klassifikationen vergeben und es werden auch entsprechende Schlagwörter vergeben.

00:57:05: Spannend, dass ein System, das eigentlich die physische Welt sortieren sollte, dann eben auch ins Digitale übertragen werden konnte und auch dort weiterhin Ordnung schafft. Gibt es weitere Digitalitätsprojekte, die Ihnen am Herzen liegen?

00:57:18: Viele. Viele natürlich. Ganz wichtig ist eines, das wir gerade abgeschlossen haben. Da geht es um die digitale Langzeitverfügbarkeit. Wir haben ein ministeriell gefördertes Projekt, hier federführend an der Uni Regensburg betrieben, zur digitalen Langzeitverfügbarkeit im Bibliotheksverbund Bayern. Wir haben da kooperiert mit der Universität Bayreuth und der Bayerischen Staatsbibliothek und haben versucht, ein bayernweites System zum Erhalt von Daten verschiedener Art, zum Beispiel Open Access Journals, zum Beispiel Forschungsdaten, aufgebaut. Und das haben wir in sechs Jahren intensiver Arbeit in der Tat geschafft. Ein weiterer Regensburger Erfolg. Und dieses Projekt konnten wir in diesem Jahr abschließen. Wir sind sehr froh, dass das jetzt in den Dauerservice übergeht und den bayerischen Hochschulen sehr viel nutzen wird.

00:58:10: Ist ja auch extrem wichtig. Ich mein gerade Universitäten haben ja auch ein bisschen so einen Rechtfertigungsdruck, dass man sagt, ok, da wird die ganze Zeit geforscht. Aber das, was da geforscht wird, muss ja auch irgendwie zugänglich gemacht werden und dann eben auch länger vorgehalten werden. Und dafür ist es also gedacht?

00:58:25: Ja, und sie müssen sich natürlich überlegen, wie kompliziert diese Aufgabe ist. Wir vergleichen mal die physische Erhaltung mit der digitalen Erhaltung. Eine physische Erhaltung, nehmen sie ein modern produziertes Buch, mit säurefreiem Hochglanzpapier, das hält sich sehr lange. Sie stellen das in ein Magazin, das möglichst ein bisschen klimakontrolliert ist, also keinen schädlichen klimatischen Bedingungen hat, dann hält sich dieses Buch weitgehend von alleine für eine sehr lange Zeit, über zig und hunderte von Jahren. Dafür brauchen sie nicht viele Ressourcen außer einer Räumlichkeit. Wenn sie das im digitalen Bereich machen, dann ist das eine viel um Dimensionen größere Herausforderung, Daten nicht nur über zwei oder drei Jahre oder fünf Jahre, sondern über Jahrzehnte und Jahrhunderte zugänglich zu halten. Warum ist das so? Naja, all diese Dinge sind sehr anfällig. Digitale Daten, die sie oder ich auf einem USB-Stick speichern, zum Beispiel, oder auf einer Festplatte. Da passieren die verschiedensten Dinge.

00:59:29: Ja, wem ist noch keine Festplatte abgeschmiert?

00:59:31: Genau, also da sind wir zunächst mal im physischen Bereich. Die physischen Speichermedien altern natürlich. Das heißt, sie müssen jegliche Information, die sie digital speichern wollen, immer wieder von einem physischen Gerät auf das nächste migrieren. Also digitale Information wandert immer weiter. Die digitalen Daten werden aufbewahrt. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie zugänglich bleiben.

00:59:55: Ich wollte gerade sagen, die Sachen gehen ja nicht nur kaputt, sondern veralten ja auch. Wer hat heute noch eine CD oder eine Floppy-Disc sogar im Regal stehen?

01:00:01: Genau. Also selbst wenn wir eben von einer Form des Speichermediums auf das nächste migrieren, das ist immer noch eine physische Gerätemigration, ja, dann müssen sie aber auch das Thema Formatmigration ansprechen. Denn auch Formate altern. Alte Dateiformate sind nicht mehr zugänglich für neue Maschinen oder neue Softwares. Das heißt, sie müssen die Dateien, die Daten, auch in immer wieder neue Formate migrieren. Wenn sie das tun, erstens müssen sie natürlich wissen, wann welche obsolet werden. Das heißt, sie müssen darauf achten, welches Format wie altert. Und zweitens, wenn sie das Ganze migrieren von einem Format in das nächste, wer sagt ihnen denn, dass alle Informationen dabei erhalten bleiben? Das heißt, dieser Prozess muss nicht nur gemanagt, sondern dann auch geprüft werden. Und das bei Millionen von Daten. Insofern erfordert die digitale Langzeitverfügbarkeit enorme, hohe personelle Ressourcen, gut ausgebildete Kolleginnen und Kollegen, die permanent über Jahrzehnte und Jahrhunderte diese Leistung erbringen. Ansonsten werden sie das nicht schaffen.

01:01:05: Aber super schlau, dass man sich dann natürlich bayernweit zusammenschließt und dass nicht jede Bibliothek für sich alleine versucht zu lösen dieses Problem, sondern dass man da die Ressourcen bündelt. Damit man Daten speichern kann oder Langzeit verfügbar machen, müssen sie aber erstmal veröffentlicht werden. Und auch im Bereich Publikation haben sie so das eine oder andere Projekt, das ihnen am Herzen liegt, richtig?

01:01:27: Das stimmt. Wir haben eine Abteilung IT und Publikationsdienste, die ganz wichtige Services für die Universität anbietet. Es geht ja jenseits des Publizierens bei Verlagen auch darum, gegebenenfalls Publikationen und auch Forschungsdaten entsprechend der Öffentlichkeit frei zur Verfügung zu stellen. Und dafür bieten wir eine ganze Reihe von Infrastrukturen an. Wir haben einen Publikationsserver, der ihnen ermöglicht, sowohl primär als auch sekundär zu veröffentlichen. Das heißt, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können Bücher, Zeitschriften, Artikel, Sammelbände, vieles andere mehr sofort auf unserem Server verfügbar machen für die weltweite Community oder eben auch sekundär. Das bedeutet, dass eine Verlagspublikation nach entsprechenden rechtlichen Vorgaben als Zweitform frei zugänglich gemacht werden kann. Das ist auch ein ganz wichtiger Mechanismus, das ist nach deutschem Urheberrecht erlaubt und da ist es auch ganz wichtig, dass alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich dieser Möglichkeit bewusst sind. Außerdem gehört natürlich dazu, dass wir einen Forschungsdaten-Server betreiben, den betreibt der UR Data Hub, über den wir vielleicht gleich noch sprechen, als eigene zentrale Einrichtung in unseren Räumlichkeiten, sodass eben Publikationen mit den entsprechenden Forschungsdaten verknüpft werden. Sie müssen also nicht nur dem wissenschaftlichen Artikel glauben, wir haben folgende Analysen durchgeführt, sondern sie können die Analysen an den Daten selber nachvollziehen, im Optimalfall, um das Ergebnis zu kontrollieren. Außerdem bieten wir auf unserem Publikationsserver die Möglichkeit an, für unsere Forschenden eigene wissenschaftliche Journals zu publizieren. Wir haben ein System, das nennt sich Open Journal Systems. Das hat die Möglichkeit eines kompletten Redaktionsworkflows. Das heißt, sie können, wenn sie die entsprechenden Forschenden beisammen haben, eine ganze Zeitschrift selber betreiben. Das Ganze geht auch sofort in die Langzeitarchivierung hinein. Wir haben die entsprechende Anbindung geschaffen. Und natürlich bieten wir auch die Möglichkeit an Bücher und ähnliche Medien, die bei uns digital veröffentlicht werden, auch als gedrucktes Medium zu veröffentlichen. Auch dafür haben wir entsprechende Publikationsdienstleistungen.

01:03:34: Und in welchem Umfang muss ich mir das so vorstellen? Haben Sie Zahlen für mich?

01:03:38: Keine kompletten Zahlen, aber es sind tausende Publikationen pro Jahr.

01:03:42: Sie haben gerade noch den UR Data Hub erwähnt. Was muss man sich da drunter vorstellen? Wie funktioniert das? Was ist das?

01:03:49: Man muss zunächst mal das Konzept der Forschungsdaten verstehen. Jeder Forscher, jede Forscherin an unserer Universität, an allen Hochschulen produziert Daten. Man publiziert vielleicht einen Text mit den Ergebnissen der Forschung, aber die Forschung produziert ja auch Rohdaten. Jede Maschine, die sie verwenden, produziert Daten. Jede Statistik, die sie erfassen, in einer Excel-Tabelle, wo auch immer. All das sind Forschungsdaten. Genauso im literaturwissenschaftlichen Bereich, wenn sie Textsammlungen machen, die sie dann später analysieren, Sprachdaten in der Linguistik. In allen Bereichen haben sie Forschungsdaten, die produziert werden. Nun ist es so, insbesondere mit Blick auf die Nachvollziehbarkeit, die Reproduzierbarkeit in der Wissenschaft, die ja ganz wichtig ist, um glaubwürdige Wissenschaft zu produzieren, sollten sie eben nicht nur die Publikationen verfügbar machen und archivieren, sondern auch die Forschungsdaten. Dafür muss man aber entsprechende Infrastrukturen schaffen. Drittmittelgeber wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft stellen zunehmend hohe Anforderungen an das Forschungsdatenmanagement, sowohl die Planung von Anfang an, vom Beginn des Forschungsprojektes an, wie man mit den Daten umgeht, wie man die Daten im Projekt managt, als auch später, wie man sie publiziert und wie man sie langzeit archiviert. Und um unseren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in diesem Bereich Unterstützung zu bieten, hat die Universität Regensburg eine eigene zentrale Einrichtung gegründet, den UR Data Hub, der sich in den Räumlichkeiten der Universitätsbibliothek befindet und auch in Personalunion die Geschäftsführung erfolgt durch einen Abteilungsleiter der Universitätsbibliothek.

01:05:23: Warum ist das in der Bibliothek angesiedelt? Das könnte ja eigentlich auch, na ja, ich sag jetzt mal in jeder Fakultät einzeln sein.

01:05:30: Dann hätten wir aber keine zentralen Standards. Und es würde auch niemand zentral die entsprechenden Softwares anbieten. Wir bieten zum Beispiel den RDMO an, den Research Data Management Organizer, der die Möglichkeit bietet, Forschungsdatenmanagement-Pläne von Anfang an zu erstellen. Das ist etwas, was jeder Drittmittelgeber heutzutage sich wünscht. Wir bieten ein digitales Laborbuch an, wo während der Experimente die entsprechenden Daten und auch die Informationen zu den Daten, wie sind die Daten erhoben worden, etc., verzeichnet werden. Das ist eine ganz wichtige Infrastruktur und das muss man zentral anbieten.

01:06:04: Und dann ist es eben nicht mehr so, wie vielleicht früher, dass man eine Kiste hatte, die man in den Keller stellt und sagt, okay, das sind jetzt alle Daten zu meiner Forschung und wer dann da später mal reinschauen will, hat wahrscheinlich das Nachsehen, sondern dass es wirklich zugänglich und für jeden nutzbar aufbereitet ist.

01:06:19: Genau und das Ganze liegt nicht in einer Datenbank, wo die entsprechende Hilfskraft die Uni gewechselt hat und das Passwort vergessen wurde.

01:06:26: Oh ja, das kennen wir alle. So viele verschiedene Angebote, die die UB da verantwortet, also vieles war mir wirklich selbst überhaupt nicht bekannt, auch wie die Uni Regensburg da deutschlandweit ausstrahlt oder auch international. Wir haben über den physischen Raum gesprochen, was die Uni Bibliothek alles anbietet, wir haben über digitale Projekte gesprochen. Aber was beschäftigt sie denn jetzt gerade so? Was liegt auf ihrem Schreibtisch? Was gehen sie jetzt an?

01:06:53: Zu viele Dinge gleichzeitig wie immer. Uns beschäftigt natürlich weiter die Vernetzung, uns beschäftigen verschiedene Projekte, wo wir auch Drittmittelanträge zukünftig stellen. Wir haben in diesem Jahr eine ganze Reihe von Projekten abgeschlossen und werden dann natürlich auch weiter beispielsweise im Bereich elektronische Ressourcen weiterarbeiten. Aber uns beschäftigen natürlich auch ganz, wenn sie so wollen, einfache Themen. Wir haben vorher über die Zahl der Lesesäle gesprochen, das Thema, wie lange können wir unsere Bibliothek öffnen und wie können wir sie am besten für unsere Nutzerinnen und Nutzer zur Verfügung stellen, insbesondere mit Blick auf schwindende Mittel.

01:07:30: Haben sie damit zu kämpfen tatsächlich?

01:07:32: In Teilen haben wir damit zu kämpfen. Viele bayerische Bibliotheken haben noch stärker im Moment als wir damit zu kämpfen. Und da werden oft Öffnungszeiten zusammengestrichen und das geht natürlich nicht, eigentlich. Wissenschaft müssen sie im digitalen Raum, aber auch im physischen Raum, als Lernraum, eigentlich rund um die Uhr 24-7 betreiben können. Bibliothek ist ein Potenzial, Öffnungszeiten sind eigentlich der Kern einer Bibliothek. Und da müssen wir in Zeiten knapper Mittel, neben der Standortkonzentration, wir haben über den großen naturwissenschaftlichen Lesesaal gesprochen, auch zu anderen Lösungen kommen. Und das Schlagwort im Moment dafür heißt Open Library. Das heißt, dass wir zu entsprechenden Randzeiten und vielleicht zukünftig auch mal 24-7 Lesesäle ohne Aufsicht zur Verfügung stellen, aber mit entsprechender Absicherung.

01:08:21: Die finanziellen Mittel sind Faktoren von außen, die sie manchmal nicht beeinflussen können. Wie schaut es sonst mit den äußeren Umständen aus? Also wir haben eine politische Lage im Moment, die so unsicher ist, wie sie seit vielen Jahrzehnten eigentlich nicht war. Wir haben Einflüsse, wir haben vorher schon gesprochen, Fake News, KI und so weiter. Alles Dinge, die viele Leute verunsichern und auch beunruhigen. Spielt sowas in Ihre Arbeit auch mit rein?

01:08:50: In vielerlei Hinsicht. Wir haben in der Tat unsichere Umstände. Das geht von Fragen der Resilienz und der Katastrophenplanung, die wir auch betreiben, bis hin natürlich zu Fragen des Ansehens der Wissenschaft in der Gesellschaft und auch der Fragen der wissenschaftlichen Qualität. Die wissenschaftliche Qualität wird in vielerlei Hinsicht in Frage gestellt und bedroht. KI hatten sie schon erwähnt, auch Fake News. Natürlich geht das auch in Richtung wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Das geht aber insbesondere auch in die Frage hinein, was auf dem Verlagsmarkt passiert. Es gibt die sogenannten Predatory Publishers, also hinzugekommene Verlage, die mit interessanten Praktiken versuchen, Marktanteile für sich zu kapern. Teilweise ohne die entsprechenden Leistungen zu erbringen, insbesondere ohne die entsprechende wissenschaftliche Qualität abzusichern. Und hier gilt es natürlich auch, auch mit Blick auf den wissenschaftlichen Nachwuchs an der Universität Regensburg entsprechende Vorsorgemaßnahmen zu treffen und die Diskussion über wissenschaftliche Qualität aktiv zu halten, auch universitätsübergreifend, auch Publikationspraktiken, Finanzpraktiken zu überprüfen. Deswegen hat die Universitätsleitung unter meiner Moderation und unter Leitung von Vizepräsident Tamm eine AG-wissenschaftliche Qualitätssicherung im Publikationswesen ins Leben gerufen. Die hat gerade das erste Mal getagt, wo wir genau diese Diskussionen führen. Wo investiert man Geld? Wie kann man Forscherinnen und Forscher am besten anleiten, damit nicht entsprechende Bedrohungen ignoriert werden?

01:10:26: Es ist ja nicht nur im Bereich der Publikation, sondern auch aus politischer Sicht. Also wenn man über den großen Teich schaut oder auch in andere Länder, dann sieht man, dass Unis ganz gezielt Gelder gekürzt werden, dass Forschungseinrichtungen nicht weiter unterstützt werden und so. Macht Ihnen diese politische Zensur, ist es ja im Endeffekt, auch von Wissen auch ein bisschen Angst? Oder sind wir davor hierzulande noch gefeit?

01:10:49: Wir sind davor definitiv nicht gefeit, weil natürlich Forschung international stattfindet. Wir haben das Beispiel gehabt, dass zentrale wissenschaftliche Informationsinfrastrukturen etwa im Bereich der Pädagogik oder der Medizin, dafür gab es jüngst entsprechende Beispiele, dass denen die finanzielle Grundlage entzogen wurde. Also Datenbanken, ja Recherchedatenbanken, bibliografische Datenbanken, die zum Tagesgeschäft auch der deutschen Bibliotheken gehören. Das sind Fragen, denen wir uns stellen müssen. Das tun glücklicherweise die deutschen Institutionen auch. Die Zentrale Fachbibliothek für Medizin, die ZB MED in Köln widmet sich diesem Thema gerade sehr intensiv. Auch mit Blick auf Drittmittelanträge. Das halte ich für sehr wichtig, dass wir auch im wissenschaftlichen Bereich entsprechende Resilienz aufbauen. Und das hat natürlich auch was mit kognitiver Resilienz zu tun. Da kommen wir wieder zurück zu den entsprechenden Kompetenzen und dem kritischen Denken.

01:11:42: Viele Dinge, die tatsächlich nicht schön sind für die Wissenschaft, aber trotzdem hoffe ich, dass Sie jetzt zum Jahresbeginn positiv ins kommende Jahr blicken. Wir haben es gesagt, bis Juli kann man noch die Beckett Ausstellung besuchen. Und auch sonst gibt es bestimmt das eine oder andere Highlight im Kalenderjahr der UB. Wir verlinken das auf jeden Fall nochmal in den Shownotes. Und dann könnt ihr euch immer informieren über alles, was aktuell los ist. Mir bleibt jetzt einfach Ihnen ganz, ganz herzlichen Dank zu sagen, Herr Schüller-Zwierlein, dass Sie heute hier bei mir zu Gast waren und uns die UB mit all, all, all Ihren Angeboten vorgestellt haben. Vielen Dank.

01:12:17: Meinerseits ein großes Dankeschön. Es hat mir viel Spaß gemacht.

01:12:20: Das freut mich. Welche dieser vielen Angebote findet ihr besonders wichtig und was probiert ihr vielleicht demnächst mal aus? Kommentiert diese Folge doch gerne oder schreibt uns eine Mail an kontakt@ur.de. Dort sind wir natürlich auch immer offen für alle Fragen und Anregungen zu dieser Folge oder zum Gasthörer allgemein. Wenn ihr unseren Podcast mögt, dann abonniert den Gasthörer doch am besten gleich, lasst uns gerne ein paar Sterne da und empfehlt uns natürlich auch gerne weiter. Mund zu Mund-Propaganda ist für uns das Allerbeste. Vielen Dank dafür und dass ihr heute wieder mit dabei wart. Wir hören uns Ende Februar wieder. Ich bin Katharina Herkommer und ich sage tschüss und bis bald, liebe Gasthörerinnen und Gasthörer.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.