Hochzeit, Tod und sonst so? VERSTEHENDE ETHIK mit Prof. Dr. Rupert Scheule

Shownotes

Was soll das denn? – genau das fragt Prof. Dr. Rupert Scheule, wenn er Menschen in entscheidenden Lebensmomenten wissenschaftlich begleitet. In dieser Folge des Gasthörer sprechen wir mit dem Moraltheologen der Uni Regensburg über seinen Ansatz der verstehenden Ethik. Was bedeutet es, Menschen und ihre Entscheidungen wirklich nachvollziehen zu wollen – jenseits moralischer Urteile?

Wir werfen einen Blick auf den interdisziplinären Masterstudiengang Perimortale Wissenschaften, sprechen mit der Bestatterin und Psychologin Annette Seibel über psychische Belastungen im Umgang mit dem Tod, diskutieren die Ergebnisse einer aktuellen Studie zu katholischen Hochzeiten – und schauen auf Scheules neuestes Forschungsprojekt zu Übergängen im Leben. Eine Folge über Abschiede, Aufbrüche – und den Versuch, menschliches Verhalten mit Empathie und wissenschaftlicher Neugier zu begreifen.

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00:00:03: Stellt euch mal vor, ihr erlebt eine richtig blöde Situation. Der Busfahrer pflaumt euch beim Einsteigen laut und heftig an, nur weil ihr anscheinend nicht schnell genug seid oder das Kleingeld fürs Ticket nicht direkt passend habt. Eine Lehrerin oder Dozentin ist in der Sprechstunde komplett abwesend, hört euch gar nicht richtig zu und versucht nicht mal, euch bei euren Fragen weiter zu helfen, sondern bügelt die einfach nur mit einem überheblichen Spruch weg. Oder jemand wird auf dem Supermarktparkplatz komplett ausfällig, weil er kurz warten muss, während ihr noch beim Parken rangiert. Wenn ich früher, als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe, nach Hause gekommen bin und sowas erzählt habe, einfach meinen Frust darüber ablassen wollte, war das meistens ziemlich unbefriedigend für mich. Denn statt einem: "Oje, du Arme", hab ich zu hören bekommen, vielleicht bekommt der Busfahrer immer Ärger von seinem Chef, wenn er den Zeitplan nicht genau einhält, vielleicht wart ihr vorher frech zu eurer Lehrerin oder sie hat einen kranken Mann zu Hause oder du weißt nicht, was bei dem Autofahrer an dem Tag sonst schon so los war, und warum er es so eilig hatte, vielleicht gab es einen Notfall. Mir immer überlegen zu müssen, warum jemand so handelt, wie er handelt, statt einfach mal sauer darüber sein zu dürfen, hat mich damals oft zur Weißglut gebracht. Was ich nicht wusste und was auch meine Eltern wahrscheinlich nicht so auf dem Schirm hatten, ich wurde anscheinend nach dem Prinzip der Verstehenden Ethik erzogen, ein Begriff, den ich bis zur Vorbereitung auf diese Podcast-Folge gar nicht kannte. Um was es dabei genau geht und wie vielfältig die Forschung in diesem Bereich sein kann, darüber sprechen wir wie immer mit einem absoluten Experten. Und das ist diesmal der Theologe Professor Dr. Rupert Scheule. Hallo Herr Scheule, ich freue mich, dass Sie da sind.

00:01:36: Danke für die Einladung in diesen Podcast, war schon eine wunderbare Einleitung.

00:01:41: Hallo natürlich auch an euch da draußen, ich bin Katharina Herkommer und ihr hört den Gasthörer, den Wissenschaftspodcast der Uni Regensburg.

00:01:51: Gasthörer.

00:01:57: Herr Scheule, wenn ich es mal grob zusammenfasse, sprechen wir gleich über Forschungsthemen rund um Beerdigungen, Hochzeiten und andere wichtige Übergänge im Leben, andere Lebensereignisse. Deswegen als Anfang, sie sind ja verheiratet, auf ihrer Homepage hab ich gelesen, sie haben, glaub ich, fünf Kinder. Also ist ihre Hochzeit wahrscheinlich auch schon ein bisschen her. Wissen Sie denn Ihren Hochzeitstag?

00:02:18: Ja.

00:02:19: Und ist es der der kirchlichen Trauung oder der standesamtlichen Trauung?

00:02:23: Ich weiß sogar beide. Da bin ich ein bisschen stolz. Ich muss immer mal überlegen, wann ich selber geboren bin und so. Aber das hab ich drauf, meinen standesamtlichen und meinen kirchlichen Hochzeitstag. 16. August und 27.Oktober.

00:02:38: Ein Göttergatte. Aufs Thema kirchliche Hochzeit und Ehe kommen wir später zurück. Jetzt stell ich Sie erst mal noch kurz vor, damit unsere Hörerinnen und Hörer besser wissen, wem Sie da zuhören. Sie sind im Allgäu aufgewachsen und haben dann katholische Theologie, Geschichte und Germanistik studiert. Und zwar in Würzburg, Augsburg und Wien. Nach ihrem Abschluss hatten sie zwischen 1998 und 2009 verschiedene Posten in den Bereichen christliche Ethik und Moraltheologie an der Uni Augsburg und der KU Eichstätt inne, bevor sie als Professor zunächst an die Fachhochschule Dortmund und dann an die Theologische Fakultät in Fulda gegangen sind. Während der Fulda-Zeit waren sie gleichzeitig auch Leiter des katholisch-theologischen Seminars an der Philipps-Universität in Marburg. 2017 sind sie dann dem Ruf auf den Lehrstuhl für Moraltheologie hier an der Uni Regensburg gefolgt. Sie sind Studiendekan unserer Fakultät für katholische Theologie, Mitglied im Ethikkommitee der Regensburger Uniklinik und beratendes Mitglied der Kommission für Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz. Und außerdem sind sie auch noch ständiger Diakon der Pfarrgemeinschaft Maria Hilf-Krumbach in Bayerisch-Schwaben. Herr Scheule, wie machen sie das alles?

00:03:46: Also mir wurde jetzt auch ein bisschen schwindelig, als sie das gerade aufgezählt haben. Und ich habe mir sofort gedacht, Scheule, du musst weniger machen. Vielleicht wird dann das Leben auch ein bisschen entspannter. Aber es ist natürlich auch total interessant. Und es gibt tolle Wechselbezüge jetzt zum Beispiel zwischen der Seelsorge und dem, was ich jetzt hier an unserer Uni beruflich machen darf. Also das macht insgesamt schon bei aller Dichte, die ich ja mit vielen anderen, die auch wie ich das Leben führen, teile, das macht Sinn. Wie schaffe ich das? Weil es Spaß macht, ja. Weil es Spaß macht.

00:04:22: Als ich gelesen habe, dass Sie auch noch als Diakon arbeiten, das fand ich besonders interessant. Ist Ihnen das wichtig, also gerade diese Verwurzelung auch noch in der Kirchengemeinde?

00:04:31: Ja. Und ich sage Ihnen was, mein akademisches Denken und Lehren hat sich verändert, seit ich in der Seelsorge bin. Ich bin viel kleinlauter geworden, was die großen Ansagen angeht. So und so muss es sein. Also wenn man sich näher aufs Leben einlässt, und das sollten ja gute Seelsorgerinnen und Seelsorger, dann wird man mit den ganz großen lehrmäßigen Ansagen ein bisschen vorsichtiger. Und ich glaube, das hat auch meiner akademischen Lehre gut getan. Und wir werden später vielleicht auch noch von den perimortalen Wissenschaften sprechen, diesen Studiengang, den ich so ein bisschen mitverantworte. Und ich glaube nicht, dass es den in der Form jetzt so bei uns gegeben hätte, ohne meine Trauerbegleit- und Beerdigungspraxis, die ich als sozusagen Nebenerwerbsgeistlicher erworben habe.

00:05:26: Über die perimortalen Wissenschaften sprechen wir gleich als erstes. Aber lassen Sie uns erst den Begriff Verstehende Ethik klären, der ja der Titel dieser Podcastfolge ist und auch der Überbegriff über die verschiedenen Themen, die wir gleich ansprechen werden. Was verstehen Sie genau darunter?

00:05:44: Also Verstehen ist das Hauptwort in diesem Begriff. Und das Wort Verstehen weist uns, wenn Sie so wollen, in verschiedene wissenschaftshistorische Ecken. Da gibt es zum einen die Hermeneutik des 19. Jahrhunderts und zum anderen die Verstehende Soziologie nach Max Weber. Hermeneutik war vorher im Grunde anderthalb Jahrtausende eher so eine Art Technik, die Bibel zu verstehen.

00:06:14: Also Auslegung ist das im Grunde?

00:06:15: Auslegung, genau. Man hat dann von Hermeneutica Sacra gesprochen. Also die Bibel sagt ja nicht zu gar allem irgendetwas. Aber Leute wollten einfach eine Orientierung finden an der Bibel. Und dann musste man anfangen, so ein bisschen zu interpretieren, was könnte im Sinn der Bibel sein. Das war lange Zeit so die Idee der Hermeneutik dieser Art Auslegungswissenschaft. Und im 19. Jahrhundert wurde die dann bei Wilhelm Dilthey zum Beispiel aufgedreht. Es geht grundsätzlich darum, Lebensäußerungen zu verstehen. Und bei Heidegger, ein paar Jahrzehnte später, wird das dann noch mal radikaler. Er sagt, es ist ein Lebensvollzug. Du verstehst, indem du lebst und du lebst, indem du verstehst. Und das ist schon etwas, was uns interessiert in der verstehenden Ethik. Das ist die eine Seite. Und das andere ist Max Weber. Verstehende Soziologie will ja gewissermaßen uns als neugierige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anhalten, quasi in die Situations Definitionen derer, die uns interessieren, reinzukriechen. Welchen Sinn sehen die in dieser Situation? Also bei ihrer wunderbaren Anmoderation: Was geht tatsächlich in diesem Autofahrer vor, der mich anpflaumt auf dem Lidl-Parkplatz? Wieso macht der das? Also da sich gewissermaßen auf den Beifahrersitz zu setzen und zu gucken, wie ist der drauf? Also das ist das Verstehen, um das es uns geht. Und wir in der Verstehenden Ethik versuchen, so was wie ein Verstehen höherer Ordnung zu betreiben. Wir wollen verstehen, wie Menschen ihr Leben verstehen.

00:07:50: Aber warum ist es so wichtig, die Leute zu verstehen? Also ich kann doch auch sagen, naja, wenn die Leute sich nicht artikulieren können oder das nicht deutlich machen können, was gerade ihr Problem ist, dann ist es ihr eigenes Problem. Warum ist es unsere Aufgabe zu verstehen, wie die Leute was verstehen?

00:08:04: Da kommt jetzt das andere Wort in der Verstehenden Ethik ein bisschen zum Tragen, die Ethik. Also mir ist im Laufe meiner akademischen Karriere aufgefallen, dass wir zumal als theologische Ethik, als Moraltheologie, ja, ist ja ein fieses Wort, wenn ich irgendwo an einem kalten Buffet anstehe und wir über Berufe sprechen und ich sage, ich bin Moraltheologe, dann wenden sich Menschen ab oder haben das Gefühl, das ist fast so schlimm, wie jetzt bei der Kriminalpolizei zu sein oder so. Also, aber diese Moraltheologie hat über die Jahrhunderte, buchstäblich über die Jahrhunderte, nicht gut genug hingeguckt, was wirklich, wirklich für die Menschen relevant ist. Was sind die echten Probleme einerseits? Und, und da hat man noch weniger hingeguckt, was sind vielleicht Lösungsansätze, die jetzt nicht aus Büchern oder aus meinem sozusagen Akademiker-Großhirn kommen, sondern Lösungen, die bereits gut erprobt sind. Und das kann man sich ja mal angucken, ja. Also, die echten Probleme verstehen, Lösungsmöglichkeiten, die praktiziert werden, die sozusagen den Härtetest der Praxis schon bestanden haben, zu verstehen und zu reflektieren. Und dann kommt vielleicht noch was Drittes hinzu. Also da war auch meine Disziplin, die Moraltheologie, schon über anderthalb Jahrtausende eher so drauf, mit einem erhobenen Zeigefinger vor den Menschen zu stehen. Ich sage euch jetzt, wie ihr marschieren sollt. Und das muss vorbei sein. Und ich glaube, indem wir uns auf Augenhöhe begeben und nur so geht verstehen, wird die Moraltheologie, die Verstehende Ethik auch selber moralisch. Sie verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger, sie verzichtet auf das Überheben. Ich weiß eh besser, was gut für dich ist. Sie begibt sich auf Augenhöhe, kommuniziert Wertschätzung. Und das ist sozusagen auch wissenschaftspolitisch, finde ich, interessant, die Moraltheologie moralisch zur Ordnung zu rufen. Also das ist das, was wir versuchen.

00:10:05: Ist ja wahrscheinlich in Zeiten von Kirchenaustritten und so auch wirklich wichtig für die Kirche denn alles, was Sie bis jetzt gesagt haben - Also Sie haben Heidegger oder Weber erwähnt - hat ja eigentlich erstmal wenig mit Theologie zu tun, sondern kann auch ohne Gott funktionieren oder ohne Gott interessant sein, oder?

00:10:19: Kann man so sehen, ja. Man kann allerdings auch wahrnehmen, dass, also das wäre jetzt eine sehr theologische Sicht, dass ein Gott, der sich sozusagen unter uns gestellt hat, in dem er Mensch wurde, sich unseren Interpretationen und Situationsdefinitionen ausgesetzt hat, dass das ein Gott ist, der uns auch wertschätzt und uns nicht sozusagen durch eine Show, keine Ahnung, vom Himmel regnender iPhones überzeugt: Ich bin wirklich Gott. Der stellt sich als Wunderrabbi aus dem galiläischen Oberland vor uns hin und fragt, glaubt ihr an mich? Und das bedeutet nicht zuletzt Wertschätzung. Wertschätzung für unser Verstehen. Und da würd ich einen theologischen Dreh schon darin sehen, dass die, die an diesen Rabbi aus Nazareth als Sohn Gottes, wahrer Mensch und wahrer Gott glauben, dass die besonders die sein sollten, die im Verstehen-wollen Wertschätzung artikulieren. Also wenn sie einen theologischen Dreh suchen wollen, ich hoffe, das war jetzt nicht zu verquast, dann wäre das ein Angebot.

00:11:26: Aber insgesamt ist Ihre Forschung sehr lebensnah. Also wir sprechen gleich ja auch über sehr konkrete Themen. Und Sie haben am Anfang schon gesagt, dass es schon auch irgendwie zu Ihnen passt. Also es sind abstrakte Themen, aber doch ja was, was sehr eng im Leben von uns allen verankert ist. Also wie können wir besser zusammenleben? Wie funktionieren diese Mechanismen?

00:11:44: Also das ist natürlich weniger mein Verdienst als das Format meines Fachs. Und da, das muss ich Ihnen wirklich sagen, bin ich unglaublich dankbar. Ich bin kein Wissenschaftler, der zwei Bücher vor sich hat und über die zwei Bücher ein drittes Buch schreibt. Das kann super sein. Ich lese auch gern solche Bücher und habe auch schon mal ein, zwei solche Bücher geschrieben. Aber der eigentliche Clou oder ich sag erst mal, der Sex-Appeal der Ethik ist doch, dass sie nah bei den Menschen sein kann. Dass sie sozusagen neugierig zum Einkaufen gehen kann und neugierig auf dem Schulhof stehen kann. Und da erst mal schauen kann: Hey, was ist hier eigentlich los? Und von da aus versucht, irgendwie Deutungsangebote zu machen.

00:12:27: Der Begriff Verstehende Ethik ist nicht neu. Also sie haben den jetzt nicht erfunden oder so. Es gibt schon andere Theologen, die sich im letzten Jahrhundert schon damit auseinandergesetzt haben, die vielleicht auch sich mit diesen Themen beschäftigt haben, auch zum Teil unter anderen Begriffen. Aber was ist jetzt das, was Sie daran erforschen? Also Sie haben gerade gesagt, Sie lesen nicht die alten Bücher und streiten sich mit den bereits verstorbenen anderen Forschern.

00:12:49: Nochmal, tolles Projekt, ja, nur nicht meins.

00:12:52: Aber was möchten Sie dann rausfinden? Braucht es einfach nur ein Update von dem, was die alten Forscher gemacht haben in die jetzige Zeit? Oder was interessiert Sie grundsätzlich?

00:12:59: Mich interessieren Problemlösungsstrategien. Oder wenn Sie es ganz grundsätzlich haben wollen, mich interessieren real existierende Menschen. Also ich will und insofern bin ich genau richtig in so einer wirklich fundamental des Verstehen, Verstehenden Ethik, ja, der Verstehen der Ethik, ich will verstehen. Also das ist für mich persönlich ein Grundantrieb des Lebens. Ich fühle mich unsicher und es geht mir nicht gut, wenn ich in Situationen bin, wo ich überhaupt keinen Plan habe. Also ich will zunächst mal verstehen. Und dann will ich, wenn ich mich in einer Situation auskenne, einfach verstehen, wie agieren die Leute hier? Warum? Kann ich da was lernen? Kann ich aus dieser Situation was mitnehmen in eine andere Situation? Und dann kommt dazwischen eben doch mal das Bücher schreiben oder Aufsätze schreiben, dass da andere von diesem, meinem Situationerlebnis etwas mitnehmen und lernen können. Ein kleines Beispiel, ich komm jetzt gerade eben von der Korrektur einer Masterarbeit, da ging es um die Lebensführung von Totenversorgern. Vielleicht können wir da später nochmal ausführlicher drüber reden. Für die Leute, die also jetzt im Bestattungswesen oder in einem Krematorium arbeiten, ist es unglaublich wichtig, wie sie das, was sie tun, verstehen. Nämlich als wichtigen Dienst für die Gesellschaft. Die holen einen Leichnam ab, der nicht mehr gut riecht, fahren in einem klimatisierten Auto irgendwo anders hin. Das ist das, was faktisch läuft. Aber sie verstehen gar nichts, wenn sie nur diesen physikalischen Vorgang, Leichnam kommt von A nach B, sehen. Wir verstehen etwas, wenn wir sehen, und das ist so eine Grundidee auch der Hermeneutik, X als Y in einem bestimmten Kontext. Und diese Bestatter sehen dieses Fahren eines verwesenden Stück Fleisches von A nach B als wichtigen Job für die Gesellschaft. Und da frage ich mich zum Beispiel: Hey, könnte das nicht auch für andere Berufsfelder wichtig sein, dass sie einfach aufweisen, wie wichtig sie für die Gesellschaft sind? Also ihr Tun als etwas Wichtiges verstehen. Und so versuchen wir in der Verstehenden Ethik, also sozusagen Best Practice Beispiele aufeinander zu beziehen und mit ein bisschen Reflexion und auch mit ein bisschen Reflexion aus dem, was vor uns Leute schon gedacht haben - Sie haben das 19. Jahrhundert angesprochen - man kann sozusagen die ganze Geschichte ansprechen und die auch mit einem Verstehen-wollen durchforschen, ob die nicht doch etwas beitragen können zu dieser oder jener Situation und dann machen wir Angebote, deute Angebote für bestimmte Situationen, die für Menschen wichtig sein könnten.

00:15:45: Super spannend. Also genau so wie sie sagen, für jeden ist es ja wichtig, einerseits selbst einen Sinn in dem zu sehen, was man tut, aber eben auch eine Bedeutung für andere oder in der Gesellschaft.

00:15:54: Also es ist nur ein Beispiel. Also manche sagen auch unter den Bestattern, es ist einfach wichtig, viel Geld zu verdienen. Dann ist das so. Aber wenn wir so nach Bedeutungsrekonstruktionen suchen, dann ist das schon was Interessantes und Wichtiges. Dann können nämlich auch wirklich unschöne Tätigkeiten auf einmal wirklich zu einer hohen Berufszufriedenheit führen, ohne dass die jetzt mit einer irren Alimentierung verbunden sind. Und das ist doch interessant. Also ich finde das interessant und über sowas denken wir nach.

00:16:25: Diese Arbeit entsteht im Rahmen des Studiengangs Perimortale Wissenschaften, den sie am Anfang schon erwähnt haben. Und der ist für viele, die vielleicht sich auf unserer Homepage umschauen, ein Kuriosum. Er ist auf jeden Fall ein Unikum in Deutschland. Also sowas gibt es nicht mehr sonst irgendwo. Perimortale Wissenschaften, das bedeutet, die Leute, die das studieren, beschäftigen sich mit allem rund um den Tod, so wie ich das verstanden habe. Ist das ein feststehender Begriff? Gibt es den?

00:16:50: Also den haben wir so ein bisschen geprägt, das ist ein Kunstwort. Also jeder, jede kennt vermutlich den Begriff perinatale Medizin. Das ist also der Bereich rund um die Geburt. Und auch das war in den 50er-, 60er-Jahren eine Revolution, sozusagen den Blick aufzumachen. Da gibt es nicht auf der einen Seite jetzt die Gynäkologen und auf der anderen Seite die Kinderärzte. Und ab der Geburt übernehmen dann die Kinderärzte. Das Ganze sozusagen als komplexes Geschehen zu sehen - Schwangerschaft, Geburt, die ersten Tage - das war damals ein wahnsinns Boost sozusagen für die Szene. Und was Ähnliches haben wir gedacht ist wichtig, sozusagen am anderen Ende des Lebens zu versuchen, mit einem interdisziplinären Blick rund um den Tod. Und das ist das, was wir versuchen, in den perimortalen Wissenschaften zu lernen.

00:17:43: Und an wen richtet sich dieser Studiengang?

00:17:46: Das, Frau Herkommer, ist von Anfang an eine Frage, die sich aufdrängt und die immer auch gestellt wurde, als wir noch den Studiengang konzipiert haben. Da werden euch alle auf die Schulter klopfen. Schön, dass ihr mal den Tod ein bisschen aus der Tabuisierung kommt und niemand wirds studieren, weil es kein Beschäftigungsformat ist. Fakt ist, es ist vom ersten Jahrgang, wir sind jetzt im fünften Jahrgang immer für so einen Nischen-Masterstudiengang, immer mehr als genug Leute zusammengekommen, aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Da gibt es zum Beispiel Bestatter, Bestatterinnen, die das Gefühl haben, sie müssen noch mal ein bisschen Reflexion drauflegen auf das, was sie tagtäglich tun. Es gibt Ärztinnen, Ärzte, die zum Beispiel während der Pandemie ganz eindrückliche Erfahrungen mit Sterben, Tod und Trauer gemacht haben und das noch mal reflektieren wollen. Es gibt Menschen, die eher in ihrer Lebensmitte stehen oder kurz nach der Pensionierung anfangen, das zu studieren, weil sie einfach - und das darf man ja auch - aus Interesse studieren. Und dann gibt es, das ist vielleicht, Pi mal Daumen macht das ein Drittel aus, wirklich junge Leute mit einem Bachelor, die sagen, okay, ich habe diese und jene Idee, ich habe jetzt soziale Arbeit oder Pflegewissenschaften studiert und mir fehlt das noch und dann will ich irgendwas in diesem boomenden Bereich von Palliativversorgung, Totenversorgung selber wuppen. Also es gibt ein paar Ausgründungen aus unserem Studiengang, ein alternatives Bestattungshaus, eine Kommilitonin betreibt mit einer Kollegin zusammen die Herstellung von Papierurnen. Das sind dann natürlich so Innovationen eher der jüngeren Leute unter denen, die die PeWi studieren. Also das ist das Coole. Es gibt manche innovative Studiengänge, da schaffen sich die Absolventinnen und Absolventen ein Stück weit das Berufsfeld. Wir haben darauf gehofft, dass das bei PeWi so ist und nach allem, was ich mitkrieg, ist es so. Und da sind wir natürlich extrem dankbar.

00:19:53: Manchmal ist es ja auch super, einfach mal was ausprobieren zu dürfen und dann zu schauen, wie sich das weiterentwickelt und offensichtlich funktioniert es ja. Aber was lernen die Studierenden denn da in diesem Studiengang? Also sie haben gesagt, sie beschäftigen sich mit Themen rund um den Tod, aber sind das dann alles Theologen oder..?

00:20:10: Also nahezu keine Theologen und Theologinnen haben wir bei den perimortalen Wissenschaften. Es sind relativ viele Medizinerinnen, Mediziner, Sozialarbeiter, Pflegewissenschaftler und Lehrer, die vielleicht noch was nebenher machen wollen. Was lernen die? Wir versuchen - schon einfach deswegen, weil wir dann einen Studiengang haben, wo es relativ viele Menschen gibt, die schon viel Expertise mitbringen - wir versuchen ein bisschen denen das beizubringen in dem perimortalen Ensemble, was ihnen tatsächlich noch fehlt. Einem Oberarzt in der Palliativmedizin müssen sie nicht erklären, wie Palliativ-Care geht. Der muss das nicht machen. Aber er hat vielleicht ein Interesse daran, Sterben, Tod und Trauer aus antiken Texten kennen zu lernen und interpretieren zu lernen. Das ist etwas, was wir machen. Umgekehrt hat vielleicht ein pensionierter Latein-Lehrer, der nebenher Hospizhelfer ist, eher nochmal Interesse daran, medizinische Kenntnisse zu vertiefen. Und beide, die Oberärztin und der pensionierte Lehrer, halten vielleicht das Bestattungswesen für eine Black Box. Da ist es ganz, ganz wichtig, dass wir, Stichwort Transdisziplinarität, auch mal rausgehen und mit real existierenden Bestattern gucken, was ist so der Pathway nach dem Tod? Was läuft da alles? Um ein bisschen auch die Angst vor diesen Strukturen da zu nehmen. Das ist alles transparent darstellbar. Also das sind, um ein paar Dinge zu sagen, das sind so Felder, auf denen wir lehrend und lernend, immer auch lernend, unterwegs sind.

00:21:52: Das heißt, der Studiengang ist zwar in der Fakultät für Theologie angesiedelt, aber Sie arbeiten auch mit anderen Fakultäten hier in der Uni zusammen?

00:21:59: Unbedingt, unbedingt. Also diesen Studiengang unserer Universität, der Uni Regensburg, ich sage jetzt gehostet wird der von der Fakultät für Theologie, aber im Grunde ist der Tod zu groß als Thema, um nur einer Fakultät überlassen zu bleiben. Also entscheidend ist für uns, dass wir mit den Medizinerinnen und Medizinern zusammenarbeiten. Also diese Achse Theologie, Medizin ist ganz wichtig und natürlich auch mit benachbarten geisteswissenschaftlichen Fakultäten.

00:22:31: Und wenn wir diesen Studiengang jetzt wieder in unser Überthema einfädeln wollen, in die Verstehende Ethik, Sie haben am Anfang ja schon ein paar Beispiele genannt, aber inwiefern passt der denn in die Verstehende Ethik? Oder was ist daran, dass jetzt Bestatter und Bestatterinnen sich weiterbilden oder Ärzte, ethisch?

00:22:49: Das ist vielleicht ein größerer Kontext, in dem man das sehen muss. Ich glaube, die perimortalen Wissenschaften können noch mal einen guten Move machen mit einer Verstehenden Ethik. Weil es schon irgendwie wichtig ist wahrzunehmen, zum Beispiel im Feld der Trauerbegleitung. Da brauchen wir nicht immer die Experten für. Da reicht es einfach mal, volles Menschsein zu zeigen, wenn sie eine halbe Stunde ihre trauernde Nachbarin aushalten. Trotzdem ist es wichtig und entscheidend, wie sie das machen, wo sie gut waren im Aushalten dieser Situation und wo sie Schwierigkeiten hatten. Und das aufzunehmen und aufzuarbeiten und vielleicht dann einzubringen in eine Lehrveranstaltung, das ist was Interessantes. Und da kommt vielleicht das Projekt der Verstehenden Ethik doch nochmal den perimortalen Wissenschaften sehr zugute. Wann immer sie irgendwie so auf neuem Terrain unterwegs sind, glaube ich, lohnt sich das mit der Verstehenden Ethik.

00:23:55: Es gibt ein Forschungsprojekt, da geht es um Coping-Strategien von Bestattungspersonal zur Bewältigung berufsspezifischer psychischer Belastungen. Ich habe mir das aufgeschrieben, damit ich es auch richtig sage. Also Coping-Strategien heißt ja immer, die versuchen mit was umzugehen. Worum geht es in diesem Forschungsprojekt?

00:24:12: Das sind im Grunde zwei Arbeiten, die da entstehen. Eine Doktorarbeit von der Annette Seibel und eine Masterarbeit der Eva Maria Hessemer über diese Coping-Strategien. Und bei der Frau Hessemer noch ein bisschen breiter, da geht es um die Lebensführung von Totenversorgern. Und das ist schon was Interessantes. Ich habe vorhin davon erzählt, dass ich als Moraltheologe manchmal irgendwie Schock auslöse, wenn ich sage, was mein Job ist. Bestattern geht das ähnlich. Aber wenn ich Glück habe, gibt es nach dieser Asterstarrung, sage ich jetzt mal, Nachfragen. Und das, was wir zum Beispiel in diesem Projekt von der Frau Hessemer herausgefunden haben, ist, dass das bei Bestattern auch so ist. Es gibt einfach ein großes Interesse vieler Menschen an diesem Beruf in der Zwischenzeit. Also ich sage jetzt mal so, Tabuisierung war gestern. Wir haben in der Zwischenzeit ein großes Interesse an dem ganzen Feld Sterben, Tod und Trauer. Deswegen haben wir auch einen beständigen Zuspruch zu unserem Studiengang. Aber das merken sie auch am kalten Buffet als Bestatter. Wenn sie sagen, was sie tun, gibt es vielleicht diesen Moment, des Erschreckens und dann viele, viele Fragen. Und das interessiert uns. Zum Beispiel kann das eine Ressource sein, die Bestatter auch in diesem Projekt von der Frau Hessemer nennen, wie sie mit den Belastungen ihres Jobs umgehen. Sie stellen fest: Das interessiert Menschen. Das ist wichtig für Menschen, was ich tue. Und dass da in diesem Job Belastungen sind, ist eh klar. Und in diesem Projekt interessiert uns, wie gehen diese Menschen mit diesen Belastungen um und können ein ganzes Leben, also das Ganze eines Lebens führen, also ohne so wegdrücken des Jobs aus dem, was eigentlich ihr Leben ausmacht. Das war das Projekt und das ist interessant.

00:26:12: Weil ich genauer wissen wollte, warum sich jemand sowas als Masterarbeit oder sogar als Doktorarbeit aussucht, habe ich gedacht, da spreche ich doch auch mal mit denen, die da forschen, direkt. Und ich habe vor dieser Sendung mit Annette Seibel gesprochen. Sie ist diejenige, die die Doktorarbeit zu diesem Thema schreibt. Und sie hat mir auch gerne ein paar Fragen zu sich und zu ihrer Forschung beantwortet. Annette, du promovierst in den perimortalen Wissenschaften. Bist du denn Theologin oder wo kommst du her beruflich? Was machst du?

00:26:46: Nee, ich komme aus einer ganz anderen Richtung. Ich bin nicht Theologin, ich bin Gesundheitspsychologin und habe den Studiengang Perimortalwissenschaften gefunden, weil ich nebenberuflich als Bestatterin arbeite und bin dann so drüber gestolpert und habe mich da einfach dann sofort wieder finden können und mir gedacht, ok, da könnte ich mich melden für meine Doktorarbeit.

00:27:08: Du beschäftigst dich mit Coping-Mechanismen von Bestattungspersonal, mit deren psychischen Problemen. Du hast gesagt, du bist selber Bestatterin. Also hast du dieses Thema selber mitgebracht oder woher kommt das Interesse?

00:27:20: Genau. Das war meine Herzensangelegenheit und hatte da Glück, dass Herr Prof. Scheule da direkt auch sehr interessiert war. Ich hatte so ein Schlüsselerlebnis. Ich bin auch bei der Freiwilligen Feuerwehr und wir waren dort im Einsatz, wo leider eine Person verstorben ist. Und wir hatten danach wirklich gute Angebote im Rahmen der psychosozialen Notfallversorgung. Also für die Feuerwehr gab es danach Gespräche und Seelsorge. Und da ist man einfach dann nicht alleine nach Hause gefahren. Aber dann ist mir aufgefallen, der Bestatter hatte ja eigentlich den schwierigsten Part, sage ich mal. Und da habe ich dann so für mich reflektiert: Ahja, als Bestatter fährt man jetzt einfach nach Hause und sitzt eben dann auf seiner Couch oder im Worst Case fährt man direkt zum nächsten Einsatz. Wie kann das sein? Ja gut, also wir haben in Deutschland über eine Million freiwillige Feuerwehrleute. Aber wir haben nur so ungefähr 24.000 Angestellte im Bestattungswesen. Davon sind schon 8.000 geringfügig beschäftigt. Also somit ist einfach das Interesse für das Bestattungswesen nicht so da. Aber dennoch, der Bestatter ist einfach kritische Infrastruktur. Also Corona hat uns da ja sehr eindrucksvoll gezeigt, auf welche Berufsgruppen wir nicht verzichten können. Und das Bestattungspersonal, das muss krisensicher sein. Und in der Bestattung ist der Fokus bei den Angehörigen in ihrer besonderen Situation. Und das ist richtig und wichtig. Aber das Bestattungspersonal ist dieser besonderen Situation jeden Tag ausgesetzt. Also der größte Sozialkontakt im Arbeitsalltag sind einfach Menschen, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben. Und auch das kann einfach über die Jahre wahnsinnig anstrengend sein. Also es müssen nicht nur diese belastenden Situationen, wie eine verstorbene Person auf der Autobahn, auf den Bahngleisen oder so sein, sondern auch der Alltag des Bestatters oder der Bestatterin bringt ja noch mehr Belastungen mit sich. Eben die Angehörigen in ihrer schwierigen Situation oder auch der Bereitschaftsdienst 24-7, der Termindruck unterm Tag, gerade wenn man nachts schon mehrmals unterwegs war und dieser Wechsel zwischen körperlich anstrengenden Aufgaben, Grabausheben, Verstorbene aus dem dritten Stock runtertragen oder aus dem Keller hochtragen und dann aber gleichzeitig immer auch empathisch sein und eine schöne Trauerveranstaltung zu organisieren. Also es ist so ein wechselndes Arbeitsfeld, wo einfach viele Bereiche mit reinspielen können.

00:29:47: Extrem spannend. Habe ich mir tatsächlich auch noch nie Gedanken gemacht. Psychologinnen und Psychologen haben ja auch eine Supervision ganz fest. Und bei Bestatterinnen gibt es das einfach gar nicht?

00:29:56: Da passiert einfach ganz wenig. Also wenn ist es betrieblich organisiert, aber wenn wir realistisch sind, reden wir einfach von kleinen Handwerksbetrieben. Da ist einfach psychische Belastung nicht so groß geschrieben. Und da ist meiner Meinung nach noch ganz viel Luft nach oben, was man da für die Menschen tun könnte. Also ich habe in meinen Interviews ganz oft diesen Satz gehört: Naja, wenn man das halt nicht kann, dann muss man sich halt einen anderen Beruf suchen. Augen auf bei der Berufswahl. Na ja, gut, aber es kann auch einfach zehn Jahre alles okay sein und irgendwann ist wegen Krankheit jemand anders ausgefallen. Und man hat seit drei Monaten durchgehend Bereitschaftsdienst. Das ist einfach auch eine psychische Belastung, ohne dass das Thema Sterben und Tod dann so groß war. Also da muss man ein bisschen über den Tellerrand hinaus gehen und schon mal schauen, sind denn die Coping-Strategien, die da angewendet werden, sind die denn adäquat oder kann man da einfach noch mal unterstützen?

00:30:52: Und wie gehst du dann vor und was interessiert dich? Also du hast Interviews geführt, möchtest du dann auch selber Lösungen finden oder eher den Status quo aufzeigen? Also woraus besteht deine Arbeit?

00:31:03: Also diese Belastungsbereiche habe ich herausgearbeitet und danach meinen Interviewleitfaden aufgebaut und quasi die verschiedenen Bereiche abgefragt, um herauszufinden: Wie gehen die Leute damit um? Also ich habe die Coping-Strategien herausgearbeitet. Ziel meiner Arbeit damit ist zum Beispiel die Bestatterverbände hier zu Reflexionen anzuregen, sage ich jetzt mal. Also das soll eine Grundlage bieten, primär präventive Interventionsmaßnahmen zu erstellen. Zum Beispiel im Ausbildungskurrikulum könnten meines Erachtens die Themen Stressbewältigung, Coping, also einfach dieser ganze Block Selbstfürsorge einen größeren Anteil einnehmen. Aber da steht einfach diese Haltung, wenn man den Beruf nicht kann, dann muss man sich einfach einen anderen suchen, steht da einfach noch so ein bisschen im Weg. Also ich will gar nicht diese Ausbildung angreifen. Psychische Belastung ist Thema, aber ich finde einfach noch zu wenig. Also auch kleine Betriebe, da fehlt manchmal einfach auch das Angebot. Da ist man eingebunden in das Tagesgeschäft, man ist ja irgendwo auch selbst und ständig. Also wenn da von außen kommen würde, so und so könnte Supervision angeboten werden, dass da einfach ein kleines Bestattungsunternehmen vielleicht damit arbeiten kann. Also dazu möchte ich quasi aufwecken und wachrütteln. Hier ist einfach noch Potenzial für gesundheitsfördernde, gesunde Coping-Strategien, die man ja aber irgendwo auch erst mal kennen muss. Und da können wir kein Angebot machen, was auf alle Bestattungsinstitute passen würde, sondern da muss man anregen: Hier kann was passieren, das ist die Grundlage. Aber auch, wo kann man sich hinwenden? Was kann ein Verband da den Unternehmen an die Hand geben? Also das ist mein Ziel, da mal den Fokus hinzurichten: Doch, selbst für Sorge hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern mit Stärke, weil man dann auch durch Krisen leichter durchkommt und wenn man sein Personal hält und es nicht vielleicht nach drei Jahren verliert, wenn es einem dann Oberkante steht. Unsere Gesellschaft funktioniert einfach dann, wenn unsere 24.000 Bestatter zur Arbeit gehen und wenn die einfach irgendwann alle nicht mehr kommen können, dann haben wir alle gemeinsam ein Problem. Also es ist unser gemeinsames Interesse, uns diesen Fokuswechsel auch mal vorzunehmen, von den Angehörigen zu den Bestattern, um da einfach auch mal Unterstützung anzubieten, damit die gut ihren Job machen können, auf den wir alle angewiesen sind.

00:33:26: Du bist mit deiner Doktorarbeit ja in den perimortalen Wissenschaften. Wie muss man sich denn das als Außenstehender vorstellen? Wenn ihr die ganze Zeit über Sterbeberufe nachdenkt und Menschen, die sich mit dem Tod beschäftigen und so, seid ihr alle immer sehr gesetzt und ist es ein sehr stiller und ruhiger Studiengang? Oder wie ist die Stimmung unter dir und den Kommilitonen?

00:33:49: Nee, gar nicht. Ganz im Gegenteil eigentlich. Tatsächlich ist es eine ganz, ganz wichtige Coping-Strategie, die sich wirklich durch alle Interviews durchgezogen hat auch Humor. Also ich denke ohne Humor kann man mit diesem Thema auch gar nicht umgehen. Also ich finde, je mehr man sich in das Thema Tod und Sterben reinfuchst, desto weniger ungreifbar wird es ja. Also ich denke, dass in unserer Gesellschaft das Thema Tod und Sterben so verdrängt wird, weil es einfach unbekannt ist und alles, was unbekannt ist, ist ja auch erstmal gruselig. Ich meine, Sterben und Tod ist auch gruselig. Aber dann, wenn wir gelassen und locker darüber reden, so wie wir jetzt, es ist einfach spannend.

00:34:32: Annette, vielen, vielen Dank, dass du dich für uns alle mit diesem Thema auseinandersetzt und noch größeren Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, dass ich dir Fragen stellen durfte zu deinem spannenden Thema. Schön, dass du Teil unseres Podcasts bist.

00:34:45: Ich freue mich, dass ich da sein durfte und danke für dein Interesse und natürlich auch unseren Zuhörern. Danke schön.

00:34:56: Herr Scheule, wenn Sie so zuhören bei dem, was Anette von ihrer Arbeit erzählt, wie ist es für Sie? Also ich meine, als Prof, Sie werfen ja oft Themen auf, Sie stoßen sie selber an oder besprechen sie mit Ihren Studierenden, mit Ihren Doktorandinnen, Doktoranden und dann müssen Sie die aus der Hand geben und auf Forschungsergebnisse warten. Macht es Spaß, so eine Arbeit zu betreuen? Ist es bereichernd für Sie oder würden Sie eigentlich gerne am liebsten alles selber forschen und Sie können halt nur nicht alles selber rausfinden, weil die Zeit dafür nicht reicht?

00:35:22: Also ich glaube, die Annette Seibel ist die ideale Frau für dieses Projekt. So interessiert ich da dran bin. Also das ist schon so, dass mich die Projekte, die jetzt entstehen, selber brennend interessieren. Aber ich weiß auch, dass da wunderbare Leute unterwegs sind, um da jetzt Forschung zu machen. Wir haben ja als sozusagen Lehrangebot begonnen in den perimortalen Wissenschaften und sind jetzt nach drei, vier, fünf Jahren so weit, dass wirklich wissenschaftliche Tiefenbohrungen in den Masterarbeiten und einigen Promotionen entstehen können. Das ist wahnsinnig spannend, was da gemacht wird. Es gibt eine andere Doktorarbeit, da hat der junge Kommilitone Autopsie-Protokolle ausgewertet von spät aufgefundenen Verstorbenen. Also das ist unglaublich, also einerseits bestürzend traurig, aber auch wahnsinnig interessant. Also Stichwort prekäres Sterben in Deutschland, einsames Sterben in Deutschland. Wie sind die Lebensumstände eines Sterbens, sage ich jetzt mal, wenn die Leiche erst zwei, drei Wochen später gefunden wird? Und da was daraus zu lernen, da drauf freue ich mich. Und das ist ja das Tolle an Wissenschaft. Wissenschaft ist im Prinzip Gespräch, ist nicht monologisch. Und im Gespräch zu sein mit diesen jungen Leuten, die für ihr Thema brennen, ist ein großes Privileg meines Jobs.

00:36:53: Ein Thema, mit dem Sie sich in letzter Zeit sehr intensiv beschäftigt haben, ist unser nächster Themenblog. Da haben Sie ganz aktuell jetzt diesen Juni ein Buch mit Ihren Ergebnissen veröffentlicht. Es ist druckfrisch sozusagen. Und das heißt: Kirchlich heiraten - was Paare sich erwarten und wie Kirche begleiten kann. Verglichen mit anderen kirchlichen Ritualen ist die Trauung ja immer noch relativ beliebt. Warum kamen Sie denn gerade auf dieses Thema?

00:37:20: Tatsächlich war gar nicht ich der, der auf dieses Thema gekommen ist. Das waren Kirchenleute. Das waren drei Bischöfe, die uns angesprochen haben, den Klaus Stüwe und mich. Also zunächst einmal mich. Und ich habe dann gedacht, da brauche ich noch jemand, der in empirischen Methoden besser ist als ich, also in quantitativen empirischen Methoden. Und habe dann den Kollegen aus Eichstätt dazu geholt. Also diese Bischöfe wollten mal gucken, was läuft eigentlich in Sachen Ehevorbereitung. Ist ja wichtig, wenn dann so zwei Menschen, das Wagnis einer Ehe eingehen. Was können wir vielleicht besser machen? Und dann haben wir schon auch wieder versucht, unsere eigenen wissenschaftlichen Ansätze und Anliegen mit dieser Anfrage, die aus der Kirche zu uns kam, zu verbinden. Also Verstehende Ethik war auch hier am Platz. Wir wollten verstehen, wie Brautleute drauf sind und wollten zum Beispiel dann abchecken, ob das, was ihnen die Kirche anbietet, vor der Trauung überhaupt zu ihnen passt. Und da gab es erwartungsgemäß die eine oder andere Überraschung.

00:38:27: Das ist ein schöner Cliffhanger, bevor wir nämlich eintauchen in das, was Sie da erforscht haben oder was Sie an Ergebnissen gefunden haben, habe ich mir überlegt, wie ist es eigentlich mit kirchlichen Trauungen? Wie ist eigentlich der Stand der Eheschließungen in Deutschland? Ich habe gedacht, ich brauche da irgendwie so ein bisschen Einordnung für mich. Und ich glaube, dass euch das vielleicht auch interessieren oder helfen könnte. Und deshalb habe ich meine Kollegin Margit Scheid gebeten, uns zum Thema Eheschließungen in Deutschland mal einen kurzen Überblick zu verschaffen.

00:38:56: In Deutschland ist etwa die Hälfte der Erwachsenen verheiratet. Aber diese Zahl sinkt kontinuierlich. Im Jahr 1950 haben pro 1.000 Einwohner noch etwa elf Leute geheiratet. Letztes Jahr waren es nicht mal mehr halb so viele. Nur noch gut vier Hochzeiten kamen auf 1.000 Menschen. Oder anders gesagt, knapp 350.000 Neu-Verheiratete letztes Jahr in Deutschland. Wir werden im Durchschnitt auch immer älter, wenn wir heiraten. 2024 waren die Frauen bei ihrer ersten Eheschließung knapp 33, die Männer gut 35 Jahre alt. Seit Oktober 2017 gibt es bei uns im Standesamt die Ehe für alle. Letztes Jahr haben so etwa 9.000 gleichgeschlechtliche Paare den Bund fürs Leben geschlossen oder ihre eingetragene Partnerschaft umschreiben lassen. Knapp jedes 40. Paar, das im Standesamt geheiratet hat, war also gleichgeschlechtlich. Laut einer größeren Online-Umfrage haben zwei Drittel der Brautpaare einen ähnlichen religiösen Hintergrund. Entweder gehören sie der gleichen Glaubensgemeinschaft an oder Religion spielt eine ähnlich große oder kleine Rolle in ihrem Leben. Freie Trauungen werden immer beliebter, während die Zahl der kirchlichen Trauungen deutlich zurückgeht. Für eine katholische Hochzeit zusätzlich zum Standesamt hat sich im Jahr 2023 jedes 13. Paar entschieden. Das sind nur noch halb so viele wie noch vor 20 Jahren.

00:40:30: Herr Scheule, auch Sie wollen in Ihrer Forschung mit konkreten Zahlen und Fakten arbeiten und passend zu Ihrem Fach haben Sie sich mit denjenigen Paaren näher beschäftigt, die kirchlich, genauer gesagt katholisch, heiraten. Sie haben Interviews mit Brautleuten geführt. Wen haben Sie denn da genau befragt?

00:40:47: Ja, wir haben einerseits Interviews geführt und die haben wir dann qualitativ, also ziemlich aufwendig ausgewertet. Andererseits haben wir aber auch eine quantitative Befragung gemacht, die es so in diesem Umfang, in dem Themenbereich bisher auch noch nicht gegeben hat. Also 1500 Leute haben wir befragt. Das waren die, die in Pfarrämter gekommen sind und gesagt haben: Hey, ich will heiraten. Und dann ein zweiter, sozusagen Messzeitpunkt, waren dann Kurse, Seminare, Ehevorbereitungsseminare. Da haben wir nochmal gefragt und dann nochmal nach sechs Wochen, nach diesen Kursen. Also das war der quantitative Bereich.

00:41:25: Also die gleichen Paare.

00:41:26: Die gleichen Paare. Und das haben wir ergänzt eben durch Interviews, qualitative Interviews, die wir in Deutschland mit Brautpaaren geführt haben. Und dann wollten wir aber auch nochmal den Blick weiten und haben mit Menschen Gespräche geführt, die in Argentinien, in den Vereinigten Staaten, in Australien oder in Sierra Leone Ehevorbereitung machen. Und auch das haben wir mit eingebracht in dieses Buch, Kirchlich heiraten. Und ich glaube nicht, dass es so was bisher gegeben hat. Und das ist schon auch ziemlich interessant aus meiner Sicht. Es ist immer, ja, wenn man ein Buch eben gerade fertig gemacht hat, ist es schon so, dass man das dann in aller Regel für interessant hält. Aber hier finde ich es tatsächlich auch.

00:42:15: Ich fand es auch interessant, sonst hätte ich sie nicht eingeladen. Also Sie wollten wissen, wie Brautleute ticken. Eine Frage ist ja da bestimmt, warum heiraten Leute überhaupt noch kirchlich? Was haben Sie da rausgefunden? Was gab es da für Gründe?

00:42:30: Interessant ist ja, das haben wir sowohl in dieser Umfrage, also der quantitativen Befragung, als auch in den Interviews rausgekriegt, dass nahezu alle Paare, die heute kirchlich heiraten, vorher schon zusammenleben. Ein Drittel von ihnen hat auch Kinder schon. Also die leben ein nach bürgerlichen Maßstäben ziemlich verheiratetes Leben, bevor sie überhaupt an den Punkt kommen, kirchlich zu heiraten. Aber das war bisher einfach etwas, was sich so ergeben hat. Man hängt das ja nicht an die große Glocke, wenn man jetzt mit seiner Partnerin zusammenzieht oder so. Das macht man einfach. Obwohl das natürlich schon ein Schritt ist. Aber viele haben irgendwie das Gefühl, ups, hier fehlt schon nochmal eine Öffentlichkeit für die Art, in der wir leben. Und da, glaube ich, hat die kirchliche Trauung die Funktion, so etwas wie eine nachholende Öffentlichkeit herzustellen. Seht her, wir sind schon eine Zeit lang gemeinsam unterwegs und jetzt machen wir es vor den Menschen, die uns wichtig sind und vor einer Instanz, die auf eine geheimnisvolle Weise auch irgendwie mit uns ist, nämlich Gott, machen wir das kenntlich und öffentlich. Also das ist ein Punkt, der viele Menschen heute zur kirchlichen Trauung bringt.

00:43:53: Entschuldigung, wenn ich da einhacke, aber außer dem letzten Punkt, den Sie jetzt gesagt haben, die höhere Instanz, vor der man sich dann das Ja-Wort gibt, funktioniert dieser Aspekt ja eigentlich auch mit einer standesamtlichen Trauung.

00:44:04: Im Prinzip ja, weil eine standesamtliche Trauung auch eine gewisse Öffentlichkeit hat und standesamtliche Trauungen auch auf Dauer angelegt sind. Aber uns ist aufgefallen in den Interviews, dass das bei den Brautleuten ganz anders ankommt. Also die sind der Meinung, aus dem was am Standesamt läuft, da komme ich mit einem Anwalt eh immer wieder raus. Ein bisschen Geld, ein Anwalt und das ist vorbei. Und bei einer kirchlichen Trauung, zumindest bei einer katholischen Trauung ist es ja so, dass da die Ansage besteht: Hey, das ist jetzt für immer. Und das macht noch mal einen Unterschied. Also das macht einen Unterschied in der Performance. Also ich habe ja als Theologe gedacht, die Unauflöslichkeit der Ehe ist auch ein bisschen ein theologisches Problem angesichts der Krisenanfälligkeit auch dieses Zusammenlebens von Eheleuten. Aber durch diese Studie, die wir durchgeführt haben, ist uns aufgefallen, dass das geradezu nachgefragt wird von denen, die kirchlich heiraten. Die nehmen das nicht nur sozusagen mit als Kröte, die man halt irgendwie schlucken muss, wenn man kirchlich heiratet. Nein, die suchen das. Die suchen sozusagen das stärkere Commitment zum Partner durch diese Unauflöslichkeit, ein stärkeres Commitment, als das im Standardsamt gegeben ist.

00:45:25: Aber ist es nicht bei vielen auch so, dass man halt kirchlich heiratet, weil man dann tolle Instagram-Bilder kriegt und weil das halt einfach so klassisch dazu gehört, eben in Weiß zu heiraten und am besten noch mit einem tollen Gospelchor oder so?

00:45:37: Ja, ja. Also ist so. Und da muss ich auch sagen, dass die freien Trauungen das voll bedienen und da auch in den letzten Jahren besser geworden sind. Aber eine kirchliche Trauung wird auch damit in Verbindung gebracht. Und Kirchenleute nervt das unglaublich. Also der Verdacht, oh hier geht es nur um das Event. Ich kann das als Geistlicher, der auch Trauungen hält, durchaus verstehen. Wenn sie dann in einem Brautleute-Gespräch das Gefühl haben, hey, sie sind jetzt einfach nur mal ein Programmpunkt in einem Riesenevent und müssen da jetzt noch mitspielen und wehe, sie sagen, dass Andreas Gabalier als Agnus Dei Lied nicht ganz so geeignet ist, dann fließen buchstäblich Tränen. Ich verstehe da, dass viele Geistliche genervt sind. Weil irgendwie die spirituelle Dimension scheinbar nicht irgendwie rüberkommt. Aber ich würde den Mitbrüdern dann tatsächlich einmal zu unserem Buch raten, da kommt nämlich was anderes raus. Das ist alles wichtig. Also dieser Hochzeitstag ist wichtig als wirklich Ankerpunkt für ein gemeinsames Leben. Das ist kein leeres Event, das man einfach so bestellt und durchläuft. Da ist alles wichtig. Es ist wichtig, sozusagen die Transzendenzerfahrung das Brautkleid zu tragen, was sie angesprochen haben, das weiße Kleid. Also ich bin die, die in dieser Beziehung jetzt lebt und jetzt bringe ich sozusagen diese Beziehung mit als der und diejenige, die ich bin, in dieses Brautkleid und in Festlichkeit. Und dann ziehen wir festlich in die Kirche ein. Das ist nicht banal. Es ist hochgradig wichtig, dass alle Menschen da sind, die in ihrem Leben bisher wichtig waren, ist wahnsinnig entscheidend. Es ist theologisch eine ganz, ganz schwierige Sache, dieses Brautführer-Ding. Ich weiß nicht, ob Sie das aus Hollywood filmen kennen. Der Vater führt die Braut ein. Das ist theologisch komplett gaga. Hat die Kirche sich immer dagegen verwahrt. Ich bin da jetzt vorsichtiger geworden, weil das für Bräute oft so ein entscheidender Moment ist. Es wird über das ganze bisherige Leben festlich nachgedacht an diesem Hochzeitstag. Also es ist wichtig, dass da so etwas wie eine Versöhnung mit der bisherigen Lebensgeschichte auch Gestalt annehmen kann. Und das wird in diesem Brautführer-Ritus mit berücksichtigt. Ich halte das immer noch für theologisch und jetzt auch gendertheologisch schwierig. Aber ich nehme auch wahr, dass das Betroffene in Anführungszeichen ganz anders konnotieren.

00:48:19: Also der Hochzeitstag als wichtiger Startpunkt für die gemeinsame Zukunft, meinen Sie?

00:48:24: Ja, und zwar also Startpunkt einerseits, aber auch Kumulationspunkt. Also es gibt ja diese Beziehungsgeschichte vorher. Also da muss auch viel aus der bisherigen Beziehungsgeschichte vorkommen, festlich erinnert und begangen werden. Und dieser Tag wird so begangen, dass er Erinnerungsmöglichkeiten bietet für die Zukunft. Also das haben wir mehr als einmal gehört. Ja, wenn es uns dann mal so ein bisschen krisenmäßig schlecht geht, wollen wir uns doch an einen Tag erinnern, wo alles wunderbar war, wo wir uns vor den Menschen, die wir lieben, versprochen und zugesagt haben. Das, so ist die Erwartung, wird uns dann Kraft geben. Also ein Tag von hoher biografischer Bedeutung. Und bitte schön nicht vorschnell schlecht reden als leeres Event. Ich würde mir eher von meiner Kirche wünschen, dass sie Festangebote macht. Also ich kenne das als Geistlicher. Paare, die jetzt nicht so wahnsinnig viel Geld haben, die scheuen sich vor einer Hochzeit, weil das mit so viel Aufwand verbunden ist und sagen dann beim ersten oder zweiten Kind, ja, wir taufen die zwei Kinder jetzt und dann machen wir eine kleine Trauung dazu. Was man machen kann, ja. Aber toller wäre es schon, die Kirche würde anbieten, hey, geht doch mit eurem Fest, dem Fest eurer Beziehung, ja. Geht doch da ins Pfarrheim. Wir stellen es euch zur Verfügung. Ich würde mir da weniger sozusagen das madig machen des Hochzeitsfestes wünschen, als eine Begleitung und eine Wahrnehmung, dass das eine spirituelle Komponente hat.

00:49:59: Gerade wenn man das Gefühl hat, die Leute kommen eben nur für den Hochzeitstag in die Kirche, dann wäre es ja schön, die einfach in die Gemeinde mehr einzubinden.

00:50:06: Unbedingt, ja. Aber was bedeutet nur für den Hochzeitstag? Das ist was ganz Entscheidendes. Das ist für Leute, die immer in der Kirche unterwegs sind, schwierig. Aber wenn die an so einem wichtigen Ankerpunkt ihres Lebens nicht irgendwo hingehen, sondern in die Kirche, dann kann man das auch feiern. Und dann sehen sie die vielleicht jahrelang nicht. Aber wenn ein Kind da ist, sehen sie die wieder. Oder wenn es zur Erstkommunion geht. Und auch das ist uns aufgefallen, es gibt eigentlich, wenn es um kirchliche Trauungen geht, kein nicht-seelsorgerisches Personal in der Kirche. Ob das die Pfarrsekretärin ist, ob das der Küster ist, ob das der Organist ist, alle sind wichtig. Und wenn einer den Brautleuten blöd kommt, wird das über Jahre eine prägende Erfahrung sein. Deswegen rate ich uns Kirchenleuten, nehmt diese Herausforderung von kirchlichen Hochzeiten an und nehmt sie ernst und gebt da, so gut es geht, alles.

00:51:09: Sehr schön. Sie haben vorher die Ehevorbereitungskurse angesprochen, also von denen ging ja die Befragung sozusagen ursprünglich auch mal aus. Sie haben herausfinden wollen, ob das das ist, was Sinn macht für die Brautpaare oder wie?

00:51:23: Ja, also wird da angeboten, was für die Brautpaare Sinn macht? Und da gibt es für die vielen hochengagierten Leute, die jetzt das zum Beispiel in der Diözese Regensburg oder der Diözese Passau oder die Diözese Eichstätt, da haben wir diese Befragung durchgeführt, die diese Kurse anbieten, gibt es eine sehr gute Nachricht. Also die Leute sind da sehr zufrieden. Und das muss man einfach auch mal feiern und würdigen. Vor der Hochzeit, das ist ein wahnsinnig verdichtetes Leben da. Da gibt es wahnsinnig viel zu tun. Und da nehmen die sich einen Samstag Zeit und finden das am Ende dieses Samstags wunderbar und gut, dass sie sich Zeit genommen haben. Also da wird sehr viel in Deutschland richtig gemacht.

00:52:07: Also das kam raus, dass die den Kurs als bereichernd empfunden haben?

00:52:10: Ja, ja. Was wir im internationalen Vergleich gesehen haben, ist, dass es woanders ein bisschen anders läuft. Also Kirchenleute haben oft den Verdacht, oh, das läuft in Deutschland nicht gut. Da wird irgendwie nur ein Tag angeboten und es müsste doch viel länger sein. Bei unserer internationalen Befragung ist rausgekommen, dass das in Deutschland schon ziemlich gut läuft und in anderen Weltgegenden, also jetzt auch so didaktisch und so weit weniger aufgebrezelt ist, als das bei uns läuft. Also das war ein gutes Ergebnis, dass wir da eigentlich ja auch unseren kirchlichen Partnern zuspielen konnten.

00:52:51: Und dass es also für die Eheleute auch Sinn macht, auch wenn sie zuerst sagen, jetzt müssen wir uns da auch noch Zeit dafür nehmen, sondern dass sie sagen, okay, das ist eigentlich ganz cool, dass es dieses Angebot gibt. Weil ich meine, bevor man ein Kind kriegt, hat man ja auch nicht unbedingt einen "du musst jetzt erst mal die Erlaubnis dafür bekommen" Gesprächstag.

00:53:06: Das stimmt, ja. Aber darum geht es eigentlich in diesen Ehevorbereitungskursen nicht eigentlich. Sie müssen die nicht machen. Sie können einfach so heiraten, Ende der Durchsage. Aber in diesen Vorbereitungskursen geht es um Kommunikation. Es geht auch ein bisschen um Theologie. Das ist aber eher das, was nach sechs Wochen wieder vergessen wurde. Aber diese Kommunikation in der Ehe, das ist etwas, was da stark gemacht wird. Die gute Zeit, den guten Samstag, den ein Paar so verlebt hat, das wird erinnert. Und auch das will ich sagen, wenn das die Kirche gut macht und Menschen zugewandt macht, dann wird auch erinnert, dass das zwar eine kirchliche Veranstaltung war, aber eine, die richtig gut getan hat. Selbst wenn man sich an einzelne Inhalte nicht mehr erinnert, wird das als guter Samstag in Erinnerung bleiben. Und auch da würde ich doch auch den Verantwortlichen zurufen, hey, nehmt das als gutes Ergebnis mit, dass ihr da für euch als Kirchen so was wie ein Schaufenster bereitstellt. Hey, so abgefahren, so abseitig sind wir gar nicht. Wir können für Leute in der Rush Hour des Lebens gute Tage organisieren, an die sie sich sehr lange erinnern.

00:54:20: Sehr schön. Sie haben vorher gesagt, es gab einige Dinge, die Sie überrascht haben. Gab es sonst noch Überraschungen für Sie, außer das, was Sie jetzt schon erzählt haben?

00:54:27: Also es gab ein paar interessante Sachen. Bei der Ehevorbereitung in den USA ist mir aufgefallen, dass die viel konservativer ist als bei uns. Da wird dann über natürliche Verhütungsmethoden und so weiter gesprochen. Also etwas, was bei uns jetzt eher nicht mehr ein ganz großes Thema ist, um mal das wenigste zu sagen. Aber dass sozusagen die amerikanischen Anbieter dieser Kurse sagen, ja, okay, wir bejahen das durchaus, dass wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben, dass es Homo-Ehen gibt und so, das ist alles gut, aber draußen, ja. Also nicht bei uns. Also die nehmen sozusagen die Pluralität der Gesellschaft in Anspruch, um selber gerade nicht pluralistisch sein zu können. Das ist eine Möglichkeit für Kirchen, auf Pluralismus zu reagieren. Eine andere Möglichkeit, ich sage jetzt mal, das ist eher so eine europäische und deutsche, ist, diesem Pluralismus durch eine interne Struktur und durch einen internen Pluralismus gerecht zu werden. Und dass wir hier am Beispiel dieser Ehevorbereitungskurse gesehen haben, wie sich Kirche grundsätzlich zur Moderne verhält, das fand ich ein Stück weit überraschend. Die ist vielleicht sehr akademisch, aber doch überraschend und interessant.

00:55:40: Das glaube ich. Sie haben vorher gesagt, dass es so eine Forschung, auch zu diesem Thema bis jetzt ihres Wissens nach nicht gab. Es ist glaube ich auch relativ ungewöhnlich, obwohl es so naheliegend ist, dass einfach die Leute selbst befragt werden. Also ob ihnen das passt oder nicht. Gibt es sowas in der Kirche öfters? Müsste es das öfters geben, dass die Kundschaft, sage ich jetzt mal in Anführungszeichen, befragt wird zu dem, was die Kirche liefert?

00:56:07: Also das ist eine gute und interessante Frage. Der verstorbene Papst Franziskus hat da so was wie einen Dreh auf das Kirchen-Denken gebracht. Da gab es vor ein paar Jahren eine sogenannte Familiensynode. Also da sollten Experten und Bischöfe in Rom zusammenkommen, um über das Thema Familie nachzudenken. Und das ist als solches nicht wahnsinnig aufregend. Das gab es vorher auch. Aber dieser Papst Franziskus hat, ohne ich glaube genau zu wissen, wie das jetzt werden soll, gesagt, so und jetzt wollen wir erstmal die Leute fragen, was eigentlich wichtig für sie ist. Und dann gab es weltweit einen riesen Befragungs-Bohei, der ist unterschiedlich ernst genommen worden in den verschiedenen Ländern und Kirchen. Aber insgesamt kamen da jede Menge Daten zustande. Und die Kirche hat das so gelernt, seit Franziskus ein bisschen besser hinzuhören. Wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tun das schon länger. Aber haben jetzt in der Kirche vielleicht ein offeneres Ohr, als das bisher war. Da gab es ja eher den Verdacht, wir sind ja kein Selbstbedienungsladen. Und es geht ja nicht nur um die Bedürfnisse der Menschen, sondern wir haben ja eine Botschaft, die wir rüberbringen wollen. Aber es ist eigentlich schlechte Theologie, wenn man so denkt, dass man hier etwas hat und das rüberbringen will. Also wir müssen die Menschen sehen, die mit ihren Sorgen und Nöten und Hoffnungen und Ängsten, wie es im zweiten Vatikanum heißt, real existierend da sind. Und wenn wir kirchliche Angebote und kirchliche Verkündigung an deren Bedürfnissen, Sorgen, Ängsten und Hoffnungen vorbeimachen, dann läuft es nicht gut. Und deswegen bin ich ganz froh, dass das, was wir in der theologischen Wissenschaft schon seit einiger Zeit machen, im angloamerikanischen Raum schon ein bisschen länger als in Deutschland, jetzt auch ein bisschen mehr kirchliches Gehör findet. Ich bin sehr neugierig auf die Rezeption unseres Buches in kirchlichen Kreisen. Ich habe noch nichts gehört, es ist, wie sie sagen, noch zu frisch. Mal gucken, ob wir da in den nächsten Wochen ein bisschen was mitkriegen.

00:58:18: Bin ich auch gespannt darauf, was Sie für Feedback bekommen. Ich habe mich noch gefragt, ich weiß, dass man natürlich als Wissenschaftlerin, als Wissenschaftler irgendwo immer eine Grenze ziehen muss, wen befrage ich, wen schaue ich mir genauer an. Aber wäre es nicht auch interessant gewesen, gerade diejenigen zu befragen, die sich eben nicht katholisch-kirchlich trauen lassen, die sich dagegen entschieden haben?

00:58:38: Wunderbares Folgeprojekt. Das sehe ich auch so. Das ist eine interessante Frage. Wir haben in unserem Buch einen Beitrag über freie Trauungen, aber haben, auch weil das schlicht schwierig war, an die Leute heranzukommen, haben dazu keine Befragungen machen können. Wir haben ein einziges oder zwei Interviews von Leuten gemacht, die sich für eine freie Trauung entschieden haben. Und das war interessant. Da haben wir herausgefunden, dass die sehr viel eigentlich in dieser freien Trauung gesucht haben, was man eigentlich auch in der kirchlichen Trauung finden könnte. Aber das wäre sicher interessant. Aber im Gespräch mit freien Traurednern ist uns aufgefallen, dass zwei Dinge besonders interessant sind an freien Trauungen. Es ist buchstäblich die Location, dass das im Freien sein kann. Das wird sehr oft und sehr gern nachgefragt. Und es ist bisher im Kirchenrecht, im katholischen Kirchenrecht eigentlich nicht vorgesehen. Da würde ich, wär ich kirchlicher Gesetzgeber, jede Menge Zugeständnisse machen. Es ist doch wurscht, wo man sich das Ja-Wort gibt. Das sage ich jetzt ein bisschen unscharf, aber Pi mal Daumen meine ich das so. Und das andere ist, dass also ein Paar gern mit seiner ganzen Geschichte nochmal in einem etwas höheren und feierlichen Kontext reflektiert werden will. Und das machen gute, freie Traurednerinnen und Redner gut. Also sie nehmen diese Paargeschichte und reflektieren die auf einem höheren Niveau. Und das ist etwas, was Kirchen nicht immer gemacht haben. Also ich habe selber an kirchlichen Trauungen teilgenommen. Da hat der Geistliche irgendetwas erzählt, über was vielleicht schön war. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern über Jesus und über Sakramente eh, aber nicht über die Leute gesprochen. Und das war ein großer Fehler. Also man muss schon zum Thema machen, wer da heiratet. Was ich für einen Vorteil jetzt kirchlicher Trauungen halte, ist, dass man dann noch mal den Horizont weiten kann und sagen, okay, es geht vielleicht noch mal um mehr. Man kann noch nach vorn gucken und kann sehen, dass dieses Projekt so anspruchsvoll ist, dass es eigentlich gut ist, das in einem größeren Horizont dessen anzugucken, der noch mal wohlwollend auf einen blickt. Also um es jetzt ein bisschen zu umschreiben, was eine kirchliche Trauung sein könnte. Aber ich glaube, mit diesen Fragen würde ich in so Interviews mit denen gehen, die sich gegen eine kirchliche Trauung entschieden haben.

01:01:09: Also schon direkt das nächste Projekt, die Zielgruppenorientierung der kirchlichen Trauung. Bei den perimortalen Wissenschaften geht es ums Lebensende, bei der Ehe um die Bestätigung dessen, was da ist, oder auch um einen Ausgangspunkt für alles weitere. Beides sind irgendwie Übergänge. Und um Übergänge geht es auch in ihrem ganz aktuellen Forschungsthema, dem sie sich jetzt zuwenden, wo sie gerade das eine Buch draußen haben. Ihr Arbeitstitel ist: Wie lebt es sich, wenn es vorbei ist? Was meinen Sie denn damit?

01:01:41: Ja, also im Grunde das, was diese Frage sagt, wie leben wir, nachdem wir einen bedeutenden Abschied hinter uns haben?

01:01:52: Also geht es wieder um Trauer?

01:01:53: Nicht eigentlich. Also was macht ein, ja vielleicht doch, ja doch, sie haben recht. Also weil Trauer immer etwas mit Verlust und Verlusterfahrung zu tun hat. Insofern geht es vielleicht auch hier wieder um Trauer. Aber es ist jedenfalls nicht etwas, was automatisch mit Sterben, Tod und Trauer zu tun hat. Wenn ich ein Interview führ mit einem Fußballprofi im Alter von 32 Jahren und ihn frage, okay, was hast du jetzt noch vor? Kommt das Eigentliche jetzt oder wird das Eigentliche immer das gewesen sein, was du zwischen 19 und 32 erlebt hast? Dann ist es nicht zwangsläufig also so ein trauerbehaftetes Thema. Aber es geht, und das ist schon das, was uns in den perimortalen Wissenschaften auch interessiert, um Abschiede. Und vielleicht auch darum zu lernen, wie man Abschiede gestalten kann. Da ist die Rückschau und zu sagen, hey, ja, ich hab da tolle Wahnsinnsjahre als Profifußballer gehabt. Das wird immer meine Zeit gewesen sein. Und da werde ich immer davon zehren. Oder dass sie sagen, hey, toll, dass ich jetzt einen Cut machen kann und jetzt komplett neu anfangen kann. Und da ist es natürlich ein Unterschied, ob sie einen 32-jährigen befragen oder wir befragen auch einen katholischen Bischof. Das ist besonders interessant, weil diese Geistlichen ja mit 75 erst in den Ruhestand gehen. Und unser Gesprächspartner hat mir da gesagt, wissen Sie, das ist zu spät, um noch etwas vollkommen Neues anzufangen. Und es ist zu früh, um gar nichts mehr zu tun. Und das ist natürlich schon eine Herausforderung. Also es wird auch darum gehen, in diesem Projekt zu überlegen, wann ist eigentlich die Zeit für Abschiede gekommen, um eben nochmal was Neues machen zu müssen. Aber es interessiert mich bei diesen Leuten auch, ob es das wirklich braucht, ob das nicht auch in Ordnung ist, dankbar zurückzuschauen und einfach in der Rückschau zu leben. Also um solche Fragen geht es da.

01:04:00: Klingt ein bisschen so nach Self-Help-Books, so jedem Anfang wohnt ein Zauber inne oder irgendwie so. Also was ist das Wissenschaftliche daran? Also Ihre Fragestellung eigentlich?

01:04:10: Vollkommen richtig. Also das wäre gut auch sozusagen als Spin-off popularisierbar, als Ratgeberbuch. Was vielleicht schon rauskommen sollte, wäre so was wie eine Ethik des Abschiednehmens. Auch das wiederum als Teil der verstehenden Ethik, nicht einfach nur aus Bücherwissen Vorschläge zu machen, sondern zu gucken, was bewährt sich denn? Wie kann ich denn mit diesem Abschied umgehen? Was sind da gute Strategien? Und das zu reflektieren und aufzubereiten und vielleicht, das wäre dann auch noch mal ein wissenschaftlicher Anspruch, mit so etwas wie jetzt einer Abschiedlichkeitsphilosophie, wie wir es zum Beispiel bei Wilhelm Weischedel finden, in Beziehung zu setzen. Also das wäre das Projekt. Finde so etwas wie eine praxiserprobte Ethik des Abschiednehmens und stell diese Frage, wie lebt es sich, wenn es vorbei ist, interessanten Menschen.

01:05:11: Und wie sind Sie darauf gekommen, das jetzt zu Ihrem Thema zu machen?

01:05:15: Ganz genau weiß ich das gar nicht. Aber ich glaube, es hängt mit ein paar zwischenmenschlichen Erfahrungen zusammen, wie Leute in Pension gehen, wie Leute auch nach großen Beziehungen sich neu sortieren. Da merke ich doch ganz große Unterschiede. Also es gibt Menschen, die diese Beziehung sehr stark dann verklären, wobei verklären klingt schon ein bisschen so wertend. Also die ganz stark in dieser Beziehung innerlich bleiben. Und es gibt Menschen, die aufmachen und sagen, so jetzt bin ich reif für was Neues. Also solche Erfahrungen, die auch eher außerhalb der Wissenschaft, aber auch im Bereich der Wissenschaft stattgefunden haben, die haben mich zu dieser Frage gebracht. Ich meine, das ist ja schon auch interessant, die Frage, ob Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler pensionierbar sind. Können sie aufhören, solche Fragen zu stellen? Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die das tatsächlich machen und auch das hat mich interessiert. Also sie sagen, ich bin mit meiner Wissenschaft fertig. Ich habe keinen Bock mehr. Ich muss auch nicht nochmal mehr jetzt publizieren. Wer es jetzt nicht kapiert hat, wie das bei mir läuft, die Art Wissenschaft, die ich betreibe, der wird es auch bei weiteren Büchern nicht mehr kapieren. Also ich muss nichts mehr schreiben. Ich kann jetzt was Neues, was anderes machen. Also ganz ehrlich, ich kann mir das für mich jetzt nicht so vorstellen. Ich habe viele Projekte, die über mein Pensionsalter von 67 Jahren hinausgehen, wenn ich denn gesund bleibe und kräftig genug. Aber ich finde das interessant, dass wir sogar so ein radikales Abschied nehmen in dieser Wissenschaftsszene haben, wo es ja früher mal den Umstand war, dass man gar nicht gehen konnte oder musste. Man wurde emeritiert, also bei vollen Bezügen einfach entpflichtet. So war die Sprachregelung. Aber dass es sozusagen eine Kultur des Cuts auch bei uns in der Zwischenzeit gibt, ist etwas Interessantes.

01:07:20: Also das heißt, sie führen jetzt gerade Interviews durch, suchen sich noch Personen aus, die sie spannend finden oder verschiedene Übergangsarten, Abschiede. Und wie haben sie das denn jetzt angelegt? Wie lange dauert sowas? Was haben sie vor?

01:07:33: Also ich werde jetzt das nächste halbe Jahr diese Interviews führen und schau, dass ich da möglichst diverses Publikum versammeln kann, mit dem ich rede. Also Männer, Frauen, alt, jung, verschiedene Berufsgruppen, verschiedene Abschiedskonstellationen. Aber das Entscheidende ist dann schon, da Vergleiche zu ziehen. Also wir gehen da meistens in der Verstehenden Ethik mit dem Tool der qualitativen Inhaltsanalyse vor. Das ist ein sozialwissenschaftliches Tool und können da auch ein bisschen Software verwenden, um sozusagen Kategorien zu bilden und Vergleiche zu machen. Das ist das, was dann sich anschließt. Und ich hoffe, also der Verlag hat eben schon mal nachgefragt, buchstäblich heute, ob er denn das Buch ankündigen darf. Das macht mich gleich ein bisschen nervös, ja. Aber im Laufe des nächsten Jahres soll dann dieses Projekt schon so sein, dass ich dem Verlag sagen kann, ja, jetzt können wir das Buch tatsächlich auf den Markt bringen.

01:08:29: Also viel Spaß dabei und bestimmt auch wieder spannende Ergebnisse.

01:08:33: Danke.

01:08:34: Sie haben jetzt schon mehrmals gesagt, Sie wollen die Menschen verstehen, aber in dem, dass Sie eben publizieren, dass Sie veröffentlichen, was Sie verstanden haben, erklären Sie ja auch wieder anderen Leuten, was Sie verstanden haben oder meinen verstanden zu haben. Ist das was, was Sie antreibt? Also auch dieses Wissen dann zu teilen, anderen Leuten vielleicht zu helfen, andere wiederum zu verstehen. Ist das ein Motivator für Sie?

01:08:59: Unbedingt. Also das ist sehr schön, dass Ihnen das aufgefallen ist. Das ist in der Hermeneutik ja immer so. Sie kommen von einem bestimmten Vorwissen her und haben dann Fragen. Und ich würde jetzt sagen, wenn Sie keine Fragen haben, dann müssen Sie auch nicht irgendwie Interview führen und müssen im Grunde auch nicht Hermeneutik machen. Also Sie kommen mit Fragen an, die nicht einfach so aus dem luftleeren Raum kommen. Also da lege ich schon Wert darauf, dass man vorher ein paar Bücher und Studien gelesen haben muss. Und dann geht man mit seinen Fragen an Leute ran, die einen interessieren. Also Pensionäre, Ex-Fußballprofis und so weiter. Und dann hätte ich aber schon gern, dass ein paar Antworten auf den Tisch kommen, die es vorher so nicht gab. Und das ist dann tatsächlich das, also ich möchte das Wissen das mich zu den Fragen gebracht hat und mich hat Interviews führen lassen und mich hat interpretieren lassen, möchte ich erweitern und einspeisen in diesen wunderbaren, großen Kosmos des wissenschaftlichen Austausches und auch des transdisziplinären Austausches. Das ist irgendwie das Coole an der Ethik, dass sie eben auch jenseits der Wissenschaft versucht und versuchen darf relevant zu sein. Also ja, ich hätte gern, dass das irgendwie sinnvoll ist, was ich an Projekten mache.

01:10:25: Dann wünsche ich Ihnen für die Zukunft ganz, ganz viele spannende Antworten, die Sie mit möglichst vielen Leuten teilen können. Herr Scheule, ganz, ganz herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben und hier bei mir im Studio waren. Ich hoffe, es hat Ihnen Spaß gemacht.

01:10:38: Vielen herzlichen Dank für Ihre Zeit und die tollen Fragen. Es war eine Freude, hier zu sein.

01:10:43: Dankeschön. Was nehmt ihr mit, liebe Hörerinnen und Hörer? Habt ihr Fragen an mich oder an Herrn Scheule? Kommentiert diese Folge doch gern oder schreibt uns eine Mail an kontakt@ur.de. Dort sind wir natürlich auch immer offen für eure Themenwünsche oder eure Vorschläge, wenn wir was besser machen können. Wenn ihr den Gasthörer mögt, empfehlt uns natürlich sehr gern weiter. Wir freuen uns über jede neue Hörerin und jeden neuen Hörer. In der nächsten Folge geht es um Zahnmedizin. Ganz ohne, dass es weh tut, ich verspreche es. Ich bin Katharina Herkommer und ich sage danke, dass ihr dabei wart. Tschüss und bis zum nächsten Mal, liebe Gasthörerinnen und Gasthörer.

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