Fremdsprachenunterricht für eine bessere Welt? BILDUNG FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG mit Prof.in Dr. Carola Surkamp

Shownotes

Alle reden von Nachhaltigkeit – und meinen damit meistens, dass etwas umweltfreundlich sein soll. Dabei umfasst der Begriff der Nachhaltigkeit so viel mehr: zum Beispiel langfristiges Denken, soziale Gerechtigkeit und globale Verantwortung. Damit die nächsten Generationen in einer gesünderen, besseren und gerechteren Welt leben können, benötigen sie aber Kompetenzen, an denen es in unserem Zusammenleben im Moment oft mangelt – zum Beispiel Empathie und Konfliktfähigkeit, die Fähigkeit anderen zuzuhören oder die Fertigkeit, den eigenen Standpunkt friedlich aber überzeugend zu formulieren. Und wo ist der logischste Ort, um den Grundstein für all diese Kompetenzen zu legen? Natürlich in der Schule. Damit die nächsten Generationen ihre Zukunft aktiv und eigenverantwortlich gestalten können, gibt es „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) – eine weltweite Bildungskampagne der Vereinten Nationen, zu deren Umsetzung sich 70 Länder gemeinsam verpflichtet haben. Worum geht es dabei genau? Was sollen die Schülerinnen und Schüler lernen und warum? Und welche Rolle spielt da der Fremdsprachenunterricht? Diese Fragen klären wir in dieser Folge des „Gasthörer“ zusammen mit der Professorin für Fremdsprachendidaktik Dr. Carola Surkamp.

Mehr zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung auf den Seiten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

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00:00:03: Stell dir vor, du sitzt in der Mensa oder in einem Kaffee in der Stadt und hörst nebenbei ein Gespräch am Nachbartisch mit. Zwei Leute diskutieren über Nachhaltigkeit. Es geht um Plastikmüll, Klimaziele, Fleischkonsum und Englischunterricht. Moment, Englischunterricht? Was hat der mit Nachhaltigkeit zu tun? Genau darüber sprechen wir heute. Denn wenn wir von Nachhaltigkeit reden, dann meinen wir oft Umwelt- und Klimaschutz. Aber Nachhaltigkeit ist so viel mehr. Es geht um langfristiges Denken, soziale Gerechtigkeit, globale Verantwortung. Und genau da kommt Bildung ins Spiel. Konkret Bildung für nachhaltige Entwicklung, kurz BNE. Aber warum gerade im Englischunterricht? Wie kann man nachhaltige Entwicklung mit Shakespeare, Vokabeltests oder Grammatik verbinden? Und was bringt das den Schülerinnen und Schülern? All das klären wir in dieser Folge des Gasthörer, dem Wissenschaftspodcast der Uni Regensburg. Ich bin Katharina Herkommer und natürlich habe ich auch heute wieder den perfekten Gast für unser Thema zu mir ins Studio eingeladen. Und das ist die Professorin Dr. Carola Surkamp. Hallo Frau Surkamp.

00:01:08: Hallo Frau Herkommer.

00:01:09: Schön, dass Sie da sind.

00:01:10: Danke, dass ich da sein darf.

00:01:14: Gasthörer.

00:01:20: Willkommen natürlich auch an euch, liebe Hörerinnen und Hörer. Schön, dass ihr wieder dabei seid. Frau Surkamp, Sie sind Professorin für Fremdsprachen-Didaktik, also wie man Fremdsprachen am besten unterrichtet. Fangen wir mal mit einem kleinen Kopfkino an. Wie sieht denn die Englischstunde des Grauens für Sie aus?

00:01:38: Die Englischstunde des Grauens? Die Englischstunde des Grauens wäre sehr zentriert auf die Lehrperson ausgerichtet, wenig auf die Lernenden, vor allen Dingen die Lehrkraft würde sprechen. Die Lernenden würden nicht viel kommunikativen Austausch haben, es wäre eine sehr ernste Stunde, Sprachen verwenden und mit Sprachen etwas gemeinsam machen, eigentlich auch viel mit Spaß gemeinsam haben zu tun. Ja, so würde ich es, glaube ich, mir nicht vorstellen wollen.

00:02:11: Dann sind wir froh, dass es an den meisten Schulen heutzutage ja zum Glück auch wirklich nicht mehr so aussieht. Ich habe es im Intro schon gesagt, in dieser Podcastfolge soll es darum gehen, was Nachhaltigkeit im Fremdsprachenunterricht zu suchen haben kann. Ist Ihnen Nachhaltigkeit auch privat wichtig?

00:02:28: Auf jeden Fall. Also es kommt natürlich immer darauf an, von welchem Nachhaltigkeitsbegriff gehen wir aus. Die meisten denken ja erst mal an ökologische Probleme oder Aspekte. Es hat aber ja einen, wie Sie auch schon gesagt haben, viel weiteren Blick. Wenn man von einem weiten Nachhaltigkeitsbegriff ausgeht, dann gibt es dann eben auch noch die soziale Dimension, kulturelle Dimension. Und das hat auf jeden Fall alles in der Gesamtheit für mich auch Bedeutung im Alltag. Von Ernährung über wie verhalte ich mich mobil, wie gehe ich mit Menschen um. Das sind alles für mich Aspekte, auch im Privaten.

00:03:02: Es kommt ja auch bestimmt nicht von ungefähr, dass Sie beruflich diesen Schwerpunkt gefunden haben.

00:03:06: Genau.

00:03:07: Ich stelle Sie unseren Hörerinnen und Hörern wie immer am Anfang noch ganz kurz richtig vor. Sie haben in Köln und Nantes Englisch, Französisch und Spanisch fürs Lehramt an Gymnasien studiert und in der Zeit auch schon als Fremdsprachenassistentin in Frankreich und Schottland gearbeitet. Bevor sie an der Universität Gießen in anglistischer Literaturwissenschaft promoviert haben. Dort haben sie auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet und im Jahr 2006 haben sie von der Uni Göttingen den Ruf zur Professoren für englische Fachdidaktik erhalten. Seit April 2023 sind sie jetzt hier bei uns an der Uni Regensburg und zwar als Inhaberin des Lehrstuhls für Fremdsprachendidaktik mit dem Schwerpunkt Englisch. Seit Jahren sind sie Mit-Herausgeberin der Fachzeitschrift der Fremdsprachliche Unterricht Englisch beim Friedrich Verlag und Leiterin der Englisch-Sektion der KLETT-Akademie für Fremdsprachendidaktik. Passt alles so? Hatten sie schon einen Bezug zu Regensburg, bevor sie hierher gekommen sind?

00:04:00: Also ich lebe mit meiner Familie in München, insofern sind wir in Bayern verwurzelt und zu Regensburg hatte ich tatsächlich eine Beziehung, weil mein Vater Regensburg sehr gerne mochte und ich als Kind mehrfach in Regensburg war, auch auf der Durchreise von Urlauben, wie beim Dampfnudeluli damals, als es ihn noch gab, immer Halt gemacht haben. Und manchmal denke ich, wenn ich damals gewusst hätte, dass ich, wenn ich groß bin, irgendwann auch mal hier an der Universität arbeiten würde, das wäre lustig gewesen. Aber ja, ich habe eine besondere Beziehung fast schon zu Regensburg.

00:04:34: Dann ist es ja besonders schön, dass Sie hierher zu uns wechseln konnten. Lassen Sie uns am Anfang nochmal auf den Nachhaltigkeitsbegriff an sich eingehen. Der wird ja ziemlich inflationär verwendet. Also wenn man in die Werbung schaut, dann ist alles nachhaltig und ganz oft wird nachhaltig, glaube ich, wirklich nur als Synonym benutzt für umweltfreundlich. Aber was umfasst der Begriff denn eigentlich alles?

00:04:59: Das ist gut, dass Sie das ansprechen. Im Prinzip ist es ein Begriff, der sehr alltagssprachlich verwendet wird, häufig. Und es hat fast den Anschein, als wäre das jetzt etwas ganz Neues, was es jetzt erst seit Kurzem gibt. Aber nachhaltige Entwicklung ist seit den 1960er Jahren schon das Leitbild der Umweltpolitik und der Entwicklungspolitik der Vereinten Nationen und umfasst eigentlich noch viel mehr. Also grundsätzlich hat Nachhaltigkeit zum Ziel, allen Ländern und Völkern, also allen Menschen, gleiche Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen. Das heißt, dieser generationenübergreifende Aspekt ist ein ganz wesentlicher, das ist ja auch ein Werteaspekt, ein ethischer Aspekt, der da damit reinspielt, dass wir so leben, dass zukünftige Generationen auch noch eine lebenswerte Erde um sich haben, auf der sie leben können. Das heißt, es sind nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische, soziale und auch politische Belange, die immer miteinander verknüpft sind. Also wenn wir ihn reduzieren auf Umweltbildung, dann ist das wirklich eine Reduzierung. Wobei es natürlich auch Menschen gibt, die von einem engen Nachhaltigkeitsbegriff ausgehen, die nämlich sagen, wenn wir die planetaren Grenzen erreicht haben, dann müssen wir uns auch über soziales Miteinander und Politik und Ökonomie, Wirtschaft, keine Gedanken mehr machen, denn dann gibt es den Planeten nicht mehr. Also man kann schon sagen, es gibt dann auch so Modelle. Das ist schon das Fundament, dass wir natürlich darauf achten müssen, dass wir den Planeten erhalten. Aber alles andere muss ja immer mitgedacht werden, wie wir miteinander umgehen. Das ist ja gerade jetzt leider auch wieder sehr wichtig als Thema.

00:06:32: Und um diese weitere Definition ins Bewusstsein der Leute zu bringen, hat die UN ja dann auch diese Nachhaltigkeitsziele formuliert, oder?

00:06:39: Genau, da sagen auch viele, Nachhaltigkeit ist ja dann letztlich alles. Aber diese 17 Ziele sollen ja dazu dienen zu zeigen, wie kann man überhaupt jetzigen und zukünftigen Generationen ein wirtschaftlich erfolgreiches, umweltfreundliches, aber eben auch gerechtes, gleichberechtigtes, sicheres und friedliches Leben ermöglichen. Und diese Ziele wurden aufgesetzt, um zu zeigen, auf wie vielen Ebenen das notwendig ist. Also zum Beispiel, das geht ja von keine Armut, kein Hunger mehr auf der Welt zu haben über Gesundheit. Aber auch, wie leben wir nachhaltig in Städten und in Gemeinden? Wie ist es um Geschlechtergerechtigkeit bestellt? Was ist eine nachhaltige Industrie und Infrastruktur? Wie können wir Frieden sichern und starke Institutionen schaffen? Das heißt, es betrifft alle Ebenen eigentlich der Gesellschaft. Und um das eben auszubuchstabieren, wie komplex es ist, wenn wir über Nachhaltigkeitsfragen nachdenken, sind diese 17 Ziele aufgestellt worden.

00:07:35: In einem dieser Nachhaltigkeitsziele geht es auch um Bildung. Und wir sprechen ja jetzt über Bildung für nachhaltige Entwicklung. Können Sie versuchen, für uns zusammenzufassen, was ist denn Bildung für nachhaltige Entwicklung überhaupt?

00:07:48: Also ich habe ja den Nachhaltigkeitsbegriff erläutert und habe gesagt, warum nachhaltige Entwicklung ein so wichtiges Leitbild ist der Vereinten Nationen schon seit ja über 60 Jahren mittlerweile. Die Frage war natürlich dann, die man sich gestellt hat, was sind denn Instrumente, um überhaupt diese nachhaltige Entwicklung, wie wir sie verstehen, realisieren zu können? Und dann ging man natürlich von internationalen Kooperationen aus, aber auch vom Transfer von Technologien und wissenschaftlichen Ergebnissen in die Praxis. Also was an den Universitäten geforscht wird, muss dann eben auch in der Praxis bekannt gemacht werden. Aber ein wesentlicher Baustein oder ein wesentliches Instrument, um überhaupt nachhaltige Entwicklung realisieren zu können, ist Bildung. Deswegen gab es auch eine ganze Dekade von 2005 bis ungefähr 2015, die ausgerufen wurde, wo wirklich das bestreben war, allen Länder, die da mitgemacht haben, in allen Bereichen Bildung für nachhaltige Entwicklung eben an Schulen und Universitäten zu verankern. Das heißt BNE, wie es ja abgekürzt auch heißt, ist ein wichtiges Instrument, weil davon ausgegangen wird, wir müssen in Menschen Wissen, Fähigkeiten, aber auch Denk- und Handlungsmuster und Einstellungen fördern, derer es bedarf, um überhaupt nachhaltig agieren zu können. Also wenn wir dieses Wissen, diese Fähigkeiten nicht haben, können wir nicht nachhaltig agieren. Deswegen ist Bildung so ein wichtiger Baustein in dem gesamten Programm.

00:09:06: Bildung ist ja vor allem auch wichtig für unsere nächsten Generationen. Was die denn mit dem machen, was sie eben heute erfahren und lernen. Man sagt immer so, die Zukunft geht uns alle an, aber kann man nicht auch sagen, ja gut, dann sollen halt die, die irgendwie in die Politik wollen oder aktiv gestalten wollen, sich mit sowas wie BNE beschäftigen. Oder braucht es tatsächlich jeder solche Nachhaltigkeitskompetenzen?

00:09:30: Also meines Erachtens braucht sie jeder, sonst würde ich dieses Thema wahrscheinlich jetzt auch nicht im Hinblick auf die Lehrer:innen-Bildung so verfolgen. Ich denke, es geht nicht nur um Wissen über bestimmte Zusammenhänge, seien sie jetzt wirtschaftlicher, naturwissenschaftlicher Art, sondern es geht eben auch um Haltung, Wertvorstellungen. Es geht aber auch darum, eine eigene Position zu finden und die auch artikulieren zu können. Also wie stelle ich mich einem Diskurs, ich muss ja auch im Alltag immer wieder Dinge für mich ausbalancieren, die eben auch im Nachhaltigkeitsthema sozusagen verortet sind. Und das sind oft widerstreitende Positionen. Also ich möchte nachhaltig leben, gleichzeitig spreche ich oder lerne vielleicht Sprachen und möchte Menschen aus anderen Ländern und Regionen kennenlernen. Wie reise ich dort dann hin? Kann ich noch fliegen oder nicht? Verzichte ich jetzt auf Fleischkonsum oder wie möchte ich leben? Das sind ja Fragen, die uns alle angehen. Und um das aushandeln zu können, weil das sehr oft mit Menschen ja auch verhandelt werden muss, auch in der Familie oder in der WG oder mit mir selbst auch, dafür brauche ich eben bestimmte Kompetenzen auch. Und deswegen ist es etwas, was nicht nur auf politischer Ebene verhandelt wird, sondern was eben uns alle angeht und wo wir alle für ausgerüstet sein müssen. Also BNE ist ja nicht Erziehung zu nachhaltigem Verhalten, sondern es ist eher eine Befähigung dazu, eigenständige, reflektierte Entscheidungen zu treffen im Bezug auf Nachhaltigkeitsfragen.

00:11:00: In Ihrem Bereich geht es ja darum, wie man am besten lernt und ums Unterrichten. Wie bildet man denn dann sich und andere in so einem Bereich oder mit solchen Zielen? Also ganz grundsätzlich, was zum Beispiel sollen Lernende lernen?

00:11:14: Genau, das ist erstmal die Frage, was sind eigentlich diese Nachhaltigkeitskompetenzen? Also was braucht man eigentlich, um nachhaltigkeitskompetent zu sein? Und wenn wir nochmal auf diese 17 Entwicklungsziele zurückgehen, die sind an sich, es sind jetzt schon 17, das ist ja schon viel, die sind in sich dann nochmal komplex, weil jedes dieser Ziele kognitive Lernziele, also alles, was mit Wissen und Fähigkeiten zur Erfassung eines Themas zu tun hat. Es geht aber auch um sozio-emotionale Lernziele, also affektive Kompetenzen, wie ich überhaupt mit Nachhaltigkeit umgehen kann, wie ich es auch aushalten kann, diese Widersprüche aushalten kann, die eben Nachhaltigkeitsthemen in sich tragen. Und es geht um verhaltensbezogene Lernziele, also wie werde ich handlungskompetent in Bezug auf ein bestimmtes Nachhaltigkeitsthema. Und ich finde das immer ganz gut, wenn man das mal veranschaulicht am Beispiel von einem dieser Ziele, also was heißt das denn jetzt eigentlich, wenn ich kognitiv, affektiv und auch verhaltensbezogen mich entwickeln muss. Und wenn wir mal das Nachhaltigkeitsziel Nummer 10 nehmen, da geht es darum Ungerechtigkeiten zu reduzieren. Dann hätten wir auf kognitiver Ebene zum Beispiel, dass Menschen erst einmal verstehen müssen, es gibt verschiedene Dimensionen von Ungleichheit in der Gesellschaft. Dafür gibt es verschiedene Ursachen und verschiedene Auswirkungen. Das kann man dann auf verschiedenen Ebenen sehen. Auf der affektiven, sozio-emotionalen Ebene wäre es dann, dass man sich einer möglicher Form von Ungleichheit auch in der eigenen Umgebung bewusst ist und vor allen Dingen sich empathisch in Menschen hineinversetzen kann, die zum Beispiel diskriminiert werden. Also auch dieses Einfühlungsvermögen wichtig ist. Und die Handlungsebene wäre dann, dass ich in der Lage bin, mich in dem kleinen Kreis, in dem ich mich bewege, mich für Gleichberechtigung einzusetzen. Und das ist immer so dieser drei Schritt zwischen Wissen, Haltung und dann eben das Umsetzen können. Und das muss man natürlich wissen, dass es darum geht. Und dann kann man sich überlegen, wie kann ich das methodisch erreichen?

00:13:09: Es ist total wichtig, so was einfach auch runterzubrechen. Denn ich selber bin an solche Themen noch nie irgendwie strukturiert reingegangen, sondern habe mir halt im Laufe meines Lebens irgendwie eine Meinung gebildet. Und manche haben keine Meinung, manche haben eine ganz unreflektierte Meinung, manche sind sehr belesen und dann aber auch sehr kategorisch in ihrer Meinung und lassen andere Meinungen nicht mehr zu. Also dieser Dreiklang leuchtet mir sehr stark ein. Also zuerst muss ich es erkennen und dann muss ich damit umgehen lernen und dann kann ich mir überlegen, was mache ich damit?

00:13:40: Genau, es geht um Emotionen auch. Was sind meine Emotionen in Bezug auf ein Thema? Wie kann ich auch damit umgehen? Regulativ, das ist auch ganz wichtig. Und um die Komplexität dann noch zu erhöhen, gibt es dann noch von den Vereinten Nationen auch weitere Kompetenzen, die im Prinzip quer zu diesen ganzen 17 Entwicklungszielen liegen. Also die sogenannten Schlüsselkompetenzen. Es wird auch von 21st Century Skills gesprochen. Also die Grundfähigkeiten, die ich brauche, um im 21. Jahrhundert fit zu sein, sozusagen. Und da geht es dann um solche Dinge wie vernetztes Denken oder auch vorausschauendes Denken. Das brauchen wir auch alles im Nachhaltigkeitsdiskurs. Wie kann ich mir überhaupt unterschiedliche Zukünfte, es gibt ja nie nur eine Zukunft, so ein bisschen deterministisch die Zukunft, aber es gibt ja Zukünfte und je imaginativer wir uns die vorstellen können, desto besser kann ich vielleicht auch im Jetzt schon Entscheidungen treffen. Auch wenn ich mir vorstelle, wie meine Zukunft oder unsere Zukunft nicht aussehen sollte. Und auch so Sachen wie Kooperationskompetenz, Selbstkompetenz auch. Das sind so wichtige Schlüsselkompetenzen, die eigentlich dann auch in Bezug auf Schule in jedem Fach eine Rolle spielen.

00:14:49: Verrät man das den Schülerinnen und Schülern dann, an was man gerade, also dass man versucht, denen gerade Konfliktfähigkeit beizubringen oder ist es so unterschwellig nebenher?

00:14:58: Ich bin immer sehr für Transparenz. Also warum machen wir eigentlich das, was wir jetzt gerade machen, auch mit den Studierenden? Wo wollen wir damit hin? Was ist eigentlich das Ziel jetzt einer Sitzung, einer Stunde oder einer Unterrichtseinheit? Und wenn es um Konfliktbewältigung geht, natürlich. Also wenn sie wissen, worum es geht, sie wollen ja auch immer Vorwissen und Vorerfahrungen aufrufen. Und im Idealfall starten Sie ja mit eigenen Erfahrungen, Fragen oder Bedürfnissen der Lernenden. Deswegen würde ich immer sagen, klar sagen wir, worum es geht. Weil sonst ist es ja so, wir müssen es jetzt machen, weil es halt einfach Schule ist. Aber im Idealfall ist es ja etwas, was sie eben außerhalb von Schule brauchen.

00:15:34: Ich habe es nur gefragt, weil Schlüsselkompetenzen klingt für mich irgendwie immer so vage. Ich habe so dieses hehre Ziel, das sollen meine Schülerinnen und Schüler lernen. Aber wenn man einfach ganz konkret sagt, okay, jetzt schauen wir mal, wie geht es mit Konflikten um oder so.

00:15:45: Ja, ich meine, so was wie kooperative Kompetenzen, das entwickelt sich natürlich immer im Schulalltag. Da muss man auch nicht bei jeder Gruppenarbeit sagen, wir machen jetzt Gruppenarbeit, weil es auch um kooperative Kompetenzen geht, das ist klar. Aber das im Bewusstsein zu haben, dass es eine Kompetenz ist, sich bei einer Gruppenarbeit gut einzubringen, darauf zu achten, dass alle mitmachen, dass man auch niemanden zurücklässt, dass sich jeder seinen Talenten und Interessen gemäß einbringen kann, das sind ja alles Kompetenzen, die brauche ich immer, wenn man zusammenarbeitet im Beruf, auf politischer Ebene. Und klar, das wird hoffentlich dann in der Schule immer auch mitgefördert, ohne dass man es immer explizit macht.

00:16:25: Jetzt haben wir die Begriffe Nachhaltigkeit und BNE, Bildung für nachhaltige Entwicklung, grob abgesteckt. Aber wie schaut es denn an den Schulen aus? Gibt es ein Schulfach für BNE? Ich meine, zu meiner Zeit gab es das nicht, und ich glaube, heute gibt es es auch nicht, oder?

00:16:41: Nein, es gibt es auch nicht. Es wurde schon über solche spezifischen Schulfächer nachgedacht. Es gibt ja mehrere Querthemen. Es gibt die Bildung für nachhaltige Entwicklung. Es gibt aber auch natürlich digitalisierungsbezogene Medienkompetenz. Da hat man auch schon viel drüber nachgedacht. Brauchen wir ein eigenes Fach Medienkunde? Jetzt kommt noch die KI-Kompetenz dazu. Es gibt Demokratiebildung. Braucht man das als Fach? Also diese Fragen gibt es immer wieder. Aber eigentlich ist die Tendenz eher dahingehend zu sagen, das sind wirklich Themen, zu denen jedes Fach auch fachspezifisch beitragen muss. Also wenn es um den Einsatz unterschiedlicher Medien geht, da habe ich aus der naturwissenschaftlichen Perspektive oder Mathematik oder Biologie andere Bedürfnisse, andere Fragestellungen und dann eben auch andere Fähigkeiten als jetzt aus Perspektive von Geschichte oder den Sprachen. Und bei nachhaltiger Entwicklung ist das ähnlich. Es liegt so nahe, zu sagen, wir brauchen da sehr viel naturwissenschaftliches Fachwissen. Deswegen ist Bildung für nachhaltige Entwicklung schon seit langem auch in Fachbiologie und auch Geografie verortet in Schulen. Aber im Prinzip ist es ein Thema, zu dem alle Fächer beitragen sollten und auch können und auch müssen. Und da ging zum Beispiel die Sprache unter. Das war nicht so im Bewusstsein, was Sprachen eigentlich dazu beitragen. Insofern, es gibt kein eigenes Fach und ich glaube auch nicht, dass es zielführend wäre. Ich glaube, dass es besser ist, aus verschiedenen Perspektiven auf solche Querschnittsthemen draufzuschauen.

00:18:06: Sie haben gesagt, in den Fremdsprachen ging es bis jetzt ein bisschen unter. Was können denn Fremdsprachen dazu beitragen?

00:18:13: Eine Menge. Vielleicht fangen wir einfach mal damit an, dass die Vorstellung, was Fremdsprachenunterricht ist, Sie haben es ja auch eingangs so ein bisschen erwähnt, wir lernen Vokabeln, wir lernen Grammatik und was hat das mit Nachhaltigkeit zu tun? Aber das ist ja noch nicht alles, was Fremdsprachenunterricht macht. Wir haben sprachliches Lernen. Natürlich geht es um das Erlernen sprachlicher Mittel, natürlich. Aber es geht auch um kulturelles Lernen. Es gilt um literarisches und mediales Lernen und auch das sprachliche Lernen reduziert sich ja nicht auf das Lernen von irgendwelchen Vokabellisten und grammatischen Strukturen, sondern was heute verfolgt wird, was das oberste Ziel ist im Fremdsprachenunterricht, das ist eigentlich die Förderung von Diskursfähigkeit. Also bin ich kompetent genug, mich zu einem bestimmten inhaltlichen Diskurs eben mich daran zu beteiligen. Es geht ganz stark um diese Partizipationsfähigkeit, die im BNE sowieso eine große Rolle spielt. Und ich kann nur teilhaben und auch Nachhaltigkeitsthemen Aushandeln, Verhandeln, wenn ich sprachlich, kommunikativ fit bin. Insofern ist das wichtig, weil diese Aushandlung in Diskursen immer an Inhalte gebunden sind. Also es geht nicht nur darum, irgendwelche Vokabeln zu erlernen. Ich muss auch wissen, wer bestimmt einen Diskurs, welche Positionen, welche Perspektiven gibt das. Und da kann eben der Fremdsprachenunterricht eine Menge beitragen.

00:19:32: Also die Sprache lässt einen erst mal teilhaben an den Auseinandersetzungen zu bestimmten Themen.

00:19:38: Genau, das wäre ein Aspekt. So dieses, ich bilde Sprechkompetenzen, Schreibkompetenzen aus und kann teilhaben, kann mich einbringen und kann meine Stimme hörbar machen. Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Aspekt, das ist das Sprachreflexive. Also im Fremdsprachenunterricht bilden wir auch Sprachbewusstheit aus. Und das besagt jetzt zum Beispiel im Bezug auf den Nachhaltigkeitsdiskurs, dass ich lerne, genau hinzugucken, wie wird denn über ein Thema gesprochen, welche Vokabeln werden hier verwendet, welche Konnotationen schwingen da mit also ich finde immer so ein ganz gutes Beispiel im Deutschen. Sprechen wir immer von Umwelt, also dadurch stellen wir uns als Menschen ins Zentrum und um uns herum ist die andere Welt. Es gibt aber viele indigene Sprachen in Asien, auch in Lateinamerika, die sprechen von Mitwelt, also der Mensch ist dann eben mit vielen anderen Lebenswesen und der Natur. Es ist eine Welt, der Mensch ist nicht so zentral gestellt. Und das ist deswegen wichtig, hinzuschauen, wie oder hinzuhören vielleicht auch, wie sprechen wir über Dinge? Weil natürlich, wie wir über Dinge sprechen, beeinflusst ja unser Handeln. Stelle ich mich als Mensch über die Natur, welche Entscheidung treffe ich dann? Mit der Natur oder über die Natur? Also insofern, Sprache konstruiert eben Wirklichkeit mit und bestimmt eben nicht nur unser Denken, sondern auch unser Handeln. Und deswegen ist dieses Sprachbewusste so wichtig.

00:21:00: Super spannend. Damit möchte ich mich weiter beschäftigen. Aber wenn ich meine Freundinnen und Freunde höre, von denen viele Lehrerinnen und Lehrer sind tatsächlich, dann sagen die, sie kommen eh jedes Schuljahr schon so schwer nur durch ihren Stoff durch und sie haben so viel, was sie den Schülerinnen und Schülern vermitteln müssen. Sind diese Überlegungen und Kompetenzen jetzt was, was tatsächlich noch auf den regulären Lehrplan obendrauf kommen oder wie ist das gedacht?

00:21:25: Das ist eine Gefahr, wo viele erstmal so ein bisschen noch Abstand genommen haben. Das kann ich auch sehr gut nachvollziehen. Und ich glaube, das ist auch dem Diskurs über Nachhaltigkeitsbildung geschuldet, weil es dann darum ging, wir haben jetzt diese ganzen Nachhaltigkeitsziele, alle Kompetenzen, die von den Vereinten Nationen aufgestellt worden sind. Und jetzt schaut ihr mal in den Fächern, wie ihr das auch noch alles integriert. Und da gibt es ja verschiedene Möglichkeiten, das zu machen. Man kann jetzt einfach diese Kompetenzlisten, die es so gibt, nehmen und die irgendwie noch in den Lehrplan meinetwegen jetzt für Englisch irgendwie reinkriegen. Was natürlich kein guter Weg wäre, weil dann haben wir genau diese Überlastung von Lehrkräften und Lehrkräften, die auch sagen, ich hab das ganze Fachwissen ja auch gar nicht, was die ganzen Themen angeht. Oder man sagt, thematisch beschäftigt sich der Englisch-Unterricht und auch der französisch-spanische Unterricht schon seit vielen, vielen Jahren mit Themen, die für Nachhaltigkeit relevant sind. Globalisierung, Migration, Diversität, das sind alles ja Themen des Sprachunterrichts sowieso schon. Und ich und viele andere, auch meiner Kolleginnen und Kollegen, wir haben eher gedacht, wir müssen die Perspektive umdrehen und nicht sagen, wie kriegen wir Nachhaltigkeitsbildung jetzt in den Sprachunterricht noch rein, sondern viel selbstbewusster, was macht eigentlich der Sprachunterricht, was für Nachhaltigkeitskompetenzen zentral ist. Und das wird eben auch auf oder wurde lange auf bildungspolitischer Ebene auch nicht gesehen. Also, dass man wirklich mal hinschaut, was ist das, was wir genuin fördern im sprachlichen Lernen, da kommt das kulturelle, literarische Lernen eben noch dazu, was ganz zentral ist für das, was wir wollen im Nachhaltigkeitsdiskurs und dass das nicht im Bewusstsein war, das sieht man zum Beispiel daran, es gibt in Deutschland einen Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung, der 2005 zum ersten Mal aufgestellt wurde, ein bildungspolitisches Dokument, was damals, ich habe vorhin ja von der BNE-Dekade gesprochen, wurde das als Instrument gesehen, um das, was die Vereinten Nationen anzielen, in die deutsche Bildungslandschaft zu integrieren. Und da waren zum Beispiel die Sprachen nicht mehr drin, die Fremdsprachen. Also, da war gar nicht im Bewusstsein, dass die Fremdsprachlichen Fächer da was zu beitragen. In der zweiten Auflage von 2016 sind sie dann mit drin gewesen. Aber das ist auch ein Entwicklungsprozess.

00:23:33: Das ist ja eigentlich krass, oder? Also, wie kann man denn sich nicht vorstellen, dass Sprachen für unsere Weltsicht irgendwie was beibringen können?

00:23:42: Ja, vielleicht ist man davon ausgegangen, Sprachen hat man ja irgendwie so. Man hat sich viel mehr auf das Wissen konzentriert. Aber in dieser zweiten Auflage von 2016 war das dann schon ein Riesenschritt. Man hat dann versucht, diese drei Dinge, die ich vorhin genannt hatte, diese drei Ebenen, Erkennen, Bewerten und Handeln, auf Sprache zu übertragen. Und hat dann zum Beispiel gesagt, der Sprachunterricht trägt dazu bei, dass wir erkennen, was man mit Sprachen machen kann, wie man sie für den Wissenserwerb einsetzt. Also, ich muss ja auch, wenn ich was über ein Nachhaltigkeitsthema erfahren möchte, muss ich natürlich Dokumente lesen können, verarbeiten können. Die sind ganz häufig im internationalen Kontext auf Englisch. Englisch fungiert als Lingua franca, als gemeinsame Sprache für Menschen unterschiedlicher Erstsprachen. Und bewerten und handeln ging dann so ein bisschen in die Richtung, was ich vorhin meinte, mit dem Sprachreflexiven. Bewerten, was Sprachen mit den Menschen tun, aber auch, was Menschen mit Sprachen tun können und auch nicht nur Gutes. Also, Sprache kann ja auch leider diskriminieren, kann ausschließen. Sprache ist ein Machtinstrument auch. Auch wenn man festlegt, über was nicht mehr gesprochen werden darf, haben wir ja auch aktuell leider in der Politik. Aber durch diesen Richtungswechsel, dass man die Sprachen mehr mitbedacht hat, ist auch interessant, weil dadurch ja so eine Einsicht zum Vorschein kommt, dass im Zentrum allen Handelns, allen nachhaltigen Handelns der Mensch steht. Das haben zwei Kollegen von mir mal so pointiert herausgestellt. Grit Alter und Jürgen Wehrmann, die haben gesagt, im Zentrum nachhaltigen Handelns ist der Mensch. Und der sucht nach Lösungsstrategien. Und das wird vor allem kommunikativ und kulturübergreifend gemacht. Also, wir brauchen Sprache und wir brauchen Sprache im internationalen Kontext, wenn wir als Menschheit den Planeten mehr oder weniger retten wollen. Es geht um diese Aushandlung. Und deswegen hat Sprache heute jetzt einen viel höheren Stellenwert im Kontext von BNE.

00:25:30: Aber Sie haben jetzt gerade gesagt, es geht nicht nur um sprachliches Lernen, sondern es gibt auch noch mehr Aspekte. Also, ich verstehe, okay, die Menschen müssen miteinander sprechen können, kommunizieren können, um sich austauschen zu können über bestimmte Themen. Aber Sie haben auch noch andere Aspekte erwähnt. Ich glaube, Kultur, Literatur und so weiter. Wie passen denn die dann in den Kontext?

00:25:50: Also, vielleicht kann man mit dem kulturellen Lernen mal anfangen. Das ist ja auch schon seit Jahren ein großer Bestandteil des Fremdsprachenunterrichts, vor allen Dingen, wenn es ums interkulturelle Lernen geht, also um das Lernen über andere Kulturräume und auch die Ausbildung von Fähigkeiten zu Perspektivenwechseln. Aber auch so grundsätzlich Haltung, erst mal offen gegenüber dem sein, was für mich jetzt fremd ist. Das ist ja erst mal was sehr Individuelles. Also, dass ich neugierig bin, dass ich da etwas erfahren möchte. Und dass ich mir auch, wenn es zu Konflikten kommt, dann erst mal überlege, wie kommt es jetzt zu diesem Konflikt und hat das vielleicht was damit zu tun, dass andere Werte und Normvorstellungen vorherrschen bei meinem Gegenüber. Dass ich also versuche, ob uns das wirklich so gelingen kann. Darüber streitet man sich in der Wissenschaft auch, inwiefern Perspektivenwechsel wirklich möglich sind. Aber dass ich versuche, eine Situation auch mal mit anderen Augen zu sehen. Das war immer schon Bestandteil des Fremdsprachenunterrichts. Und die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel ist ein zentrales Schlüsselkonzept auch in dem ganzen Diskurs um BNE. Das heißt, das macht der Fremdsprachenunterricht. Dazu trägt er bei. Gleichzeitig gibt es neuere Entwicklungen in der Fremdsprachenforschung, die dahingehend den Kulturbegriff selbst mal so ein bisschen kritisch anzuschauen. Weil das interkulturelle Lernen geht ja davon aus, okay, da ist das Fremde und hier bin ich, das ist das eigene. Und das wird sehr oft nationenbezogen gedacht. Also im Englischunterricht. Wie denken, wie handeln die Briten, die Amerikaner:innen, als wäre das homogen, ist ja nicht so, wie wir alle wissen. Und deswegen könnte aus meiner Sicht die Fremdsprachenforschung auch in diesen BNE-Diskurs was Neues reinbringen, indem wir nämlich von anderen Kulturkonzepten ausgehen, die eher transkulturell, hybrid geprägt sind, dass sich Kulturen durchmischen, dass wir sehr viele Individuen haben, die eben unterschiedlich kulturell geprägt sind und dass es eben nicht immer um so klar abgrenzbare Grenzen geht. Und dass natürlich Kultur dann auch etwas ist, was wir alle selbst mitgestalten, also eher so was wie doing culture. Kultur ist nicht etwas, was vorhanden ist, was wir beschreiben können, sondern wir alle konstruieren Kultur ja mit. Und dadurch können Lernende dann eben auch viel mehr als Handelnde begriffen werden, die eben durch ihr Tun auch kulturelle Aussagen treffen, sich positionieren. Wir hatten das vorhin mit dem Klassenzimmer des Grauens, das sehr auf die Lehrkraft fokussiert ist. Wenn wir Lernende als sogenannte kulturell Agierende, als cultural agents bezeichnen, die was anpacken können, die was bewegen, das geht auch von diesem anderen Kulturbegriff aus.

00:28:18: Darf ich da ganz kurz einhaken? Also wenn Sie sagen, dass man jetzt in der Kultur nicht nur sagt, die Britinnen und Briten, die Amerikanerinnen und Amerikaner, sondern auch zum Beispiel die LGBTQ Kultur oder People of Color, also geht es auch um solche Kulturbegriffe?

00:28:33: Auf jeden Fall. Es gibt ja auch so den Kulturbegriff mit dem sogenannten großen K oder großen C im Englischen. Da ging es dann so um Höhenkamm-Literatur und um Monumente, so was, was früher in Schulbüchern immer so unter den Sehenswürdigkeiten auch lief. Aber es gibt auch den Kulturbegriff mit kleinem K oder small C im Englischen. Da geht es dann um Alltagskultur und da geht es dann um sexuelle Orientierung, um Gendervorstellungen, um Kleidung, um Musik, um Mentalitäten. Und das ist eigentlich eine ganz gute Überleitung zur Literatur, weil wir uns ja dann überlegen müssen, okay, wenn es jetzt im Fremdsprachenunterricht auch um Kultur mit kleinem K geht, um die Alltagskultur, dann ist ja die Frage, wie kommen wir da überhaupt ran? Also, wo können wir überhaupt etwas erfahren über diese Alltagskultur? Denn Begegnungen mit dem anderen Sprachraum und anderen Kulturräumen können ja nur punktuell über reale Begegnungen entstehen, wenn man einen Schüleraustausch stattgefunden hat oder ein virtueller Austausch. Viel passiert ja über Medien, über literarische Texte, über Filme. Und deswegen ist auch das literarische Lernen so wichtig, und da wird auch eben kritisiert, dass in den Dokumenten für BNE, wenn es um Texte geht, eigentlich so ein funktionales Textverständnis vorherrscht. Also ich lese einen Text und da kriege ich dann Fakten und Zahlen über ein Nachhaltigkeitsthema raus. Aber literarische Texte leisten ja viel mehr und ganz Wichtiges über so ein informationsentnehmendes Lesen hinaus. Also zum Beispiel bekommen wir Einblicke in konkrete Geschichten hinter Fakten und Zahlen. Also was heißt das für einen Menschen, fliehen zu müssen? Da kann man schon mit Bilderbüchern anfangen. Was sind eigentlich die Auswirkungen nicht nachhaltiger Entwicklung? Wie kann man das überhaupt verstehen? Das ist gerade für junge Lernende viel einfacher, wenn sie das an der Geschichte sehen. Was macht das mit Menschen? Welche Probleme haben Menschen, wenn sie eben in Gebieten leben, die schon wirklich klimatisch schwer zu bewältigen sind? Und wir bekommen auch unterschiedliche Perspektiven über literarische Texte. Wir können Einblicke bekommen in die Gedanken und Gefühle von anderen und lernen da vielleicht, das ist dann die Hoffnung durch Lesen und durch Arbeiten mit literarischen Texten, dass wir uns auch mal auf andere Perspektiven einlassen. Und deswegen, das zusammenzuführen, ist es eben nicht nur das sprachliche Lernen, sondern auch das kulturelle und das literarische, die als Gesamtpaket wirklich ganz viele wichtige Kompetenzen ausbilden, die wir in Nachhaltigkeitskontexten brauchen.

00:30:57: Und Sie haben vorher gesagt, es soll eben nicht oben drauf kommen. Also das heißt, die Lehrkraft muss sich über diese Themen selber bewusst sein und kann dann zum Beispiel jetzt bei einem Text schauen, den er oder sie jetzt sowieso machen wollte, sind da auch Aspekte aus dem Nachhaltigkeitsbereich drin, kann ich es auch unter dem Gesichtspunkt irgendwie anschauen oder andersrum sagen, okay, ich muss jetzt einen Text machen, dann gucke ich doch gleich mal, ob ich was finde, was zu einem der Themen passt.

00:31:25: Ganz genau, ja, hätte ich jetzt nicht besser sagen können.

00:31:27: Okay, vielen Dank. Heißt für mich, ich habe es kapiert. Und wie macht der Lehrer oder die Lehrerin das denn? Welche Methoden gibt es da?

00:31:37: Das ist eine ganz wichtige Frage und auch hier ist es sehr hilfreich, sich vor Augen zu führen, was sind eigentlich so große methodische Zugänge im Fremdsprachenunterricht? Und seit Jahren, Jahrzehnten wird ein kommunikativer Fremdsprachenunterricht verfolgt. Das hört sich jetzt vielleicht für Leute, die sich nicht so damit beschäftigen. Also es ist ja irgendwie logisch. Also Fremdsprachenunterricht muss ja irgendwie kommunikativ gestaltet sein. Das ist aber schon eine Entwicklung gewesen, die notwendig war. In den 1980er Jahren fing das an mit dieser kommunikativen Wende. Und wenn man den Fremdsprachenunterricht eben nicht daran ausrichtet, Grammatikstrukturen zu lernen und Wortlisten zu lernen, sondern wirklich versucht, verschiedene kommunikative Formen zu etablieren, dann haben wir ja genau das, was wir auch brauchen, dieses ständige Aushandeln, dass man eben mit anderen Bedeutung aushandelt. Das heißt, der Fremdsprachenunterricht an sich, wenn er kommunikativ konsequent gestaltet ist, leistet schon ganz viel.

00:32:28: Also kommunikativ gestaltet heißt, dass man im Gespräch ist, die Schülerinnen und Schüler untereinander und die Lehrkraft mit den Schülern.

00:32:34: Genau, viele wechselnde Sozialformen, Partnerarbeit, Gruppenarbeit, Rollenspiele, szenische Verfahren, also alles, um wirklich die Lernenden zum Sprechen, aber auch zum Schreiben zu bringen. Und es geht darum, Sprache als Instrument zu erfahren und nicht über Sprache zu lernen. Also ganz, ganz früher, lange her, wurde Fremdsprachenunterricht vor allen Dingen mit Grammatikunterricht gleichgesetzt. Also man lernte eine grammatikalische Struktur und dann hat man die irgendwie ein bisschen angewendet in ein paar Sätzen, dann hat man die nächste Struktur gelernt, aber heute haben Grammatik und sprachliche Mittel eher dienende Funktionen. Das heißt, ich habe ein kommunikatives Problem zu bewältigen. Zum Beispiel, ich soll ein Interview durchführen, da brauche ich bestimmte Mittel zu, wie ich stelle ich Fragen auf Englisch. Dann werden diese Mittel natürlich auch gelernt und die Grammatik wird vermittelt. Aber weil ich sie für eine ganz bestimmte kommunikative Situation brauche. Da gibt es eben ganz viele unterschiedliche Bausteine für einen kommunikativen Fremdsprachenunterricht, die ganz wichtig sind, um diese Diskursfähigkeit auszubilden, die wir auch für Nachhaltigkeitsthemen brauchen. Ein weiterer Aspekt ist, wir machen ganz viel Textanalyse, Reflexion über Sprache, Medien, also alles, was zu einem kritischen Lesen führt. Analytische Verfahren sind als Methode eben auch ganz wichtig, um herauszufinden, ist ein Text jetzt ideologisch verfärbt? Aus welcher Perspektive erfahre ich eigentlich was über ein Nachhaltigkeitsthema auch? Muss ich vielleicht noch mal einen anderen Text zu Rate ziehen, damit ich keine einseitige Perspektive verfolge, wenn ich mich informieren möchte? Das sind auch wichtige Dinge dieser analytischen Verfahren.

00:34:06: Superwichtige Kompetenz, wenn man gerade an die heutige Zeit denkt, wo einfach jeder im Internet alles veröffentlichen kann.

00:34:11: Genau das ist das eine Problem. Es gibt irgendwie keine Quellenüberprüfung mehr, auch kein „Wo kommt die Person her?“ Welches Wissen hat die Person? Es gibt diese Gatekeeper-Funktionen da nicht mehr. Aber auch so ein Bewusstsein, selbst wenn ich einen Zeitungsartikel lese, das ist dann eine Perspektive auf ein Thema. Und natürlich ist das anstrengend, sich immer mit unterschiedlichen Perspektiven auseinanderzusetzen. Aber das will eben Fremdsprachenunterricht hier auch leisten. Und dann haben wir natürlich aber auch die sogenannte Begegnungsdidaktik, in dem man schon versucht, ich habe es vorhin schon kurz angesprochen, über Schüleraustausch, virtuellen Austausch, Begegnungen an internationalen Standorten, so was wie in Flughafen oder auch in Regensburg. Es gibt auch so viele internationale Gruppen, die hier sind, auch an der Universität, dass man versucht, schon in Kontakt zu kommen, um die Sprache in realen Begegnungssituationen anzuwenden und sich mit anderen auseinanderzusetzen. Das ist auch so ein großer methodischer Baustein.

00:35:07: So viele Möglichkeiten. Cool. Haben Sie vielleicht ein konkretes Beispiel für uns, für so eine Unterrichtseinheit oder irgendwas, was die Schülerinnen und Schüler konkret lernen können oder die Lehrenden vermitteln möchten?

00:35:20: Also, es gibt natürlich sehr viele Beispiele. Ich finde es immer ganz gut, wenn man sich konkrete Zielprodukte überlegt. Also, was sollen die Lernenden können? Ich habe mit einem Kollegen, Ricardo Röhmild, vor einiger Zeit ein Heft für den Fremdsprachenunterricht Englisch, ein Themenheft moderiert zum Thema Languages and Literatures of Hope, also ein hoffnungsvoller Englischunterricht. Weil wir gedacht haben, es werden sehr viele Dystopien gelesen und es geht immer sehr viel um so düstere Sprache. Ich meine, natürlich sind solche Texte faszinierend und ich lese sie auch gerne, setze mich gerne damit auseinander, aber daran ist natürlich eine Sprache geknüpft, die eher von, ja, Zerstörung und Autokratien ausgeht, also eine Sprache, die nicht sehr hoffnungsvoll ist. Und wir haben uns überlegt, was könnte man denn eigentlich im Sinne auch von Für-Sprache, für andere sprechen, mich für andere einsetzen, dass man versucht, mal so eine hoffnungsvolle Sprache zu etablieren. Und da kann man zum Beispiel jetzt eine kleine Rede, Lernende gestalten lassen, dass sie sich zum Beispiel für Kinderrechte einsetzen, welche Rechte brauchen Kinder, das kann man dann an ganz vielen Beispielen machen, an Bilderbüchern oder was ihnen auch wichtig ist. Und dann am Ende eben die Kinderrechte, die gibt es auch in leichter Sprache, von der UNO formuliert, welche Rechte haben Kinder eigentlich, warum ist das wichtig? Und am Ende einer solchen Einheit würde dann eben stehen, so eine kleine ein-, zweiminütige Rede verfassen zu können, um sich dafür einsetzend zu sagen, warum Kinderrechte wichtig sind und vielleicht am Beispiel das machen. Es gibt dann auch Schubbuchtexte, die man dafür verwenden kann. Wir hatten da auch mal einen Text über Kinderarbeit, der in einem Lehrwerk war zum Beispiel. Und dann setzt man sich damit natürlich auseinander, dass Kinder in anderen Ländern der Welt eben nicht zur Schule gehen können. Das heißt, dieses Nachhaltigkeitsziel 4, was wir vorhin hatten, hochwertige Bildung für alle, ist eben nicht überall auf der Welt gegeben. Und dann könnte man lernen, auf Englisch sich dafür einzusetzen oder mal so eine Rede zu versuchen, warum es eben wichtig ist, dass alle Kinder Bildung bekommen. Dann habe ich aber eben dieses kommunikative Zielprodukt. Und dann weiß ich, das muss ich am Ende können. Ich brauche da Informationen. Die hole ich mir aus Texten, aus Büchern. Und dann bekomme ich sprachliche Mittel an die Hand, um mich für andere einsetzen zu können oder für mich als Kind. Wir sprechen für uns als Kinder und bekommen dann auch die Sprache an die Hand, um zu sagen, wie wichtig die Einhaltung dieser Kinderrechte sind. Das wäre zum Beispiel so ein mögliches Unterrichtsszenario.

00:37:49: Und was bringt es den Kindern jetzt konkret, wenn sie eben diese Language of Hope haben, anstatt über irgendwelche Negativszenarien sich Gedanken zu machen? Also stell dir vor, du kriegst gesagt, es gibt die Krisen auf der Welt, es gibt die Kriege, da, da, da. Das zieht die ja dann auch runter. Also ist das auch so ein Ziel, dass man mit denen auch einfach mal was Positives macht?

00:38:09: Genau, das ist sicherlich auch ein Ziel. Und auch zuversichtlich zu bleiben trotzdem. Und aber auch zu zeigen, dass ich im Kleinen, wenn ich lerne, oder wenn zum Beispiel eine gewaltfreie Sprache, wie kann ich anderen zuhören, auch zuhören lernen. Denn Hörverstehen im englischen Unterricht ist ja nicht nur, ich höre einen Text und kann die Wortgrenzen erfahren und ich verstehe den Text jetzt inhaltlich, sondern zum Hörverstehen als weite Kompetenz gehört ja auch, zuhören zu können. Also ich kann in meinem eigenen kleinen Kreis mit den Mitteln, die ich habe, was bewirken. Das ist das, was so ein hoffnungsvoller Englischunterricht auch möchte. Ich habe das sprachliche Material, ich kann mich für andere einsetzen, wenn ich mitbekomme, es wird in der Klasse, auf dem Schulhof, es wird jemand diskriminiert oder so. Ich habe die Sprache dafür, ich weiß, was ich machen kann, um mich für andere einzusetzen. Das war eigentlich unser Ziel dabei.

00:38:56: Also man bringt den Kindern nicht nur irgendwie was bei, sondern man befähigt sie, was zu tun.

00:39:01: Genau, dieses, was ich vorhin auch meinte, nicht Erziehung zu Nachhaltigen, sondern Empowerment. Und ich lasse sie gleichzeitig erfahren, dass sie eben auch in ihrem Rahmen was bewirken können und dass sie auch ein bisschen aufmerksam werden, wie reden auch die Erwachsenen? Wie reden die eigentlich und das auch kritisch anschauen können? Ich meine, da hat man ja wirklich leider sehr viele Beispiele auch in den Medien, auch im Wahlkampf jetzt in Deutschland. Wie reden eigentlich erwachsene Menschen über andere erwachsene Menschen? Und dass man das kritisch in den Blick nimmt und dass man für sich dann entscheiden kann, so möchte ich eigentlich in meiner Umgebung nicht, dass wir kommunikativ miteinander umgehen. Und wenn ich das nicht möchte, was kann ich dann mit meinen sprachlichen Mitteln dafür tun? Ich meine, da ist natürlich der Deutschunterricht jetzt auch wichtig. Natürlich zentral, das wird dort ja auch gemacht. Aber zunehmend auch im Alltag der Kinder und Jugendlichen wird ja auch hier vor Ort viel Englisch verwendet. Also insofern sind diese kleinen kommunikativen Übungen, die man dann macht, schon auch außerhalb von Schule umsetzbar.

00:39:58: Und so viel Abstraktionsvermögen hat der eine oder die andere ja wahrscheinlich auch, dass wenn man jetzt in Englisch drüber spricht, welche Begriffe benutze ich eigentlich, dass man vielleicht auch mal in seiner Muttersprache drüber nachdenkt, ob das eigentlich so ist. Leuchtet mir alles total ein. Jetzt sind Sie ja an der Uni, forschen, arbeiten mit Studierenden. Aber solche Unterrichtseinheiten, die wollen ja erarbeitet sein. Wie funktioniert das denn? Da braucht man doch Schülerinnen und Schüler dafür.

00:40:22: Auf jeden Fall. Auf jeden Fall. Es gibt verschiedene Möglichkeiten für die Forschungsprojekte, die bei uns durchgeführt werden. Das sind größtenteils empirische Forschungsprojekte. Das heißt, die Doktorandinnen und Doktoranden gehen dann auch in Schulen, arbeiten eng mit Lehrkräften zusammen. In der Universität Regensburg gibt es das Schulnetzwerk und es gibt die Partnerschulen der Uni Regensburg. Das sind ganz viele Grundschulen, Mittel-, Realschulen und Gymnasien in Regensburg und Umgebung, die eng mit der Universität Regensburg zusammenarbeiten. Und wir haben jetzt auch in der Lehre mit Studierenden schon in vielen kleinen Projekten mit einigen dieser Schulen zusammengearbeitet. Das ist eine sehr schöne Zusammenarbeit zwischen den Bildungsinstitutionen in Regensburg. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir eine Lehr-Lernwerkstatt jetzt gerade aufbauen an der Universität Regensburg. Das soll so eine Art, also man kann sich so ein bisschen wie ein Labor vorstellen. Das ist natürlich jetzt für naturwissenschaftliche Fächer einfacher vorzustellen. In einem Labor, da macht man irgendein Experiment. Aber was macht man in einem Fremdsprachenlabor? Und das ist nicht das Sprachenlabor, wie es mal ganz früher, oder ich habe das in meiner Schulzeit auch noch erlebt. Das ist damit nicht gemeint, sondern es ist damit gemeint, dass man Zugänge ausprobieren kann, experimentieren kann, die man jetzt im Schulalltag vielleicht noch nicht so kennengelernt hat. Also wir spielen zum Beispiel ganz viel Theater. Wir machen Theaterkurse mit unseren Studierenden. Wie kann man kleine Theatermethoden in den Sprachenunterricht einbauen, um genau diese kommunikativen Situationen zu erzeugen?

00:41:47: Und die machen das dann wieder mit den Schülerinnen und Schülern?

00:41:49: Genau. Die Idee ist, dass wir jetzt erst mal das hier haben, damit die Studierenden sich ausprobieren können. Und die langfristige Idee ist, dass dann auch Schüler:innengruppen kommen können an die Universität. Ich bin jetzt erst seit zwei Jahren in Regensburg. Vorher war ich in Niedersachsen. Und in Göttingen hatten wir auch ein solches Schüler-Lehr-Lern-Labor, wo wir globale Simulationen gemacht haben. Also zum Beispiel 8. Klasse Englisch ist auf Thema USA und die Verleihung der Oscars. Und dann haben die Studierenden dann mit den Lernenden kleine Filmtrailer entworfen. Die wurden dann primiert und dann mussten die Schülerinnen und Schüler lauter kleine kommunikative Texte vorbereiten. Die mussten Dankesreden schreiben oder ein Interview als Journalist oder Journalistin durchführen. Und das ist etwas, was ich hier in Regensburg auch aufbauen möchte. Da sind wir jetzt noch ganz am Anfang. Aber das wäre dann eben die andere Richtung. Nicht wir gehen mit unserer Forschung irgendwie an Schulen, sondern Schulen laden wir auch ein, an die Universität zu kommen. Es gibt ja auch die Kinderuni. Es gibt ja hier auch solche Kooperationen, die eben versuchen, Schülerinnen und Schüler hierher zu bekommen. Und das wollen wir mit diesem Labor auch erreichen.

00:42:48: Cool. Freue ich mich, wenn das dann Realität geworden ist. Wir möchten ja immer nicht nur was über die Forschung wissen, an der meine Gäste hier arbeiten, sondern auch ein kleines bisschen über den Menschen dahinter. Deswegen habe ich ein kleines Spiel mitgebracht. Das habe ich Ihnen vorher nicht verraten. Sie kennen es aber vielleicht. Das ist das A oder B Spiel. Also ich nenne Ihnen immer zwei Begriffe. Sie müssen sich ganz schnell aus dem Bauch raus für einen von beiden entscheiden. Nicht lange überlegen, einfach intuitiv.

00:43:15: Spannend.

00:43:16: Ich hoffe, das ist okay. Ja klar. Dann legen wir los. Sind Sie bereit? Kaffee oder Tee?

00:43:20: Tee.

00:43:21: Mensa oder Brotzeitdose?

00:43:23: Brotzeitdose.

00:43:24: Leberkässemmel oder Couscous-Salat?

00:43:26: Couscous-Salat.

00:43:26: Anruf oder E-Mail?

00:43:28: Anruf.

00:43:29: E-Mail oder WhatsApp?

00:43:30: WhatsApp.

00:43:31: Buch oder Podcast? Buch. Englisch oder Spanisch?

00:43:36: Englisch.

00:43:37: Englisch oder Französisch?

00:43:39: Französisch.

00:43:40: Lehren oder Lernen?

00:43:42: Oh, beides.

00:43:45: Vokabeln oder Grammatiklernen?

00:43:46: Vokabeln.

00:43:47: Kurztrip oder Langzeitaufenthalt?

00:43:50: Langzeit.

00:43:51: Semester oder vorlesungsfreie Zeit?

00:43:53: Beides.

00:43:54: Online oder offline?

00:43:55: Offline.

00:43:56: Samstag oder Sonntag?

00:43:57: Sonntag.

00:43:58: Aufstehen oder snoozen?

00:43:59: Snoozen.

00:44:00: Auto oder Fahrrad?

00:44:01: Fahrrad.

00:44:01: Mit Freunden oder mit der Familie?

00:44:04: Familie.

00:44:04: Land oder Stadt?

00:44:09: Land.

00:44:09: Alt oder neu?

00:44:10: Neu.

00:44:11: Schwarz oder weiß?

00:44:12: Weiß.

00:44:12: Frühmorgens oder spät abends?

00:44:14: Spät abends.

00:44:15: Aufzug oder Treppe?

00:44:16: Treppe.

00:44:17: Gießen oder Göttingen?

00:44:18: Göttingen.

00:44:19: Göttingen oder Regensburg?

00:44:22: Jetzt im Moment Regensburg.

00:44:24: Barock oder Beton?

00:44:26: Beton, Uni Regensburg.

00:44:29: Sie haben es geschafft. Vielen Dank.

00:44:31: Vielen lieben Dank.

00:44:33: Zurück zu BNE. Sie haben vorher schon gesagt, dass es in den Naturwissenschaften oft ein bisschen naheliegender ist. Biologie, Geografie oder so kann man sich ganz gut vorstellen. Politik auch, dass Nachhaltigkeit da ein Thema ist und dass es im Sprachunterricht erst später angekommen ist. Aber wie ist es denn sowohl im Englischunterricht als auch in allen Fächern so grundsätzlich an Schulen? Also wird es denn schon umgesetzt? Machen Schulen das? Machen die das freiwillig? Müssen die das? Wie schaut es aus?

00:45:03: Also Deutschland hat sich verpflichtet, auch diese Leitlinien der UNO und das Programm der UNESCO umzusetzen. Also das ist schon mal etwas, was ja gesetzt ist sozusagen. Wie die einzelnen Bundesländer das jetzt umsetzen, ist unterschiedlich. Es gibt einige Bundesländer, die es in ihre Curricula explizit reingeschrieben haben schon und auch bis in den Sprachunterricht rein. Also NRW zum Beispiel, von Sachsen weiß ich jetzt auch gerade. Und die suchen natürlich dann nach Möglichkeiten, wie sie das machen können. Also was sind denn dann überhaupt die Kompetenzen, die wir hier einfügen können? Ich habe mit einigen Kolleginnen und Kollegen vor drei Jahren ein Buch herausgebracht zur Bildung für nachhaltige Entwicklung im Englischunterricht. Da haben wir uns auf theoretischer und praktischer Ebene damit auseinandergesetzt. Und dieser Band wird jetzt in vielen Stellen, was ja schön ist in der Bildungspolitik, verwendet, um wirklich neue Lehrpläne zu schreiben. An den Schulen, viele Schulen haben das sowieso schon seit Jahren in ihren Programmen drin. Es gibt ganz tolle Beispiele, rassismusfreie Schulen, UNESCO-Schulen. Es gibt Schulgärten, also auch so Umweltprojekte. Also Schulen machen ja schon ganz, ganz viel. Und ich glaube, Bildung für nachhaltige Entwicklung funktioniert dann, wenn wir so einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen, dieser Whole-School-Approach. Das heißt, wenn Lernende auch mitbekommen, dass es der Schule insgesamt ein Anliegen ist, auf den verschiedenen Ebenen von wirklich, sag ich mal, grünem Leben, nachhaltigem Leben, aber auch hin zu Kommunikation. Wie gehen wir sozial miteinander um? Und wenn Lernende sehen, dass es auf allen Ebenen wichtig ist, dass es auch allen Erwachsenen in Schule wichtig ist, dann ist das, glaube ich, etwas, was im Zusammenspiel gut funktionieren wird. Das heißt, es hat sich eine Menge getan in dieser Hinsicht. Und ich glaube, viele Schulen waren bestimmt auch schon an vielen Stellen weiter, als es dann die Bildungspolitik letztlich war.

00:46:54: Also das heißt, es wird an Schulen auch gelebt. Also wenn Sie jetzt gerade so etwas sagen wie Schule ohne Rassismus zum Beispiel. Also es ist wichtig, dass die Kids das nicht nur im Unterricht erfahren als Unterrichtsinhalt, sondern auch in ihrer Schulgemeinschaft.

00:47:06: Unbedingt, genau. Weil es dann ja auch in vielen Schulen Projekte gibt. Es gibt ja auch so Partnerschaften mit anderen Schulen im Ausland, wo sie dann sich auch beteiligen können oder so Fairtrade-Projekte oder so. Und Schulgarten. Es gibt dann eine tolle Schule in Berlin, wo eine Kollegin von mir, die haben so einen großen Schulgarten. Und lesen zum Beispiel im Englischunterricht teilweise auch Texte über Gärten, über die Bedeutung der Natur in Literatur. Und beschäftigen sich dann eben auch auf Englisch damit, was macht eigentlich Natur mit den Menschen? Warum brauchen wir auch in Städten eben möglichst viele grüne Inseln? Und das ist so ein schönes Beispiel, wie verschiedene Fächer da zusammenwirken und wo alle Lehrkräfte im Prinzip zeigen, dass ihnen diese Themen wichtig sind. Und ich glaube, dass das schon zentral ist.

00:47:51: Verschiedene Fächer wirken zusammen, das ist ja glaube ich auch ein Punkt, den wir noch gar nicht so erwähnt haben, dieses interdisziplinäre von BNE. Wenn wir nochmal auf den Englischunterricht zurückkommen, wo sie gesagt haben, dass es da ja erst so ein bisschen später angefangen hat, was ist denn da so ihre Mission? Also wenn ich jetzt sie als Forscherin sehe, sozusagen, was möchten sie spreaden oder an die Lehrkräfte weiterbringen?

00:48:13: Also für mich ist wirklich die Mission dieses Sprachreflexive, dass wir das nachdenken über Sprache und Kommunikation und das befähigen, eine Sensibilisierung dafür, dass es wichtig ist, wie wir kommunikativ miteinander umgehen. Das wäre, glaube ich, so meine Mission. Also dass es im Englischunterricht nicht nur um das Lernen eben und Abfragen von Vokabeln geht und um das Pauken von irgendwelchen Bedingungssätzen oder so, sondern dass man wirklich dafür sensibilisiert, dass es einen Unterschied macht, welche Worte ich wähle und ob ich zum Beispiel jemandem zuhören kann, ob ich auf Leute eingehen kann, ob ich auch meine eigene Position niemanden nicht aufzwingen kann. Wie kann ich überzeugen wollen von meiner Position, ohne dass ich anderen die Position aufzwinge? Bin ich in der Lage, auch mal ein bisschen Abstand zu nehmen und auf meine eigene Haltung draufzuschauen? Also diese ganzen Dinge, das, glaube ich, sollten wir zentral setzen. Vor allen Dingen, auch wenn es um die Diskussion geht, brauchen wir überhaupt noch Fremdsprachenunterricht in Zeiten von KI. Das ist ja auch so eine Riesendiskussion. Wir machen uns alle einen Knopf ins Ohr und ich spreche in meiner Erstsprache und das wird simultan übersetzt und mein Gegenüber kann das dann verstehen und wir können uns unterhalten. Das ist natürlich toll erst mal und ich glaube, es funktioniert auch in Situationen, wo wir schnell Informationen austauschen wollen. Ich bin im Ausland, muss zum Arzt gehen, ich spreche die Sprache nicht. Sowas ist natürlich toll. Aber wie wir ja jetzt heute auch gemeinsam herausgefunden haben, ist Kommunikation ja sehr viel mehr und ich glaube, das sollten wir in Schule in den Vordergrund stellen. Also nicht so wie Herr Kretschmann in Baden-Württemberg gesagt hat, wir brauchen eigentlich keinen Fremdsprachenunterricht mehr in der zweiten und dritten Fremdsprache. Weil wir die KI haben, verkennt eben auch, was Fremdsprachenunterricht alles darüber hinaus noch leistet. Und es geht eben nicht nur um die reine Informations-Transfer. Genau, und das glaube ich wäre, das ist unsere Mission, auch hier so mit den Studierenden, dass wir das in den Vordergrund rücken, was ist und was kann eigentlich Fremdsprachenunterricht.

00:50:08: Sie haben vorher gesagt, dass es neben BNE auch noch andere Querschnittsthemen gibt, die an Schulen wichtig sind. Über KI haben wir gerade noch mal gesprochen, Digitalisierung und so weiter. Und Sie haben da auch schon die Demokratiebildung erwähnt. Jetzt gerade in der heutigen Zeit, also ich meine seit den Wahlen in Amerika, unsere Wahlen, viele haben Angst vor dem Rechtsruck und viele unken eben auch, unsere Demokratie ist in Gefahr. Wie fühlen Sie sich denn damit, wenn Leute so was auch noch, sozusagen auf die Schulen abladen wollen, wenn man sagt, das ist doch alles eine Frage der Bildung, stehen sie da manchmal ein bisschen hilflos da, dass alle Verantwortung auf die Schulen abgeleitet werden soll oder sehen sie das auch als ihre Aufgabe, also nicht nur Nachhaltigkeit, sondern auch Demokratiebildung?

00:50:50: Also ich denke, Demokratiebildung ist ein wichtiger Teil von nachhaltiger Entwicklung auch. Also das Politische, das Soziale ist ja mit in dem Nachhaltigkeitsbegriff auch drin und Demokratie ist ja auch nicht nur eine Staatsform, sondern eben auch eine Gesellschaftsform, eine Sozialform, das heißt, wie wir im Kleinen, da bin ich wieder da, wie gehen wir miteinander um? Ist ein ganz wichtiger Bestandteil auch von Demokratie. Demokratie muss ja auch gelebt werden im Alltag und insofern, denke ich, gehört das unbedingt in Schule mit rein, aber jetzt nicht nur auf der Ebene der Unterrichtsfächer, sondern eben auch in der Schulkultur, ähnlich wie bei BNE auch. Lernende müssen das Gefühl bekommen, dass sie auch in Schule partizipieren können, also dass sie wirklich auch mitreden können, dass es nicht immer nur ein hierarchisches Sprechen in Schule gibt, sondern dass man eben auch seine Meinung äußern darf. Natürlich müssen gemeinsame Regeln dafür festgelegt werden, aber auch das ist ja etwas Gemeinsames. Und ich glaube, dass Schule als, sag ich mal, eine Institution, jetzt als eine Gemeinschaft im Kleinen ganz wesentlich ist für Demokratiebildung. Aber eben, wenn man die Schule als Ganzes und den Umgang als Ganzes betrachtet, von Klassenräten über andere Beteiligungsmöglichkeiten an Schule.

00:52:03: Und viele der Schlüsselkompetenzen, die sie vorher bei BNE erwähnt haben, sind ja deckungsgleich, oder?

00:52:08: Genau, also im Prinzip alles, was ich gesagt habe zu kommunikativen Kompetenzen, Diskursfähigkeit, aber auch sowas wie debattieren lernen. Also Debatten wäre noch mal so eine kommunikative Großform, die auch im Fremdsprachenunterricht geübt wird, auch im Deutschunterricht. Es gibt ja auch Jugend debattiert. Das sind alles Dinge, wo man auch lernt, wie man seine eigene Position vertritt. Und natürlich auch mit rhetorischen Mitteln, wie kann ich andere überzeugen. Immer in dem Bewusstsein, dass natürlich mit rhetorischen Mitteln auch Schind betrieben werden kann. Es gibt Leute, die sind rhetorisch unheimlich stark, die grenzen aber aus und nutzen das eben in einem anderen Sinne. Und das muss man dann wiederum erkennen können. Also dieses kritische Reflektieren über Sprache ist für mich zentral.

00:52:48: Also Sie sehen das eher als faszinierende Herausforderung für die Lehrkräfte und nicht noch als zusätzliche Last.

00:52:54: Genau.

00:52:55: Sehr schön. Vielleicht ganz zum Schluss nochmal persönlich. Also Sie setzen sich so intensiv mit diesen Themen auseinander. Sie müssen ja auch irgendwie davon profitieren. Was macht Ihnen denn am meisten Spaß an Ihrer Arbeit? Was ist der Bonus für Sie?

00:53:09: Das ist leicht für mich zu beantworten. Am meisten Spaß macht mir der Umgang mit Menschen, also die Arbeit mit den Studierenden. Wir haben Seminare gehabt, ich hab's vorhin gesagt, zum Theater spielen, aber auch zu politischer Bildung. Die Auseinandersetzung mit den Studierenden, das Arbeiten an Themen mit Studierenden und dann in meinem Team. Also ich bin totaler Teammensch. Wir sind im Team, wir diskutieren eigentlich jede Woche. Dann gehen wir doch, auch wenn ich vorhin Brotzeitdose gesagt habe, gehen wir mindestens einmal die Woche zusammen in die Mensa. Es wird sehr viel an aktuellen politischen Themen diskutiert, miteinander ausgehandelt und die Themen, die dort auch erforscht werden, wir haben eine Promotion, da geht es um Aushandlung. Was bedeutet eigentlich Aushandlung als Begriff? Was bedeutet Agency, wenn ich eben kommunikativ handeln kann? Das greift alles so ineinander. Und wir leben im Prinzip im Team und mit den Studierenden das, woran wir auch forschen. Und das ist das, was mir am meisten Spaß macht, dass man das zusammenführen, zusammen denken kann.

00:54:09: Klingt, als wären Sie sehr gerne in Ihrem Job.

00:54:12: Sehr gerne.

00:54:13: Freut mich. Frau Professorin Surkamp, herzlichen Dank, dass Sie hier bei mir im Studio waren. Es war wieder super spannend für mich. Schön, dass Sie da waren.

00:54:21: Ja, vielen Dank, dass ich da sein durfte. Hat wirklich Spaß gemacht und danke für die schönen Fragen.

00:54:26: Das freut mich. Ist das der Englischunterricht, den ihr gerne gehabt hättet? Oder habt ihr noch irgendwelche Fragen oder Anregungen an mich oder an Frau Surkamp, liebe Hörerinnen und Hörer? Dann kommentiert diese Folge doch gerne oder schreibt uns eine Mail an kontakt@ur.de. Wir freuen uns wirklich über euren Input. Wenn ihr noch mehr Spannendes über die Forschung hier bei uns an der Uni Regensburg erfahren möchtet, dann abonniert den Gasthörer doch einfach und schaut auch auf jeden Fall mal auf unserem neuen Science-Blog vorbei unter blog.uni-regensburg.de Da findet ihr ganz viele interessante Forschungsnews. Ich freue mich aufs nächste Mal. Dann geht es um Psychologie im Sport, zum Beispiel darum, wie man am besten damit umgeht, wenn man mal nicht so abgeliefert hat, wie man es sich eigentlich gewünscht hätte. Ich hoffe, ihr seid dann auch wieder dabei. Ich bin Katharina Herkommer und ich sage tschüss und bis zum nächsten Mal, liebe Gasthörerinnen und Gasthörer.

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